Nikes Weltrekordplan im Marathon Da wird kein Schuh draus

Nike will den Marathon-Weltrekord unter die Grenze von zwei Stunden drücken. Dazu hat sich das Unternehmen alles besorgt, was man für ein perfektes Rennen braucht. Mit Sport hat das allerdings nicht mehr viel zu tun.

Der kenianische Marathon-Olympiasieger Eliud Kipchoge
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Der kenianische Marathon-Olympiasieger Eliud Kipchoge

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Der Sportartikelhersteller Nike plant Großes. Nein, schon falsch, er plant ganz Großes, und zu etwas ganz Großem gehört in der Welt der Industrie eine gewisse Geheimhaltungsstufe. Irgendwann am kommenden Wochenende soll es passieren, wann genau, das weiß man nicht. Aber man kann sich auf der Website des Unternehmens registrieren lassen, dann wird man immerhin auf dem Handy benachrichtigt, wann das Projekt "Breaking 2" angegangen wird.

"Breaking 2", das steht für das Unterfangen, den Marathon-Weltrekord unter die magische Grenze von zwei Stunden zu drücken. Ein Projekt, das Nike vorbereitet, als wolle man die teilnehmenden Läufer auf einen unbekannten Planeten schicken. Trainer, Wissenschaftler, Ingenieure, Mediziner arbeiten seit Monaten an dem Projekt. 30 Millionen Euro soll Nike schon investiert haben, heißt es. Nichts, aber auch wirklich nichts wird dem Zufall überlassen.

Die Nike-Fachleute haben in der ganzen Welt nach der perfekten Rennstrecke gesucht und sie nördlich von Mailand gefunden. Der Weltrekordversuch wird in Monza stattfinden, dort, wo sonst einmal im Jahr die Formel 1 ihre Runden dreht. Das ist vielleicht kein Zufall, dass man einen Ort ausgewählt hat, an dem normalerweise technisch bis ins Letzte ausgetüftelte Rennwagen auf der Strecke sind. Die "Neue Zürcher Zeitung" hat geschrieben: "Menschen sollen zu Maschinen werden, zu Boliden."

Flacher Kurs, keine echten Kurven, ideale Temperaturen

Monza bietet einen völlig flachen Kurs, Kurven, die so weit sind, dass man sie eigentlich gar nicht so nennen kann, dazu Temperaturen Anfang Mai, die gerade in der Frühe ideal zum Laufen sein dürften. Die Läufer warten nur noch auf das Startsignal von Nike, und das wird erst im allerletzten Moment gegeben, wenn alle sicher sind, dass die Bedingungen optimal sind. Wenn es sein muss, startet man auch in der Nacht.

Marathon-Olympiasieger Eliud Kipchoge aus Kenia, der Äthiopier Lelisa Desisa, der den Boston-Marathon 2013 gewonnen hat, und Zersenay Tadese aus Eritrea, Weltrekordler im Halbmarathon, sind die von Nike Auserwählten. Seit Monaten werden sie durchgecheckt, auf Herz und Nieren, sie mussten Thermometer in Tablettengröße schlucken, damit Wissenschaftler die innere Körpertemperatur bis ins Kleinste kontrollieren konnten.

Geführt werden die afrikanischen Top-Stars bei ihrem Rekordversuch von Tempomachern, die alle zwei Runden aussetzen, sich ausruhen können und dann wieder ins Rennen einsteigen. Die Pacemaker sollen das Tempo hochhalten, auf 2:50 Minuten pro Kilometer, die Läufer müssten, um der Schallmauer nahezukommen, die 100 Meter kontinuierlich in 17 Sekunden laufen, und das 422-mal.

Eigentlich geht es um einen Schuh

Der bestehende Weltrekord aus dem Jahr 2014, gelaufen von Dennis Kimetto in Berlin, liegt bei zwei Stunden, zwei Minuten und 57 Sekunden. Die Bestmarke um fast drei Minuten zu unterbieten, dazu haben Läufer zuletzt mehr als 15 Jahre gebraucht. Unter normalen Umständen ist eine solche Steigerung eigentlich nicht möglich. Aber die Umstände sind nicht normal.

Um den Rekord möglich zu machen, werden die drei Top-Läufer am Wochenende mit speziellen Shirts und Hosen ausgerüstet, an ihre Beine werden kleine Kunststoff-Flügel angeklebt, um die Aerodynamik zu verbessern. Dazu - und damit kommen wir zum Kern der Aktion - laufen sie mit einem von Nike konstruierten neuen vermeintlichen Wunderschuh, der rein zufällig im Juni dann auch in einer Ausgabe für Hobbyläufer auf den Markt kommen soll. Der Schuh, mit dem der Fabelweltrekord gelaufen wurde. Das dürfte sich verkaufen.

