Nicolas Kiefer Meister der verbrannten Erde

Dienstagnachmittag schlägt Nicolas Kiefer beim Masters-Turnier in Hamburg auf. Der 23-Jährige glaubt, in einer Liga mit Pete Sampras und Andre Agassi zu spielen. An spielerischem Talent mangelt es Kiefer nicht, eher an Willensstärke und Kritikfähigkeit.

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Nicolas Kiefer: "Ich bin ein Vorbild für viele Kinder"
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Nicolas Kiefer: "Ich bin ein Vorbild für viele Kinder"

Der braun gebrannte Mann mit Schirmmütze und Kinnbärtchen, der um halb neun Uhr morgens am Düsseldorfer Airport für Charterflug HF 5147 nach Palma de Mallorca eincheckte, gab sich trotz der frühen Stunde bestens gelaunt. Der vergangene Abend sei "wahnsinnig aufregend gewesen".

Nicolas Kiefer, 23, war eigens aus Barcelona ins Rheinland eingeschwebt, um für RTL die Musiksendung "Top of the Pops" zu moderieren ­ ein Gastspiel, das für gewöhnlich Showgrößen wie der ehemaligen Heidekönigin Jenny Elvers oder Nadja Abd El Farrag, besser bekannt als "Naddel", vorbehalten ist. Kiefer, zu Beginn der TV-Aufzeichnung noch "leicht nervös", las fehlerfrei die Namen der Bands von Karteikarten ab ­ und hatte anschließend eine völlig neue Perspektive für sich entdeckt: "Das ist mein Traumjob."

Kiefer möchte gerne ein Weltstar sein

Dass sich auf diese Weise eine berufliche Alternative auftut, könnte für Kiefer eine glückliche Fügung sein. Denn in seinem angestammten Arbeitsfeld ist er nur noch schwer vermittelbar: Kiefers erklärtes Vorhaben, als Tennisprofi zum Weltstar aufzusteigen, zeugt von verwegenem Optimismus.

Statt die Nachfolge Boris Beckers als nationaler Tennisheld anzutreten, hat er es nur in einer Disziplin zu wahrer Meisterschaft gebracht: verbrannte Erde zu hinterlassen. Der Niedersachse aus Dassel-Sievershausen, der sich ständig und von allen verkannt fühlt, verschliss mehrere Trainer, verprellte zahlreiche Berater und legte sich mit den Spitzenfunktionären des Deutschen Tennis Bundes (DTB) an.

Kiefer reklamiert eine Sonderstellung

Nun ist das Ausleben von Ego-Macken ­ auch Becker und Michael Stich pflegten sie ­ an sich kein Problem. Im Falle Kiefer rechtfertigen seine sportlichen Resultate jedoch nur selten die Sonderstellung, die er wie selbstverständlich für sich reklamiert.

Bei 16 Grand-Slam-Turnieren kam er nur viermal ins Viertelfinale; seine sechs Titel gewann er bei nachrangigen Turnieren; im Daviscup verlor er sechs von neun Partien; und in der Weltrangliste, die ihn nur noch als drittbesten Deutschen hinter seinem Intimfeind Thomas Haas und dem Doppelspezialisten David Prinosil führt, rutschte er von Rang 4 auf Rang 37 ab.

Nicolas Kiefer mit DTB-Teamchef Carl-Uwe Steeb: "Mein Traum ist es, den Daviscup zu gewinnen"
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Nicolas Kiefer mit DTB-Teamchef Carl-Uwe Steeb: "Mein Traum ist es, den Daviscup zu gewinnen"

Die anhaltende Kombination aus Erfolglosigkeit und mangelnder Einsicht ("Ich bin ein Vorbild für viele Kinder") hat Kiefers Marktwert schwer ramponiert. Der australische Trainer Bob Brett, der zweieinhalb Jahre mit ihm zusammenarbeitete und ihn bis auf Platz vier in der Weltrangliste brachte, sagt: "Wenn er so weiter macht, dann schafft er den Sprung nach oben nicht mehr."

Der Star-Coach, der Boris Becker Anfang der neunziger Jahre zur Nummer eins geführt hatte, trennte sich von Kiefer, "weil er nicht den Willen hat, alles aus sich herauszuholen". Das Zeug zum Champion fehle ihm, urteilt Brett: "Er wird mit den Erwartungen und dem Druck nicht fertig."

Kiefer hält sich für unfehlbar

Doch Selbstkritik ist Kiefer fremd. Nichts scheint ihm so fern, wie sein Auftreten in Frage zu stellen. Wenn er verliert, plagten ihn entweder Zipperlein, oder der Gegner war eben besser. In seiner eigentümlichen Rechtfertigungs-Diktion rückt er sich die Dinge ganz einfach so zurecht, wie sie ihm passen.

Eine seiner Standard-Ausreden lautet: "Ich muss niemandem mit einem Turniersieg beweisen, dass ich zu den Topspielern gehöre, wenn ich mein bestes Tennis spiele." Eine andere klingt so: "Ich brauche ein bisschen mehr Glück, das ist alles."

