Olympia-Bilanz: Holt die Spiele nach Deutschland!

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Die deutsche Olympiamannschaft hat in London einen guten, aber keinen sehr guten Auftritt hingelegt. Die meisten Favoriten erfüllten ihre Pflicht, es fehlte der große Überraschungssieger. Um erfolgreicher zu sein, braucht es mehr Geld - oder die Spiele im eigenen Land.

Deutsche Olympia-Bilanz: Gewonnen - und doch verloren Fotos
REUTERS

Erst einmal die nackten Zahlen: Deutschland hat bei diesen Olympischen Sommerspielen nach jetzigem Stand 44 Medaillen errungen. Das sind drei mehr als vor vier Jahren in Peking. Unterm Strich waren es also erfolgreiche Spiele für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).

Aber: Die Beckenschwimmer holten keine einzige Medaille. Die Schützen auch nicht. Bei den Seglern herrschte totale Edelmetall-Flaute. Insgesamt gewannen deutsche Sportler elfmal Gold, fünf weniger als 2008. Unterm Strich waren es also erfolglose Spiele für den DOSB.

Woran bemisst sich Erfolg im Sport? Nur an ersten Rängen? Oder auch an erreichten Finals, an der Teilnahme überhaupt? Dass die Bedeutung des Sports über die Medaillensammelei hinausgeht, wird alle vier Jahre dermaßen penetrant betont, dass es mittlerweile zum Allgemeinplatz geworden ist. Letztlich jedoch, wenn der Spitzensport ehrlich zu sich selbst ist, definiert er sich bei den Spielen genau darüber. Der Medaillenspiegel lügt nicht.

Fast die Hälfte der Goldmedaillen auf dem Wasser

"Die Leistungen des deutschen Teams haben meine Erwartungen übertroffen, es war ein glänzender Auftritt der Mannschaft", hat DOSB-Chef Thomas Bach bilanziert. In Teilen liegt er damit richtig. Einzelne Verbände haben ihre Athleten tatsächlich auf den Punkt topfit nach London geschickt. Rudern, Kanu - fast die Hälfte der deutschen Goldmedaillen wurde auf dem Wasser des Dorney Lakes geholt. Und die Leichtathleten haben sich von ihrem tiefsten Tiefpunkt in Peking erholt.

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Heidemann, Jung & Bischof: Die deutschen Medaillengewinner
Es waren also vor allem diejenigen, von denen man schon im Vorfeld Gold erwartet hatte, die sozusagen ihre Pflicht erfüllten: Der Ruderachter, Diskuswerfer Robert Harting, das Hockey-Team der Männer, die Kanuten. Sie haben dem Druck standgehalten. Aber den großen Überraschungs-Olympiasieger gab es bei diesen Spielen aus deutscher Sicht nicht. Es fehlte in London ein Matthias Steiner von Peking.

Selbst die beiden Beachvolleyballer, die in Deutschland für die meiste Olympia-Euphorie sorgten, gehörten schon vor den Wettkämpfen zum Favoritenkreis. In der Zielvereinbarung des Volleyball-Verbandes mit dem Bundesinnenministerium ist sogar eine Goldmedaille für die Londoner Spiele vermerkt.

Auf Augenhöhe mit großen Sportnationen

44 Medaillen - das ist alles in allem ein guter Wert für den deutschen Spitzensport. Kein Vergleich natürlich mit den beiden Topnationen USA und China, deutlich schwächer auch als die Ausbeute des Gastgebers Großbritannien. Aber auf Augenhöhe mit anderen großen Sportländern: Frankreich, Australien, Italien oder Japan. Bach sagt: "Es kann nicht unser Ziel sein, uns mit China zu messen." Die Trainingsmethoden, die sportmedizinische Betreuung, die Talentsichtung der Chinesen - so etwas wäre hierzulande nicht vermittelbar. Es wäre vor allem nicht gewollt. Zu einer freien, demokratischen Gesellschaft gehört auch das Recht, auf den bedingungslosen Erfolg zu verzichten.

Was nicht heißt, dass es nicht auch in Deutschland möglich wäre, mehr erfolgreiche Spitzensportler zu formen. Dazu müsste aber der Schulsport ausgebaut und gestärkt werden. Dazu müssten Schwimmbäder für Kinder und Jugendliche besser zugänglich sein. Dazu müssten Trainer besser bezahlt werden. Ohne zusätzliches Geld geht das alles nicht. "Jeder Euro, der in den Sport gesteckt wird, ist gut investiertes Geld", sagt Bach. Er muss das als Sport-Lobbyist allerdings auch so sagen.

Viel wird jetzt vom Vorbild Großbritannien gesprochen. Die Briten haben wahrlich eine phänomenale Bilanz vorzuweisen. Sie haben mit Langstreckler Mo Farrah, mit Bahnradfahrer Chris Hoy, mit Siebenkämpferin und Poster-Girl Jessica Ennis Sportler, die in den Heldenstatus aufgerückt sind, beflügelt vom Enthusiasmus der Zuschauer, von der Begeisterung eines ganzen Landes getragen. Wie nachhaltig das allerdings ist, wird sich erst in vier Jahren in Rio de Janeiro zeigen.

Sich an den Briten zu orientieren - das wäre im Grunde ganz einfach. Man müsste nur die Olympischen Spiele nach Deutschland holen.

