Australian-Open-Finalist Murray Der Familienmensch

Novak Djokovic gegen Andy Murray - besser geht es im Männertennis derzeit nicht. Der Brite ist im Finale zwar nur Außenseiter. Dennoch ist er wohl der Einzige, der Djokovic derzeit gefährlich werden kann.

Tennisstar Murray: Wieder zu alter Klasse gefunden
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Tennisstar Murray: Wieder zu alter Klasse gefunden

Von Philipp Joubert


Es ist nur eine kleine Richtigstellung, leicht zu überhören. Doch sie lässt einen kurz stocken, da sie pedantisch, ja, fast unnötig scheint. "Beide meiner Eltern sind sicherlich sehr stolz," sagt Andy Murray. Er hebt dabei nicht die Stimme, man könnte über das Wort "beide" auch hinweggehen, es ignorieren, würde es uns nicht viel darüber erzählen, wer Andy Murray ist. Als Tennisspieler, als Mensch, als Moralist.

Murray hatte gerade im Halbfinale der Australian Open den kanadischen Aufsteiger Milos Raonic in mehr als vier Stunden niedergerungen und fordert jetzt den Weltranglistenersten Novan Djokovic heraus. Wie es die Tradition so will beim "Happy Slam", der seine Stars so gut vermarktet wie kein anderes Tennisturnier der Welt, wird der Sieger nach dem Erfolg zum Interview gebeten. Noch auf dem Platz. Die perfekte Gelegenheit für zwei, drei Minuten unverbindlichen Plausch.

Murray wird vom ehemaligen Sieger Jim Courier, Großmeister der kleinen Unterhaltung, befragt. Der Amerikaner ist jovial, charmant, frech - die Spieler vertrauen ihm offensichtlich. Mit Murray redet er über seine zukünftige Rolle als Vater. Ein großes Thema in diesen zwei Wochen. Besonders in der Boulevardpresse. Ja, ein paar Bücher habe er auf jeden Fall schon gelesen übers Vatersein, berichtet Murray. Aber wer kann sich schon wirklich auf diese Aufgabe vorbereiten, lacht der 28-Jährige.

Murrays Bruder hat schon den Grand-Slam-Sieg sicher

Dann erzählt Courier dem Publikum, dass Andy nicht der einzige Murray in einem Australian-Open-Finale sei. Sein älterer Bruder hat am Samstag das Doppelfinale gewonnen. Eine Rarität. Seit hundert Jahren ist das nicht mehr passiert, zwei Brüder in unterschiedlichen Finals. Courier fragt Andy, wie stolz wohl seine Mutter Judy auf ihre beiden Söhne sei. Judy Murray, Übermutter des britischen Tennis, hat es mit ihrem Anpackercharme in der Tenniswelt fast zu so viel Berühmtheit wie ihr Sohn Andy gebracht. Doch Murray stellt richtig, dass eben beide Eltern stolz auf ihre Söhne sein. Nicht nur Judy, auch sein Vater William, von der Mutter geschieden, in der Öffentlichkeit nicht präsent, ist schließlich Teil des Teams Murray.

Djokovic gegen Murray: Wie hier in Indian Wells siegte meist der Serbe
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Team Murray, der Clan aus Familie, Betreuern, Trainern und engen Freunden ist enorm wichtig für den Wimbledonsieger von 2013. In einem Sport, dessen Grundvoraussetzung ein gesundes Verhältnis zum Individualismus ist, der das Einzelgängertum fördert, hat Murray schon immer an den Teamgedanken geglaubt. Zwar muss er das Gelernte nachher alleine umsetzen, doch für Murray gibt es die Weiterentwicklung nur als gemeinsamen Prozess.

Dafür holt er sich immer wieder mit Sorgfalt ausgewählte Hilfe von außen. Seit 19 Monaten ist das Amélie Mauresmo. Wie Murray ist sie mit den Erwartungen einer Tennisnation aufgewachsen, oft genug gescheitert, am Ende aber doch erfolgreich gewesen. Wie Murray hat auch sie zwei Grand-Slam-Titel gewonnen.

Trainerin Mauresmo mittlerweile von allen anerkannt

Eine Trainerin ist eine absolute Rarität im Herrentennis. Murray, bekennender Feminist und Gerechtigkeitsfanatiker, hat seine Wahl anfangs immer wieder eloquent erklärt - ohne in die Falle der Verteidigung zu laufen. Im letzten Sommer veröffentlichte er einen offenen Brief in der französischen Sportzeitung "L'Équipe": "Ich habe mich immer wohler in der Gegenwart von Frauen gefühlt. Ich finde es einfacher, mich ihnen zu öffnen", berichtete Wohlfühlmensch Murray.

Es sei "ein Jammer, dass es nicht mehr weibliche Coaches gibt. Zwar war das nicht der Grund, warum ich Amélie ausgesucht habe. Aber es könnte uns allen nicht schaden, etwas aufgeschlossener zu sein." Mittlerweile fragt keiner mehr nach Mauresmo.

Weltranglistenerster Djokovic: Siegeswille pur
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Dabei kommt ihr eine zentrale Rolle vor dem Finale am Sonntag gegen Novak Djokovic zu. Nach seinem Wimbledontriumph 2013 war Murray in ein Loch gefallen, musste sich am Rücken operieren lassen. Novak Djokovic, damals noch weitestgehend auf Augenhöhe, zog davon. Roger Federer überholte Murray ebenfalls.

Doch der Brite hat sich auch mithilfe von Mauresmo zurückgekämpft. Sie hat den Perfektionisten entkrampft. Er geißelt sich immer noch auf dem Platz. Er flucht, doch Murray ist nicht mehr so leicht aus der Konzentration zu bringen. Der 28-Jährige hat wieder Vertrauen in seine Vorhand und sein Netzspiel gefunden.

Das ist notwendig. Denn für Murray sind Matches gegen Djokovic zurzeit ein Kampf gegen sein spielerisches Über-Ich. Murray ist ein vorzüglicher Defensivspieler, er ist leidensfähig, retourniert herausragend. All das kann Djokovic auch.

Doch spielt Djokovic im Moment eine solch perfekte Mischung aus Defensiv- und Angriffstennis, dass selbst seine Demontage Federers am Donnerstag im Halbfinale kaum noch Aufsehen erregte. Djokovic gleitet über den Platz, seine Grundlinienspiel unverwüstlich, der Aufschlag immer besser.

So ist er am Sonntag der große Favorit, um Grand-Slam-Titel Nummer elf seiner Karriere zu gewinnen. Damit würde er in der ewigen Bestenliste mit dem Spieler gleichziehen, nach dem der Centre Court in Melbourne benannt ist und der jahrein, jahraus im Publikum sitzt - der australischen Tennislegende Rod Laver.

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Seite 1
mbak19 30.01.2016
1.
Ich glaube, dass noch eher Federer im Stande ist, Djokovic zu schlagen. Für mich steht er noch über Murray. Aber ich bin durchaus positiv von Murrays Entwicklung unter seiner Trainerin überrascht. Man kann sich auf jeden Fall auf das Spiel freuen.
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