Was macht eigentlich ... Nick Bollettieri Der Drall-Sergeant

Für die einen ist Nick Bollettieri der beste Tennistrainer der Geschichte, für andere ein Scharlatan. Sicher ist: Er hat den Sport verändert und viele Stars hervorgebracht. Was macht er heute?

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Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Sein Wecker klingelt heute nicht mehr kurz nach vier, also mitten in der Nacht. Nick Bollettieri steht auch nicht mehr bis zu 14 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche auf dem Tennisplatz, die Arme vor der nackten, braun gebrannten Brust verschränkt, einen Tennisschläger umarmend. Auch das morgendliche Fitnessprogramm ist gestrichen, was nicht verwundert: Nick Bollettieri ist inzwischen 86 Jahre alt.

Der Wecker klingelt inzwischen also erst um fünf, das Fitnessprogramm hat er in den Abend verlegt. Zur Arbeit auf dem Tennisplatz in seiner berühmten Academy erscheint er um sechs. "Klar verbringe ich weniger Zeit auf dem Tennisplatz als früher", sagt Bollettieri dem SPIEGEL am Telefon. "Aber ich reise ja auch 225.000 Meilen im Jahr." Er hält Vorträge, gibt öffentliche Trainerstunden, macht Werbung für sich und seinen Sport. "Ich fange gerade erst an." Auch mit dem Vatersein. An seinen beiden Adoptivsöhnen Giovanni, zwölf, und Giacomo, zehn, die er gemeinsam mit seiner achten Ehefrau Cindi aufzieht, hat er viel Freude. "Ich liebe es, ihnen beim Fußballspielen zuzuschauen."

Rund vier Jahrzehnte hat Bollettieri junge Talente vor allem dabei beobachtet, wie sie gelbe Filzbälle über das Netz dreschen. Und je härter sie das taten, desto glücklicher war er. Bollettieri diente als Fallschirmjäger im Marine Corps, den dort erlebten Drill übertrug er auf den Court. 1978 gründete er die Bollettieri Tennis Academy in Bradenton, Florida. Und weil zu Beginn der Raum knapp war, versammelte er auch schon mal bis zu 40 Schüler auf einem Platz. Wer nicht spielte, musste Kraftübungen machen. "Wenn jemand einen Ball verschlug, war Push-up-Time." Liegestütze als Strafe. Und Härte als Erfolgsmodell.

Bollettieri war selbst nie ein herausragender Tennisspieler. Er studierte Jura, suchte dann aber sein Glück als Tennistrainer. Seinem Vater, der sich über die Entscheidung ärgerte, sagte er: "Dad, ich habe zwar von Tennis keine Ahnung, aber ich werde der beste Coach werden, den die Welt jemals gesehen hat."

Hat das geklappt? Zumindest der erfolgreichste Trainer wurde Bollettieri, er erschuf eine Fabrik, durch die heute jährlich mehrere Tausend EleVen geschleust werden.

Sein propagiertes Power-Tennis aus Kraft und Spin wurde stilprägend, die Teenager, die er auf die Profibühne schubste, ebenso. Andre Agassi, Monica Seles, Maria Scharapowa, Anna Kurnikowa, die Williams-Schwestern, Tommy Haas - die meisten kamen früh zu ihm, manche noch als Kinder. Sie verließen ihre Heimat, er gab ihnen die Aussicht auf eine Tenniskarriere. Tausende scheiterten, doch einige kamen durch. Zehn Nummer-eins-Spieler und -Spielerinnen ließen sich von ihm anleiten, 16 trainierten in seiner Academy, die er den "härtesten Spielplatz der Welt" nennt. 1987 schickte er in Wimbledon 37 aktuelle oder ehemalige Schüler ins Rennen.

Bollettieri nannte sich den "Michelangelo des Tennis", in der Branche galt er als "Mr PR". ESPN schrieb: "Seine Fähigkeiten in Eigenwerbung sind überwältigend. Keiner hat dieselbe Wirkung auf Menschen, wenn er mit ihnen in einem Raum ist." Auch deshalb strömten sie zu ihm, die Eltern mit ihren Kindern, angetrieben von großen Träumen und bereit, die Opfer zu bringen: mehr als 30.000 US-Dollar für ein Jahr beim Menschenfänger.