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insgesamt 131 Beiträge
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1.
th89cz 12.08.2012
Zitat von sysopREUTERSDie deutsche Olympiamannschaft hat in London einen guten, aber keinen sehr guten Auftritt hingelegt. Die meisten Favoriten erfüllten ihre Pflicht, es fehlte der große Überraschungssieger. Um erfolgreicher zu sein, braucht es mehr Geld - oder die Spiele im eigenen Land. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,849599,00.html
Das ist nur dann akzeptabel,wenn das Ganze ausschließlich aus Privat-Mitteln finanziert wird. Als Steuerzahler habe ich keine Lust, für Partikularinteressen supranationaler Konzerne und intransparenter Sportorganisationen wie FIFA oder IOC auch nur einen Cent zu zahlen. Wenn man sich die Spiele der letzten Jahrzehnte ansieht, sind Gewinne nur vom IOC und deren Großsponsoren gemacht worden, die Kosten hat dann der Steuerzahler zu tragen. Nein, danke...
2. Nein!!!
microglobe 12.08.2012
Um Gottes willen, nein! Keine Olympiade nach Deutschand! Denkt denn keiner an die Millionen, denen Sport am A... vorbeigeht? Bitte keine Fußball-Welt- oder Euopameisterschaften, keine O- oder Paralympics! Gruß, MicroGlobe
3. Nicht schon wieder ein "Sommermärchen"!
Gluehweintrinker 12.08.2012
Um Gottes Willen, lasst diesen Zirkus bloß sonstwo. Das ist doch ein finanzielles Minusgeschäft erster Güte. Oder behauptet heute immer noch jemand, dass ein soundsogroßer Prozentsatz der Urlauber aus dem Ausland nur deswegen hier urlaube, weil sie die WM 2006 geguckt haben? Blödsinn! Dieses ewige Sichzurschaustellen nervt: ob Hessentag, ob WM, ob Olympia. Das sind Protzrituale.
4. Lieber nicht
hintensitzer 12.08.2012
Vieles erscheint mir sinnvoll, aber nicht die Spiele bei uns. Dann freue ich mich lieber über nur 44 Medaillen.
5. olympiade!
flieder2 12.08.2012
Ich denke, Deutschland hat sich mit 44 Gesamtmedaillen gut "geschlagen" und praesentiert. Wir haben in Deutschland ca. 81 Mio. Einwohner, wollen wir uns mit jetzt mit dem 1,3 Milliardenvolk China messen? Wir sind gut! Wir duerfen Sportlerfoerderung in Deutschland nicht vernachlaessigen- keine Frage. Nur ein kleines Land wie Deutschland wird sich nie mit den USA (ca. 400 Millionen ) oder eben China messen koennen.
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Die erfolgreichsten Sportler bei Olympia 2012
Michael Phelps (USA, Schwimmen), sechs Medaillen
Gold, 100 Meter Schmetterling
Gold, 200 Meter Lagen
Gold, 4x200 Meter Freistil-Staffel
Gold, 4x100 Meter Lagen-Staffel
Silber, 200 Meter Schmetterling
Silber, 4x100 Meter Freistil-Staffel
Missy Franklin (USA, Schwimmen), fünf Medaillen
Gold, 100 Meter Rücken
Gold, 200 Meter Rücken
Gold, 4x200 Meter Freistil-Staffel
Gold, 4x100 Meter Lagen-Staffel
Bronze, 4x100 Meter Freistil-Staffel
Allison Schmitt (USA, Schwimmen), fünf Medaillen
Gold, 200 Meter Freistil
Gold, 4x200 Meter Freistil-Staffel
Gold, 4x100 Meter Lagen-Staffel
Silber, 400 Meter Freistil
Bronze, 4x100 Meter Freistil-Staffel
Dana Vollmer (USA, Schwimmen), drei Medaillen
Gold, 100 Meter Schmetterling
Gold, 4x200 Meter Freistil-Staffel
Gold, 4x100 Meter Lagen-Staffel
Usain Bolt (Jamaika, Leichtathletik), drei Medaillen
Gold, 100 Meter Sprint
Gold, 200 Meter Sprint
Gold, 4x100 Meter Staffel
Allyson Felix (USA, Leichtathletik), drei Medaillen
Gold, 200 Meter Sprint
Gold, 4x400 Meter Staffel
Gold, 4x100 Meter Staffel
Ryan Lochte (USA, Schwimmen), fünf Medaillen
Gold, 400 Meter Lagen
Gold, 4x200 Meter Freistil-Staffel
Silber, 200 Meter Lagen
Silber, 4x100 Meter Freistil-Staffel
Bronze, 200 Meter Rücken
Yang Sun (China, Schwimmen), vier Medaillen
Gold, 400 Meter Freistil
Gold, 1500 Meter Freistil
Silber, 200 Meter Freistil
Bronze, 4x200 Meter Freistil-Staffel
Yannick Agnel (Frankreich, Schwimmen), drei Medaillen
Gold, 200 Meter Freistil
Gold, 4x100 Meter Freistil-Staffel
Silber, 4x200 Meter Freistil-Staffel
Matthew Grewers (USA, Schwimmen), drei Medaillen
Gold, 100 Meter Rücken
Gold, 4x100 Meter Lagen-Staffel
Silber, 4x100 Meter Freistil-Staffel
Ranomi Kromowidjojo (Niederlande, Schwimmen), drei Medaillen
Gold, 50 Meter Freistil
Gold, 100 Meter Freistil
Silber, 4x100 Meter Freistil-Staffel
Rebecca Soni (USA, Schwimmen), drei Medaillen
Gold,100 Meter Brust
Gold,200 Meter Brust
Silber,100 Meter Rücken
Nathan Adrian (USA, Schwimmen), drei Medaillen
Gold, 100 Meter Freistil
Gold, 4x100 Meter Lagen-Staffel
Silber, 4x100 Meter Freistil-Staffel
London 2012: Die Twitter-Reporter