Nowitzki-Mentor Geschwindner Philosoph im Holzfällerhemd

Kritiker werfen Holger Geschwindner Inkompetenz, Größenwahn und Jugendverführung vor. Für Deutschlands Basketballstar Dirk Nowitzki ist der Ex-Nationalspieler dagegen "Manager, Mentor, Coach, Freund und manchmal auch zweiter Vater". Das Porträt eines Mannes, der gerne aneckt.

Von Andreas Kröner


Mentor Geschwindner (r.), Schützling Nowitzki: "Nicht gelungen, sein Talent zu zerstören"
Jens Schmidt

Mentor Geschwindner (r.), Schützling Nowitzki: "Nicht gelungen, sein Talent zu zerstören"

Würzburg - Die Operation NBA beginnt für Dirk Nowitzki im März 1998 wie eine Szene aus "Aktenzeichen XY". Ein großer Mann mit lichtem Haar fährt eines Abends mit dem Auto vor und nimmt den 19-Jährigen mit zum Flughafen. Beide verschwinden. Erst als der blonde Junge wenige Tage später beim "Hoop Summit" in San Antonio als Spieler einer Weltauswahl die besten US-Nachwuchskräfte mit 33 Punkten nahezu im Alleingang aus der Halle schießt, wissen die verdutzten deutschen Auswahltrainer, wo ihr talentiertester Spieler abgeblieben ist.

Während in Amerika Basketball-Ikone Charles Barkley beeindruckt vom Auftritt des jungen Deutschen ist, kommen aus der Heimat schwere Vorwürfe: Jugendverführung wirft man dem großen Mann mit den grauen Haaren vor, der in Deutschland einen schlechten Ruf genießt: Holger Geschwindner ist seit 1995 Nowitzkis Privatlehrer und will aus dem Talent einen NBA-Profi formen. Seine Kollegen halten ihn für größenwahnsinnig und eigensinnig. Als der damalige Bundestrainer Henrik Dettmann Nowitzki 1998 erstmals in die Nationalmannschaft beruft, beim Spiel aber nicht eingesetzt, holt ihn Geschwindner kurzerhand aus dem Quartier des Nationalteams ab und fährt nach Hause. Dieser Mann ruiniere ein Talent, befürchten die Basketballexperten - Geschwindner hat nicht mal einen Trainerschein.

Privatleben im Schloss

"Trotz der Summe meiner Unfähigkeiten ist es mir nicht gelungen, sein Talent zu zerstören", sagt Geschwindner heute und grinst, wenn er an die "teilweise erheblichen Widerstände" in der Anfangszeit zurückdenkt. Die Genugtuung ist bei dem 1,95 Meter großen Mann, der auf und jenseits des Basketballfeldes meist in Holzfällerhemd oder Pullover anzutreffen ist, nicht zu übersehen. Sicherlich gebe es immer wieder Anfragen von Spielern und Vereinen, aber "die Versuche, mich ein bisschen weiter in die Basketballwelt hineinzuziehen, haben keine Erfolgsaussichten. Ich habe neben dem Basketball noch genug andere Dinge zu tun".

Ex-NBA-Star Barkley: Beeindruckt vom jungen Deutschen
REUTERS

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Geschwindner hat sich nie auf den Sport festgelegt. Im hessischen Laubach ging er zur Schule und machte seine ersten Dribblings. Nach Abitur und Bundeswehr wechselte er zum MTV Gießen. Mit dem hessischen Traditionsclub wurde er dreimal Deutscher Meister, parallel dazu studierte er Mathematik und Physik. 1971 ging er nach München, widmete sich der Philosophie und forschte am Max-Planck-Institut. Bei seinen späteren Vereinen Bamberg, Göttingen und Köln ließ er sich stets genügend Freiheiten zusichern, um parallel Forschungsaufträgen nachzugehen zu können. Obwohl Geschwindner 1971 wertvollster EM-Spieler und nach seinen starken Auftritten als Kapitän der Deutschen Olympiamannschaft 1972 mit sowjetischen und amerikanischen Spielern verglichen wurde, war die NBA für ihn selbst nie ein Ziel - der Kontakt zum US-Profisport hätte ihm die Starterlaubnis für die Sommerspiele gekostet.

Als der Methusalem mit 42 Jahren als ältester Bundesligaspieler seine aktive Karriere beendet, hat er bereits ein eigenes Projekt-Management-Unternehmen. Heute liegt sein Büro in einem Gewerbegebiet nördlich von Bamberg, privat lebt er in einem Schloss im Umland. Seine Firma arbeitet wie eine Unternehmensberatung, "doch wir erzählen nicht nur, wie es gehen könnte, sondern führen die Projekte auch durch", erklärt Geschwindner. Gerade ist er dabei, für einen Seilbahnhersteller ein Berechnungs- und Kalkulationsprogramm zu entwerfen.

"Man muss die richtigen Leute treffen"

Geschwindner gefällt sich im Klischee des Workaholics. Wenn man sich mit ihm unterhält, klingelt das Mobiltelefon häufig. Basketball steht nur im Mittelpunkt, wenn er Nowitzki im Sommer auf die NBA-Saison vorbereitet. Während der Serie telefonieren beide fast täglich, besprechen Training, Spiele aber auch Probleme abseits des Feldes. Wird Geschwindners Hilfe gebraucht, geht es ganz schnell: "Ein Anruf genügt, ich kaufe mir ein Flugticket und bin da."

Nowitzki: "Hatte mit Holger Riesenglück"
DPA

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Als Nowitzki in seinem ersten NBA-Jahr Probleme hat, besucht ihn Geschwindner achtmal in Dallas. Auch heute ist er oft zu Gast. "Er kommt während der Serie alle ein- bis zwei Monate. Er kennt mich mittlerweile so lange, dass er kleine Fehler, die sich immer wieder einschleichen, sofort erkennt", sagt Nowitzki SPIEGEL ONLINE. "Wir trainieren dann eine halbe Stunde und die Fehler sind wieder auspoliert." Obwohl die letzten Jahre für ihn sehr gut verlaufen seien, "ist es mir sehr wichtig, dass Hodge" - so lautet Geschwindners Spitzname - "nach wie vor vorbeikommt".



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