Kiefer redet häufig Niederlagen schön

Mitunter mutet grotesk an, wie Kiefer, der für das Turnier am Hamburger Rothenbaum diese Woche gemeldet hat, selbst herbe Niederlagen schönredet. Als er im Daviscup-Viertelfinale Anfang April vom spröden Holländer Jan Siemerink vorgeführt wurde, erschien der Grundlinienspezialist anschließend grinsend zur Pressekonferenz, als habe er soeben den Grand Slam errungen. Vor staunenden Journalisten verkündete Kiefer: "Mein Traum ist es, den Daviscup zu gewinnen. Es ist nur eine Frage der Zeit."

Auch für sein blamables Erstrunden-Aus am Ostermontag in Monte Carlo gegen den Russen Michail Juschny hatte der Norddeutsche eine simple Erklärung parat. Der 18 Jahre alte Qualifikant habe "einfach einen guten Tag" gehabt.

"Ich erlebe hier gerade eine Hinrichtung"

Das erbärmliche 3:6, 0:6 sahen indes nicht alle so entspannt. DTB-Vizepräsident Walter Knapper, der auf dem Centre Court saß, rief noch vor dem Matchball Daviscup-Kapitän Carl-Uwe Steeb an und stammelte auf dessen Mailbox: "Ich erlebe hier gerade eine Hinrichtung." Und ein Journalist der Sport-Zeitung "L'Equipe" höhnte: Kiefer, dessen Mutter aus Frankreich stammt, sei "ein satter Deutsch-Franzose".

Den drängte nach dem Debakel jedoch ein ganz anderes Problem. Kiefer beschwerte sich beim Stadionsprecher, weil der das stumme "s" in seinem Vornamen ausgesprochen hatte. Angesichts solch peinlicher Auftritte erweckt Kiefer den Eindruck, als habe seine Selbsteinschätzung beinahe pathologische Züge.

Nicolas Kiefer mit Daviscup-Kollege Thomas Haas: "Atmosphärische Störungen im Team"
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Nicolas Kiefer mit Daviscup-Kollege Thomas Haas: "Atmosphärische Störungen im Team"

Er wähnt sich auf Augenhöhe mit Pete Sampras und Andre Agassi ­ und ignoriert, dass er bereits von einer jüngeren Generation überholt worden ist. Spieler wie der Russe Marat Safin, 21, der Australier Lleyton Hewitt, 20, oder der Spanier Juan Carlos Ferrero, 21, sind längst internationale Stars.

Mit Kiefer über seinen Absturz aus den Top Ten zu diskutieren ist ein schwieriges Geschäft. Unangenehme Fakten wischt er gern pauschal beiseite ("Quatsch") und spricht dabei schneller als gewöhnlich ­ als ob er wie auf dem Tennisplatz den Gegner mit Tempoverschärfung aus dem Feld schlagen könnte.

"Wenn einer gewinnt, jubeln sie"

Die Deutschen, greint Kiefer, hätten halt viel zu hohe Ansprüche an ihre Sportler. "Wenn einer gewinnt, jubeln sie. Wenn er verliert, lästern sie." Das gehe nicht nur ihm so, das sei bei Michael Schumacher und Martin Schmitt nicht anders.

Dass sich Kiefer mit den beiden populärsten Athleten der Nation vergleicht, entspricht durchaus seinem Selbstverständnis. Sogar fern der Heimat, etwa in Asien, meint er bereits eine Masseneuphorie losgetreten zu haben. "Immer wenn ich dort spiele, drehen die Leute durch." Irgendwie, findet er, sei er unwiderstehlich. "Wenn es eine Aktie von mir gäbe", sagt Kiefer, "müsste die jetzt auf ,strong buy' stehen."

Kiefer kann mit Kritik nicht umgehen

Kiefers verzerrte Wahrnehmung lässt sich durchaus erklären. Weil er Widerspruch nicht duldet, hat er sich von Beratern und Trainern getrennt, die ihm Vorgaben machten oder andere Auffassungen vertraten als er. Kiefer hat sich peu à peu ein Umfeld geschaffen, in dem er uneingeschränkt der Boss ist. Mittlerweile ist der Spieler umgeben von Ja-Sagern und Erfüllungsgehilfen.

Deren Forderungen dokumentieren bisweilen Größenwahn. Der Chilene Patricio Apey, Vizepräsident der amerikanischen Vermarktungs-Agentur SFX, handelt für Kiefer sämtliche Verträge aus und forderte vom DTB für das Daviscup-Engagement in Holland Anfang April zusätzlich die Gage von Thomas Haas, falls dieser nicht spielen sollte. DTB-Mann Knapper, der sich beim Verband immer wieder krumm gemacht hatte für den umstrittenen Profi, lehnte brüsk ab.

Kiefer hat etliche Berater verschlissen

Mehrere Berater sind in den letzten Jahren nacheinander angetreten, Kiefers Imageprobleme zu lösen ­ sie scheiterten. So überwarf sich der Essener Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner mit Kiefer, weil der von Daviscup-Zusagen nichts mehr wissen wollte, die er ihm tags zuvor gemacht hatte.