ESPN schrieb weiter: "Und, das muss wohl gesagt werden, diese Tatsache [die Wirkung auf Menschen] verbunden mit seinem übernatürlich goldenen Hautton hat seinem Ansehen im Tennis-Establishment wohl eher geschadet." Und tatsächlich wird Bollettieri ebenso bewundert wie verhöhnt. John McEnroe nannte ihn einen "Scharlatan", er verstehe nichts von Tennis. Auch Martina Navratilova, die im von Bollettieri angeschobenen Trend der Tennis-Akademien die Gefahr des Teenager-Burn-outs sah, war eine prominente Kritikerin.

Erst 2014, weit nach einigen seiner Schüler, wurde er schließlich doch in die Hall of Fame des Tennis aufgenommen. "Ich dachte nicht, dass das noch passiert", verriet Bollettieri ESPN damals. Er sei sprachlos. Das passiere ihm nicht oft. Es ging ihm nah. "Das Establishment sieht ihn immer noch als Außenseiter", sagt Jim Courier, einer seiner berühmtesten Schüler. "Aber ich bin mir nicht sicher, dass er das nicht gut findet."

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Nick Bollettieri: Mentor, Schleifer - Scharlatan?

Wie steht Bollettieri heute zur Kritik? "Es gibt viele negative Dinge, die ich getan habe. Aber hätte ich nachgedacht, bevor ich Dinge getan habe, wäre ich heute nicht dort, wo ich bin. Ich habe nie nachgedacht. Das bin ich. Ja, auf diese Weise habe ich Fehler gemacht." Er weiß jetzt: "Ein Coach kann das Leben eines Schülers zerstören. Wenn er ihr Selbstvertrauen zerstört, können sie offen für Drogen und Alkohol werden." So ähnlich formulierten manche einst ihre Kritik an den Schleifer-Schmieden.

Bollettieri weiß auch, dass das inzwischen zerstörte Verhältnis zu seinem wohl schillerndsten Schüler, Andre Agassi, auf sein Fehlverhalten zurückgeht. 1994 dachte er, er könne Agassi nicht mehr helfen, "ich hatte das Gefühl, ihn nicht mehr zu erreichen". Er schrieb Agassi einen Trennungsbrief, nach neun Jahren, trotz des Vater-Sohn-Verhältnisses. Wenn er über die Geschehnisse von damals redet, wirkt es erstmals so, als müsste er die Worte suchen, die sonst unablässig wie Filzbälle aus der Ballmaschine ploppen. Statt zu schreiben, hätte er zu seinem Schützling fliegen sollen, sagt er sich heute. "Ich hätte mit ihm geredet, ich hätte es ihm erklärt - und wäre dann doch wohl bis heute mit ihm zusammengeblieben."

Es ist das große Schwarze Loch seiner Karriere. Agassi, sein Protegé, dem der Ex-Soldat sogar die langen Haare und die bunten Klamotten hat durchgehen lassen, den er zum Wimbledon-Sieg 1992 coachte, gerade der will bis heute nichts mehr von ihm wissen. In seiner Biografie nennt Agassi Bollettieris Akademie ein "besseres Gefangenenlager", sie "ließ uns zu Tieren werden", zu "Karate Kid mit Tennisschlägern".

Natürlich lässt Bollettieri selbst keine Zweifel an seinem Lebenswerk zu, der Einrichtung, die heute als IMG Academy firmiert und Sportler fast aller großen US-Disziplinen auf der Fläche von 130 Fußballplätzen vereint. Er sagt jedoch auch: "Inzwischen warne ich meine Schüler davor, zu früh Profi zu werden. In den Achtzigerjahren habe ich alle schnell zu Profis gemacht. Heute bin ich sehr vorsichtig. Es ist besser, erst aufs College zu gehen. Wenn es nicht klappt, können sie immer zurück."

Die Zeiten hätten sich geändert. "Von 3000 Profis sind nur ein oder zwei Prozent in der Lage, von Tennis zu leben. Vor 30 Jahren war das anders." Bollettieri hat Boris Becker zur Nummer eins gemacht, er hat die Williams-Schwestern und Martina Hingis trainiert. Monica Seles, die ihn aufgrund ihres Ehrgeizes drei seiner Ehen gekostet habe, hätte die Tenniswelt auf Jahre hinaus dominieren können, wenn ihr nicht ein Irrer im Hamburg ein Messer in den Rücken gerammt hätte.

