Olympia 2008 China blendet die Welt

"Die besten Olympischen Spiele aller Zeiten", so nennt der einstige IOC-Mogul Samaranch die Wettkämpfe in China. Tatsächlich waren es wohl eher die größten Spiele aller Zeiten. Zurück bleiben wenige Gewinner und eine Menge Zweifel.

Aus Peking berichtet


Achtmal Gold für US-Schwimmer Michael Phelps, drei für Jamaikas Sprinter Usain Bolt. 51 Mal Gold insgesamt für China. Dutzende Weltrekorde in Leichtathletik und Schwimmen, einer phantastischer und damit fragwürdiger als der andere. Die Olympischen Spiele von Peking waren ein einziger Superlativ. Nicht nur sportlich.

Bombastischer Feuerzauber und perfekte Massenchoreografien sorgten bei der gigantischen Abschlussfeier der Spiele in Peking erneut für ein staunendes Milliardenpublikum. Bunt gemischt zogen die Athleten ins "Vogelnest", das Nationalstadion, ein. Am Ende blickten 91.000 Zuschauer im Stadion und Millionen Fernsehzuschauer in aller Welt auf die nächsten Olympischen Spiele 2012 in London: Von einem roten Doppeldeckerbus als Bühne spielte Led-Zeppelin-Gitarrist Jimmy Page den Rockklassiker "Whole Lotta Love", Fußballstar David Beckham kickte einen Ball ins Stadion. Dann erlosch die olympische Flamme - und ein gigantisches Feuerwerk erhellte den Himmel über Peking.

Doch der schöne Schein konnte nicht über eines hinwegtäuschen: Noch nie zuvor war ein sportliches Großereignis politisch derart aufgeladen. Diese Spiele sollten China öffnen, über die symbolische Kraft des Sports wurde gesprochen, und als ab 2007 den ausländischen Journalisten freie Recherche garantiert wurde, galt das als erstes Zeichen, dass die Öffnung schon begonnen habe.

Doch es gab die Garantie der Reisefreiheit nur auf dem Papier. Kritische Berichterstattung über Umweltthemen wurde auch im Jahr 2008 von den Behörden unterbunden. Und der freie Zugang zum Internet während der Olympischen Spiele war plötzlich nur eingeschränkt möglich. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) feierte später die kleinen Zugeständnisse der Organisatoren als Erfolg - dabei hatte das IOC vor den Spielen den uneingeschränkten Zugang gefordert. "Wir sind Idealisten, und Idealismus kann immer zu einer gewissen Naivität führen", sagte IOC-Präsident Rogge zur Abkehr von den ursprünglichen Forderungen.

Rogge wurde zum ersten Verlierer der Spiele.

Dabei war die Haltung des IOC eigentlich nur konsequent. Schon als China 2001 die Olympischen Spiele zugesprochen wurden, blieb die Menschenrechtssituation in China ausgeklammert - der damalige IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch wollte seinen Favoriten unbedingt durchbekommen. Wen wundert es also, dass der 88-jährige Spanier heute erklärt, es hätten in Peking die "besten Spiele aller Zeiten" stattgefunden?

Die besten Spiele aller Zeiten?

Die größten waren es sicher, mit sieben Millionen Zuschauern in den Stadien und Hallen. Perfekt organisiert, mit freundlichen, hilfsbereiten Freiwilligen, großartigen Sportstätten und einer ganz eigenen Atmosphäre. Mit enthusiastischen chinesischen Fans. Mit Sportlern, die ihr olympisches Dorf in jedem Kommentar lobten. Aber es war eine heile Welt hinter Sicherheitsschleusen und Zäunen. Eine Insel. Die Realität im echten Peking sind Protestparks, in denen niemand protestieren darf, und Überwachung überall. Wer die Volunteers nach Sehenswürdigkeiten fragte, bekam keine Antwort.

Die besten Spiele aller Zeiten?

51 Goldmedaillen für China. Eine unfassbare Häufung von Siegen, die sicher auch auf harte Arbeit zurückzuführen ist und auf die besondere Motivation, vor heimischem Publikum zu glänzen. Aber nur? 5000 Mal seien die Olympiaathleten vor den Spielen kontrolliert worden, berichtete die chinesische Anti-Doping-Agentur. Unter einem halben Prozent seien nur positiv gewesen, hieß es in einem ARD-Bericht. Eine verschwindend geringe Zahl.

Für Jamaika holten die Sprinter und Sprinterinnen sechsmal Gold, Usain Bolt allein dreimal - mit drei Weltrekorden. Fabelzeiten gab es auch im Schwimmbecken. Täglich wurden Weltrekorde gebrochen. Michael Phelps, der König der Spiele, holte sich allein sieben davon bei seinen acht Goldmedaillen. In acht Tagen.

Frankie Fredericks, Ex-Sprinter und Vorsitzender der Athletenkommission des IOC, sagt: "Ich denke, wir können den Betrug niemals stoppen, aber ich denke, 99,9 Prozent der Sportler sind sauber."

Die Glaubwürdigkeit des Sports wurde zum zweiten Verlierer der Spiele.

Gewonnen haben die Sportler, die nicht durch Rekorde auffielen, sondern durch ihre Geschichte. Die georgische Schützin Nina Salukwadse und ihre russischen Konkurrentin Natalja Paderina, die sich nach dem Wettkampf um den Hals fielen, während ihre Heimatländer Krieg führten. Athleten wie die beinamputierte Langstreckenschwimmerin Nathalie du Toit aus Südafrika. Oder der deutsche Gewichtheber Matthias Steiner, ein eingebürgerter Österreicher, der im letzten Versuch gewann, dann die deutsche Nationalhymne sang und später das Foto seiner verstorbenen Frau in die Kamera hielt.

Als Gewinner darf sich auch der Deutsche Olympische Sportbund fühlen, weil er sein Ziel erreicht hat: 16 Goldmedaillen, zwei mehr als in Athen vor vier Jahren, Platz fünf im Medaillenspiegel. Doch die Feiern dürften nicht lange dauern. Denn gleichzeitig überzeugte mit Britta Steffen (zweimal Gold) lediglich eine Schwimmerin. Ruderer und Radsportler blieben hinter den Erwartungen zurück. Und die deutsche Leichtathletik fuhr mit nur einer Bronzemedaille ihr schlechtestes Ergebnis seit 1904 ein. 2009 findet in Berlin die Leichtathletik-WM statt.

Vier Jahre sind es noch bis zu den nächsten Sommerspielen in London. Und Jaques Rogge wirkte nach seiner Bilanz-Pressekonferenz in Peking erleichtert, dass jetzt alles vorbei ist. Zwar würden es die Briten schwer haben, mit China zu konkurrieren, aber der nächste Gastgeber habe andere Qualitäten in die Waagschale zu werfen: "London ist sehr kosmopolitisch, multiethnisch, multireligiös", sagt Rogge.

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