Offiziell als Weltrekord wird das Ergebnis des Nike-Experiments, auch wenn es glückt, nicht anerkannt. Dazu sind die Bedingungen, unter denen es durchgeführt wird, zu künstlich. Mit einem klassischen Marathon hat das, was Nike plant, denn auch nichts zu tun. Tausende Zuschauer am Streckenrand, enge Kurven, die mitlaufende Konkurrenz, die Stadt als Kulisse - das ist das, was einen Marathon ausmacht. In Monza herrschen Laborbedingungen, und allein das Wort hat einen besonderen Klang, wenn man daran denkt, wie Rekordleistungen in der Leichtathletik über Jahrzehnte zustande gekommen sind.

Dopinggerüchte wuchern ums Oregon-Projekt

Seit 2001 engagiert sich Nike mit viel Geld im Langstreckenlauf. Im Oregon-Projekt hat man Spitzenläufer aus der ganzen Welt zusammengezogen, Großbritanniens Superstar Mo Farah gehört dazu, dort trainieren die Athleten in aller Abgeschiedenheit unter für sie perfekten Bedingungen. Mastermind ist der mindestens umstrittene Starcoach Alberto Salazar, Dopinggerüchte begleiten ihn und seine Sportler seit Jahren, die US-Dopingfahnder der Usada beschäftigen sich immer wieder mit ihm. Bewiesen ist nichts. Gemunkelt wird viel.

Nike hat bislang nie Anlass gesehen, sich von Salazar zu distanzieren, Firmenmitbegründer Bill Bowerman war ein Enthusiast des Oregon-Projekts und trieb es bis zu seinem Tod 1999 voran - zwei Jahre später wurde es dann umgesetzt. Aber auch anderswo in der Leichtathletikszene werden die Versuche von Nike durchaus euphorisch begleitet. Der deutsche Marathon-Rekordhalter Arne Gabius wird in der "Stuttgarter Zeitung" mit dem Satz zitiert: "Es ist wichtig, dass man sich im Sport keine Grenzen setzt."

Vor ein paar Wochen hat die gesamte "Breaking2"-Crew den Olympiasieger Kipchoge in Kenia besucht und ihn und seine Kollegen beim Training beobachtet. Die Nike-Leute sollen sehr gestaunt haben, unter welchen einfachen Bedingungen in Afrika gearbeitet wird. Der US-Sportmediziner Philip Skiba, der zur Delegation gehörte, sagte dem Magazin "Runner's World" anschließend: "Es macht einen demütig, wenn man sieht, wie ein Olympiasieger nach seinem Training Wasser im Eimer aus dem Brunnen zieht."

Es würde niemanden überraschen, wenn Nike in Monza jetzt noch einen original afrikanischen Brunnen aufstellt.



insgesamt 47 Beiträge
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sincere 04.05.2017
1. Bill Bowerman ein Enthusiast des Oregon-Projects?
Herr Bowerman is seit fast 20 Jahren tot. Der Autor is offenbar elementaren journalistischen Standards wie Recherche nicht nachgegangen.
tgu 04.05.2017
2. Trotzdem toll...
wenn denn dann die 2 Stunden unterboten werden. Vielleicht wir aber auch gezeigt, "Tausende Zuschauer am Streckenrand, enge Kurven, die mitlaufende Konkurrenz, die Stadt als Kulisse - das ist das, was einen Marathon ausmacht", und auch die Sportler antreibt.
tupaz 04.05.2017
3. Laufende Experimente
Was Nike dort vorhat und bisher mit den daran teilnehmenden Läufern angestellt hat, ist aufs schärfste zu Verurteilen. Das hat mit Laufsport nichts mehr zu tun. Die armen Läufer werden wie Maschinen hochgezüchtet Wer dann auch noch im Anschluss die Schuhe kauft, dem ist nicht mehr zu helfen.
zyndstoff 04.05.2017
4. Die haben doch eine(n) Macke(r)
"Die Pacemacker sollen das Tempo hochhalten..." Die Macker werden dafür sorgen dass die Läufer wie die Racketen abgehen. Auf einer Strecke ohne Hacken und Ösen. Das wird sicher mackellos. Für diesen schönen Macker sage ich mal: vielen Danck!
tgu 04.05.2017
5. Trotzdem toll...
wenn denn dann die 2 Stunden unterboten werden. Vielleicht wir aber auch gezeigt, "Tausende Zuschauer am Streckenrand, enge Kurven, die mitlaufende Konkurrenz, die Stadt als Kulisse - das ist das, was einen Marathon ausmacht", und auch die Sportler antreibt.
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