Djokovic-Aus bei Australian Open Zeit für große Fragen

Die Führung in der Weltrangliste ist er schon länger los, nun ist Novak Djokovic bei seinem Lieblingsturnier in der zweiten Runde ausgeschieden. Der Serbe ist auf der Suche nach neuen Zielen.

Istomin (l.), Djokovic
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Istomin (l.), Djokovic

Aus Melbourne berichtet Philipp Joubert


Die Lippen zusammengepresst und den Blick nach unten gerichtet, verließ Novak Djokovic die Rod Laver Arena, den Centre Court der Australian Open. Er war auf dem Weg in die Umkleide, der Frust über die gerade erlittene Niederlage war ihm deutlich anzusehen. Er hatte keinen Blick für das große Plakat, das dort im Tunnel zwischen Tennisplatz und Kabine hängt: der jubelnde Djokovic, Seriengewinner der Australian Open.

Das erste Grand-Slam-Turnier ist der Ort, an dem Djokovic den Grundstein für seine jahrelange Dominanz des Herrentennis gelegt hatte. 2008 hat er hier zum ersten Mal triumphiert, sechsmal insgesamt, auch in diesem Jahr ging er wieder als Titelverteidiger an den Start. In den vergangenen sechs Jahren hat er hier überhaupt nur einmal verloren. Dann kam der Usbeke Denis Istomin und besiegte ihn 7:6, 5:7, 2:6, 7:6 und 6:4.

Djokovic überließ seinem Bezwinger rasch die große Bühne, streckte dem Publikum einen in die Höhe gereckten Daumen entgegen - und war verschwunden. Istomin, 30 Jahre alt und auf Platz 117 der Weltrangliste, wurde auf dem Platz seines bisher größten Erfolges vom ehemaligen Sieger Jim Courier gefragt, wie diese Sensation hatte zustande kommen können. Doch Istomin antwortete nicht und ging stattdessen gleich zur Danksagung über. Er bedachte seine Mutter, sein Team und die begeisterten Zuschauer.

Djokovic-Bezwinger Istomin
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Djokovic-Bezwinger Istomin

Djokovic sah bei seinem Abgang aus, als sei er mit seinen Gedanken ganz woanders. Er wird sich jetzt große Fragen stellen, zum Beispiel diese: War der 19. Januar 2017 das endgültige Ende der Ära Djokovic? Oder wird er Andy Murray noch mal von Platz eins der Weltrangliste verdrängen können?

15 Minuten nach Spielende wollte Djokovic in der anschließenden Pressekonferenz über solch gewichtige Fragen noch nicht sprechen. Normalerweise kann man bei dem Serben dort die gleiche Körperspannung beobachten wie auf dem Platz. Meist sitzt er ganz vorn auf der Stuhlkante, die Arme aufs Pult gelehnt und schaut erwartungsvoll in Richtung der Journalisten.

Große Fragen, keine Antwort

Diesmal drückte er sich etwas ermattet in die Stuhllehne und lobte seinen Gegner: "Denis hat heute einfach großartig gespielt, gerade in den entscheidenden Momenten. Er war aggressiv und hat sehr gut aufgeschlagen." Mit der eigenen Leistung war Djokovic, dessen große Stärke normalerweise das Neutralisieren von Angriffsspielern wie Istomin ist, natürlich nicht. "Aber ich muss meinem Gegner an einem Tag wie heute einfach gratulieren."

Istomin hatte in dem 4:48 Stunden währenden Match in der Tat äußerst präzise gespielt. Er ließ sich nicht von der Grundlinie zurückdrängen, änderte gekonnt die Richtung der Bälle von Djokovic, schickte sie immer wieder als Gewinnschläge die Linie entlang. Istomin galt stets als großes Talent, als jemand, der das Publikum unterhält, in dem er Gegner vom Kaliber Djokovics zu ihrem besten Tennis zwingt. Aber genau das konnte der Superstar in diesem Match nie konstant zeigen.

Djokovic versuchte sich in der Pressekonferenz an Erklärungen, sprach von einem Spielerfeld, das stets besser werde. "Die Qualität im Tennis zieht jedes Jahr an," sagte er. Mehrmals brach Djokovic die Niederlage auf die schlichte Formel "Das ist Sport - jeder kann jeden schlagen" herunter.