Was wurde eigentlich aus...
    Außerdem in dieser Serie erschienen: Nokia, Hamburgs Ex-Bürgermeister Ole von Beust, Talkshow-Moderatorin Arabella Kiesbauer, Ehec, Steinkohlebergbau, Radstar Jan Ullrich, Ägyptens Ex-Diktator Hosni Mubarak, Aids, Deutschlandstipendium, Transrapid, Dioxin, Prokon, Chat-Portal Knuddels und viele mehr.
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Doch all das ist lange her. Vielleicht reicht Power-Tennis allein auch nicht mehr. "Es geht nicht mehr nur um Kraft. Die Bewegung, Hände, Augen, Füße - das ist entscheidend", sagt Bollettieri heute. Oft hat er in den vergangenen Jahren von Talenten aus seiner Akademie geschwärmt, geschafft hat es fast keines. Kei Nishikori ist eine Ausnahme, 2015 war der Japaner die Nummer vier der Welt, derzeit belegt er Platz 22.

Menschen, die Bollettieri gut kennen, sagen, er mache sich nichts aus Geld. Und tatsächlich wäre die Frage berechtigt, wann und wie er, dem jeden Tag viel zu schnell die Stunden ausgehen, das Geld überhaupt ausgeben könnte. Er hat einfach zu viel zu tun, sein (selbst gewählter) Auftrag: Die Suche nach dem nächsten Champion, der auch seinen Namen wieder in die Welt trägt. Die Straße zur Academy heißt Bollettieri Boulevard, eine Bollettieri-Statue ziert den Campus. "Meine Karriere ist gerade sehr wichtig", sagt er.

Bollettieri berichtet von seiner Arbeit mit Kindern aus ärmeren Verhältnissen, die er zum Tennissport führt. Von seiner neuen Tätigkeit für den Tennis Channel, für den er virtuell Trainingstipps an interessierte Kollegen verteilt. Vor allem spricht er aber über sein neuestes Denkmal, diesmal auf Film. "Love means Zero" ist eine Dokumentation über den Guru, der sagt: "Gott war sehr nett zu mir. Er hat mir die Fähigkeit gegeben, jemanden anzusehen und sofort zu wissen, ob er besonders ist."

Der Film wird gerade noch auf Festivals gezeigt, Bollettieri ist an dem Werk nur als Protagonist beteiligt und dennoch der beste Verkäufer. Fragt man ihn nach dem Inhalt, zitiert er Boris Becker, der im Film über Bollettieri sagt: "Er steht neben dir, sieht etwas Kleines, gibt dir einen einfachen Tipp und geht wieder. Nick ist ein Genie." Das gefällt Bollettieri. Er lässt es einfach so stehen und schweigt kurz. Ausnahmsweise.



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Seite 1
TS_Alien 11.11.2017
1.
Beim Tennis sind die Schlaglänge und die Schlagrichtung entscheidend. Es bringt meistens nichts, den Ball mit Wucht zu schlagen, wenn die Präzision fehlt. Früher, d.h. in den 80ern und 90ern, hat es Spieler gegeben, die Bälle zentimetergenau plazieren konnten. Die fehlen heute. Das heutige Tennis ist öde geworden. Kaum ein Spieler hat Spielwitz.
Poco Loco 14.11.2017
2. Nur leider ist das Tennis....
...das N.B. über Jahre unterrichtet hat, nicht mehr erfolgreich. Warum sonst kommen aus seiner Akademie, keine erfolgreichen Spieler/innen mehr? Die USA haben ausser den Williams-Schwestern zur Zeit kaum Spieler unter den ersten der Weltrangliste. Vielleicht gibt es auch nicht mehr genug Nachwuchs, weil der Sport an Popularität verloren hat. Die Spiele ziehen sich einfach zu weit in die Länge, da ist es schwer sowas wie Spannung zu erzeugen. Aber das Reglement soll ja jetzt geändert werden, was dem Tennis bestimmt gut tun würde.
kloppskalli 15.11.2017
3. ja ja in den 80ern und 90ern
in den 80ern und 90ern war NICHT alles besser - es gibt genuegend Beispiele auf Youtube... droeges Sicherheitstennis und irgenwann rennt einer mit nem einfachen Slice ans Netz und hofft auf einen unplatzierten Rueckschlag. ich hab mir mal ein Finale von Bjoern Borg auf Sand angesehen.. da wuerde heute kein Zuschauer mehr zugucken wollen. Wer glaubt frueher war alles besser der sehe sich doch bitte mal ein gutes Spiel von Stan Wawrinka und Rafa Nadal an - perfect platzierte Baelle en masse!
kloppskalli 15.11.2017
4. Reglement soll ja jetzt geändert werden
das Reglement sollte besser NICHT geändert warden. Die best of 5 Matches mit Tiebreak bei 3:3 (bei der U22 WM alias "next generation") waren auch nicht kurzweiliger als ein best of 3 Match nach altem modus mit Tiebreak bei 6:6
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