Auch hielt sich Kiefer nicht an Interview-Absprachen. Schließlich kündigte der Spieler sogar vorzeitig den Vertrag. Dem Juristen wurden die Alleingänge seines Klienten zu dreist. Holthoff-Pförtner verklagte ihn wegen Vertragsbruchs. Mit Erfolg: Kiefer musste 400.000 Mark zahlen.

Nicolas Kiefer nach der Niederlage beim Masters-Turnier in Rom: "Ich brauche ein bisschen mehr Glück, das ist alles"
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Nicolas Kiefer nach der Niederlage beim Masters-Turnier in Rom: "Ich brauche ein bisschen mehr Glück, das ist alles"

Wie gering Kiefers Bereitschaft ist, Anregungen von außen anzunehmen, zeigte auch sein Umgang mit Bob Brett. Der Australier vertritt die Ansicht: "Der Trainer muss sagen, wo es langgeht." Doch Kiefer wollte sich nicht unterordnen. Beim Turnier in Dubai im vorvergangenen Jahr fuhr er den Coach während eines Spiels unwirsch an. Der beleidigte Brett verließ sofort die Loge. "Kiefer macht es sich zu einfach, er duldet keine Kritik."

Auch von Bretts Nachfolger, dem Holländer Sven Groenefeld, hat sich Kiefer schon wieder getrennt. Er ließ sich zunächst für zwei Turniere von Thomas Dappers coachen, einem früheren Honorartrainer des Niedersächsischen Tennisverbandes, den er noch aus seiner Jugendzeit kennt. Jüngst folgte Harald Neuner, ein ehemaliger Bundesliga-Trainer des HTV Hannover, der Kiefer bereits von 1992 bis 1994 betreute ­ mithin beide alte Weggefährten, die ihm ergeben sind.

Die Eltern sind Kiefers größte Fans

Wer sonst noch Kontakt zu Nicolas Kiefer hat, bestimmen die Eltern. Die Abschottung durch Wolfgang und Nicole Kiefer nimmt gelegentlich bizarre Formen an. So verweigerte der Vater bei den US Open in New York 1999 einem DTB-Masseur den Zugang zu seinem Sohn im Hotel: "Die Zimmernummer darf ich Ihnen nicht sagen. Die ist geheim." Selbst Kiefers Freundin Inga muss bisweilen bei Mama und Papa um ein Date mit dem Behüteten bitten.

Die Eltern wähnen sich auf einer Mission. Als Kiefers größte Fans haben sie die Karriere ihres Sohnes vorangetrieben ­ und wollen nun an ihr teilhaben. Das führt, wie unlängst in den Niederlanden, auch im deutschen Daviscup-Team immer wieder zu Spannungen. "Am liebsten", raunzt einer der Mannschaftsärzte über Mutter Kiefer, "würde sie bei Nicolas mit auf der Bank sitzen."

Allüren, aber wenig Selbstkritik

Nicolas Kiefer hat die Allüren eines unreifen, privilegierten Internatsschülers. Einerseits kann er, wenn es ihm geboten erscheint, gewinnend sein, charmant und höflich. Er ist klug, und er ist interessiert. Regelmäßig, so sagt er, lese er den Politik- und Wirtschaftsteil der Tagespresse. Weil er sich auf der Tour intellektuell unterfordert fühlt, hat er unlängst ein Fernstudium in Sport-Marketing aufgenommen.

Andererseits gibt er sich launisch, unverträglich und unzugänglich. Seine misanthropischen Momente lebt er vor dem Computer aus. Stundenlang surft er dann durchs Internet oder unterhält sich mit Menschen, deren Gesichter er nicht ertragen muss. "Chatten", sagt er, "ist eine witzige Beschäftigung."

Nicolas Kiefer mit Freundin beim Sandsurfen in Dubai: "Immer wenn ich in Asien spiele, drehen die Leute durch"
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Nicolas Kiefer mit Freundin beim Sandsurfen in Dubai: "Immer wenn ich in Asien spiele, drehen die Leute durch"

Seine Art von Humor versteht längst nicht jeder. Als das Daviscup-Team im September 1999 in Rumänien antrat, hatte der DTB einen Chatroom für Fans eingerichtet. Kiefer, der sich wegen "atmosphärischer Störungen im Team" geweigert hatte, für Deutschland zu spielen, ging online ­ und bestellte seinen Kollegen, die in Bukarest den drohenden Abstieg abzuwenden versuchten, schöne Grüße von zu Hause.

In die Rolle des Volkshelden schlüpfte derweil Thomas Haas, 23, Kiefers ärgster deutscher Rivale. Der rettete die Daviscup-Equipe vor dem Abstieg, zog sich ein schwarz-rot-goldenes Käppi über und wurde so zum Ersatz-Boris. Das setzt Kiefer heftig zu. Noch immer hängt ihm nach, dass er niemals an Becker vorbeikam. Doch dass ihm nun auch Haas die Show stiehlt, ist für Kiefer, wie ein früherer Vertrauter bemerkt, "ein traumatischer Vorgang".



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