Djokovic bei der Pressekonferenz
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Djokovic bei der Pressekonferenz

Als Analyse, warum er, der zwölffache Majorsieger, an diesem Außenseiter gescheitert ist, wird dieses Fazit Djokovic nicht weiterbringen. Aber er ist bekanntlich ein Meister darin, mit vielen Worten wenig preiszugeben. Und er hat in den vergangenen Jahren immer wieder bewiesen, dass er nicht nur härter als die Allermeisten arbeitet, sondern Niederlagen und Schwächen akribisch aufarbeitet und seine Schlüsse daraus zieht.

So konnte sich Djokovic seit seinem ersten Australian-Open-Sieg vor neun Jahren stets verbessern. Er hat taktische und spielerische Mittel gefunden, um Roger Federer und Rafael Nadal in den direkten Duellen zu beherrschen und mit fast unerhörter Konstanz das Tennis zu dominieren. Auch als das geschafft und die Spitze erreicht war, schien seinem Tun noch immer der Wunsch innezuwohnen, weiter zu suchen, Erfüllung zu finden, der Wahrheit noch etwas näher zu kommen.

Dabei scheint sich Djokovic seit seinem French-Open-Sieg im Juni 2016 etwas verheddert zu haben. Wie kann die neue Erfüllung aussehen, nachdem er alles gewonnen hat? Was sind die neuen Ziele? Mit diesen Fragen haderte der Serbe in den vergangenen Monaten - auch öffentlich.

Welche Antworten er findet, ob er nach Boris Becker noch mal einen prominenten Coach anheuert, einer der ihm Neues beibringt, frische Einblicke - all das wird zu den großen Tennisgeschichten des Jahres gehören.



