Von Peter Ahrens
Erst einmal die nackten Zahlen: Deutschland hat bei diesen Olympischen Sommerspielen nach jetzigem Stand 44 Medaillen errungen. Das sind drei mehr als vor vier Jahren in Peking. Unterm Strich waren es also erfolgreiche Spiele für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).
Aber: Die Beckenschwimmer holten keine einzige Medaille. Die Schützen auch nicht. Bei den Seglern herrschte totale Edelmetall-Flaute. Insgesamt gewannen deutsche Sportler elfmal Gold, fünf weniger als 2008. Unterm Strich waren es also erfolglose Spiele für den DOSB.
Woran bemisst sich Erfolg im Sport? Nur an ersten Rängen? Oder auch an erreichten Finals, an der Teilnahme überhaupt? Dass die Bedeutung des Sports über die Medaillensammelei hinausgeht, wird alle vier Jahre dermaßen penetrant betont, dass es mittlerweile zum Allgemeinplatz geworden ist. Letztlich jedoch, wenn der Spitzensport ehrlich zu sich selbst ist, definiert er sich bei den Spielen genau darüber. Der Medaillenspiegel lügt nicht.
Fast die Hälfte der Goldmedaillen auf dem Wasser
"Die Leistungen des deutschen Teams haben meine Erwartungen übertroffen, es war ein glänzender Auftritt der Mannschaft", hat DOSB-Chef Thomas Bach bilanziert. In Teilen liegt er damit richtig. Einzelne Verbände haben ihre Athleten tatsächlich auf den Punkt topfit nach London geschickt. Rudern, Kanu - fast die Hälfte der deutschen Goldmedaillen wurde auf dem Wasser des Dorney Lakes geholt. Und die Leichtathleten haben sich von ihrem tiefsten Tiefpunkt in Peking erholt.
Selbst die beiden Beachvolleyballer, die in Deutschland für die meiste Olympia-Euphorie sorgten, gehörten schon vor den Wettkämpfen zum Favoritenkreis. In der Zielvereinbarung des Volleyball-Verbandes mit dem Bundesinnenministerium ist sogar eine Goldmedaille für die Londoner Spiele vermerkt.
Auf Augenhöhe mit großen Sportnationen
44 Medaillen - das ist alles in allem ein guter Wert für den deutschen Spitzensport. Kein Vergleich natürlich mit den beiden Topnationen USA und China, deutlich schwächer auch als die Ausbeute des Gastgebers Großbritannien. Aber auf Augenhöhe mit anderen großen Sportländern: Frankreich, Australien, Italien oder Japan. Bach sagt: "Es kann nicht unser Ziel sein, uns mit China zu messen." Die Trainingsmethoden, die sportmedizinische Betreuung, die Talentsichtung der Chinesen - so etwas wäre hierzulande nicht vermittelbar. Es wäre vor allem nicht gewollt. Zu einer freien, demokratischen Gesellschaft gehört auch das Recht, auf den bedingungslosen Erfolg zu verzichten.
Was nicht heißt, dass es nicht auch in Deutschland möglich wäre, mehr erfolgreiche Spitzensportler zu formen. Dazu müsste aber der Schulsport ausgebaut und gestärkt werden. Dazu müssten Schwimmbäder für Kinder und Jugendliche besser zugänglich sein. Dazu müssten Trainer besser bezahlt werden. Ohne zusätzliches Geld geht das alles nicht. "Jeder Euro, der in den Sport gesteckt wird, ist gut investiertes Geld", sagt Bach. Er muss das als Sport-Lobbyist allerdings auch so sagen.
Viel wird jetzt vom Vorbild Großbritannien gesprochen. Die Briten haben wahrlich eine phänomenale Bilanz vorzuweisen. Sie haben mit Langstreckler Mo Farrah, mit Bahnradfahrer Chris Hoy, mit Siebenkämpferin und Poster-Girl Jessica Ennis Sportler, die in den Heldenstatus aufgerückt sind, beflügelt vom Enthusiasmus der Zuschauer, von der Begeisterung eines ganzen Landes getragen. Wie nachhaltig das allerdings ist, wird sich erst in vier Jahren in Rio de Janeiro zeigen.
Sich an den Briten zu orientieren - das wäre im Grunde ganz einfach. Man müsste nur die Olympischen Spiele nach Deutschland holen.
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