insgesamt 16 Beiträge
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thequickeningishappening 19.01.2017
1. Die große Frage ist
ob ich jetzt naechsten Freitag oder Sonntag nach Melbourne fahre? Ich esse dann ne Bratwurst mit Senf am Markt, ein it. Eis für meine Frau in Lygon St, schau mir die Touristen vom Yarra River an und geh zum Picknick in den Botanical Garden. Sollte der Bub aus der Schweiz den Rekord nochmal brechen kauf ich mir nen Sixpack und nehm ein Taxi!
Markus.Wohlers 19.01.2017
2. Er ist wohl der beste Tennis Spieler aller Zeiten
Es ist natürlich eine grosse Überraschung, dass gerade Novak Djokovic (den ich für den besten Tennis Spieler aller Zeiten halte) gerade in Melbourne in fünf Sätzen gegen einen unbekannten Spieler verliert. Nichtsdestotrotz finde ich nichts ungewöhnliches in seiner Aussage, dass im Sport alles möglich ist. Vielleicht träumen viele davon, dass dies das Karriereende von Djokovic bedeutet, aber diese Leute haben nichts begriffen. Sie kennen Novak Djokovic nicht. Er ist ein Kämpfer, ein Sieger. Ich bin mir sicher, dass er z.Zt. ein mentales Problem hat. Es ist nur eine Frage der Zeit bis er es gelöst hat und dann kommt er zurück stärker denn je. Ich hoffe, dass er und Boris Becker wieder zusammenfinden. Die Beiden sind ein Dream Team.
Celegorm 19.01.2017
3.
Zitat von Markus.WohlersEs ist natürlich eine grosse Überraschung, dass gerade Novak Djokovic (den ich für den besten Tennis Spieler aller Zeiten halte) gerade in Melbourne in fünf Sätzen gegen einen unbekannten Spieler verliert. Nichtsdestotrotz finde ich nichts ungewöhnliches in seiner Aussage, dass im Sport alles möglich ist. Vielleicht träumen viele davon, dass dies das Karriereende von Djokovic bedeutet, aber diese Leute haben nichts begriffen. Sie kennen Novak Djokovic nicht. Er ist ein Kämpfer, ein Sieger. Ich bin mir sicher, dass er z.Zt. ein mentales Problem hat. Es ist nur eine Frage der Zeit bis er es gelöst hat und dann kommt er zurück stärker denn je. Ich hoffe, dass er und Boris Becker wieder zusammenfinden. Die Beiden sind ein Dream Team.
Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Fakt ist halt, dass gerade bei solch hochkompetitiven Einzelsportarten das Eis extrem dünn ist und extrem viele verschiedene Faktoren zusammen kommen, auch manche, die nicht beeinflussbar sind. Wenns auf einmal nicht mehr so läuft, kann es darum schwierig sein, wieder in die richtige Spur zu kommen. Djokovic hat sicher das Potential dafür und ihn abschreiben zu wollen, wäre lächerlich. Ich sehe es auch als sehr wahrscheinlich, dass er noch einmal zurück kommt, ähnlich wie Federer, den nach 2010 auch viele schon im Ruhestand sahen, aber sich dann noch einmal mit einem Wimbledon-Sieg und der Nr.1 zurück meldete. Aber wie bei Federer dürfte es schwierig bis unmöglich sein für Djokovic, noch einmal zu der vorherigen Dominanz zurückzukehren. Alleine weil er auch nicht jünger wird und die Konkurrenz nicht schläft. Aber letztlich wird man spätestens im Sommer sehen, in welche Richtung es nun vorerst gehen wird..
Bueckstueck 19.01.2017
4.
Zitat von Markus.WohlersEs ist natürlich eine grosse Überraschung, dass gerade Novak Djokovic (den ich für den besten Tennis Spieler aller Zeiten halte) gerade in Melbourne in fünf Sätzen gegen einen unbekannten Spieler verliert. Nichtsdestotrotz finde ich nichts ungewöhnliches in seiner Aussage, dass im Sport alles möglich ist. Vielleicht träumen viele davon, dass dies das Karriereende von Djokovic bedeutet, aber diese Leute haben nichts begriffen. Sie kennen Novak Djokovic nicht. Er ist ein Kämpfer, ein Sieger. Ich bin mir sicher, dass er z.Zt. ein mentales Problem hat. Es ist nur eine Frage der Zeit bis er es gelöst hat und dann kommt er zurück stärker denn je. Ich hoffe, dass er und Boris Becker wieder zusammenfinden. Die Beiden sind ein Dream Team.
Der Beste aller Zeiten ist er sicher nicht. Und ob er stärker zurück sein wird, darf auch mal angezweifelt werden, denn er wird auch nicht jünger und sein Spiel basiert ja zum grossen Teil auf seiner Dynamik und Kraft. Ein bisschen wie Nadal halt. Federer, den man noch eher als den Besten aller Zeiten bezeichnen könnte, spielt in seinem "hohen Alter" ja noch so gut mit, weil er ganz andere Stärken hat. Die Besten Zeiten hat Djokovic hinter sich und das könnte die Ursache für ein mögliches mentales Problem sein... wäre ein Teufelskreis aus dem er nicht ausbrechen kann.
peterka60 19.01.2017
5. Ich bin da anderer Meinung
Zitat von Markus.WohlersEs ist natürlich eine grosse Überraschung, dass gerade Novak Djokovic (den ich für den besten Tennis Spieler aller Zeiten halte) gerade in Melbourne in fünf Sätzen gegen einen unbekannten Spieler verliert. Nichtsdestotrotz finde ich nichts ungewöhnliches in seiner Aussage, dass im Sport alles möglich ist. Vielleicht träumen viele davon, dass dies das Karriereende von Djokovic bedeutet, aber diese Leute haben nichts begriffen. Sie kennen Novak Djokovic nicht. Er ist ein Kämpfer, ein Sieger. Ich bin mir sicher, dass er z.Zt. ein mentales Problem hat. Es ist nur eine Frage der Zeit bis er es gelöst hat und dann kommt er zurück stärker denn je. Ich hoffe, dass er und Boris Becker wieder zusammenfinden. Die Beiden sind ein Dream Team.
Wenn man alle vorhandenen Fakten berücksichtigt, ist eindeutig Roger Federer der beste Spieler aller Zeitern und wird es wohl noch lange bleiben. Djokovic ist sicher auch einer der besten, aber halt nur einer der Besten.
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