Sprint-Star Bolt: Alle gegen einen

Aus London berichtet

Es ist der traditionelle Höhepunkt der Olympischen Spiele, doch diesmal hat der 100-Meter-Lauf das Zeug zur Legende. Die fünf schnellsten Männer der Welt treffen zum ersten Mal seit Jahren aufeinander. Und die Konkurrenz kennt in London nur ein Ziel: den Showmann Usain Bolt zu entthronen.

AP

Die Generalprobe ging daneben. Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele war Jamaikas Fahnenträger Usain Bolt auf der Laufbahn so langsam, dass er von den Offiziellen zur Eile angetrieben werden musste. Eine Woche ist seitdem vergangen, nun greift auch Bolt ins Geschehen ein, wenn die Vorläufe über 100 Meter starten. Und ohne den anderen Athleten zu nahe zu treten: Jetzt beginnen die Spiele 2012 ein zweites Mal.

Kein Michael Phelps, kein Bradley Wiggins, kein Chris Hoy entfachen derartig hysterische Reaktionen in der Öffentlichkeit wie der Sprintstar aus der Karibik. Hochdekorierte Sportler aus anderen Disziplinen werden im Handumdrehen zu Groupies, wenn sie Bolt treffen, und lassen bei Twitter Handy-Fotos mit sich und dem Star kursieren. London 2012 - das sollen die Bolt-Spiele werden. Der Hype ist bereits riesig, doch eine Kleinigkeit fehlt noch: Bolt muss Leistung bringen.

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Superstar Bolt: Goldgarant unter Druck
Ist er in Topform? Was macht der schmerzende Rücken? In welcher Verfassung ist sein Landsmann und Hauptkonkurrent Yohan Blake? Im Zusammenhang mit Bolt regieren im Moment noch die Fragezeichen. Niemand kann tatsächlich sagen, wie der Dreifach-Weltrekordler und Dreifach-Olympiasieger von Peking sich in London präsentieren wird. In der Vorwoche wurde er von der jamaikanischen Delegation fast hermetisch abgeriegelt, nachdem seine ersten Auftritte in der Stadt und im olympischen Dorf beinahe für tumultartige Zustände gesorgt hatten.

Der Mythos des Unbesiegbaren ist seit der WM 2011 gebrochen

Die Vorläufe am Samstag werden wohl nur begrenzt Aufklärung über Bolts Leistungsstand geben können. Bei seinen großen Auftritten in Peking und ein Jahr später in Berlin bei der WM hat er zwar schon in der Qualifikation angedeutet, zu was er in der Lage ist. Aber Bolt ist ein Endlauf-Athlet. Er hat es bisher immer verstanden, in den Finals sein Potential optimal abzurufen - bis ihm im Vorjahr bei der Weltmeisterschaft im südkoreanischen Daegu ein Fehlstart unterlief und er disqualifiziert wurde.

Der Mythos des Unbesiegbaren ist seitdem gebrochen. Bei den Trails in Kingston hängte ihn Yohan Blake jüngst in 9,75 Sekunden ab. Bolt hat es bisher nicht geschafft, diese Zeit zu kontern, blieb beim Meeting im tschechischen Ostrava mit seiner Laufzeit sogar über 10 Sekunden - das erste Mal seit drei Jahren, dass ihm so etwas passiert ist.

Es hat Bolt nicht daran gehindert, die üblichen Töne zu spucken. Er hat sich dafür den "Guardian" ausgesucht, dem er ein großes Interview gab, in dem er seine üblichen Satzbausteine unterzubringen verstand. "Ich werde den Rest der Welt hinter mir lassen", "Das hier ist mein Moment, meine Zeit", "Ich weiß genau, was ich tun muss, um zu gewinnen" - die Bolt-Show ist eröffnet.

Die Welt ist nach wie vor geneigt, den Versprechen des Superstars zu vertrauen. Ein britischer Wissenschaftler hat ausgerechnet, dass der Jamaikaner in London bei optimalen Bedingungen die 100 Meter in 9,4 Sekunden laufen könnte. Der Weltrekord steht seit Berlin bei 9,58 Sekunden. Unter 9,5 zu laufen - das wäre eine Sensation. Realistischer sehen das allerdings die Athleten selbst. US-Star Tyson Gay geht von einer nötigen Siegerzeit von 9,7 Sekunden aus.

Rivale Blake ist nichts lieber, als dass sich die Öffentlichkeit auf Bolt fokussiert. Blake ist der Weltjahresbeste, er ist der Weltmeister, er kennt Bolt, mit dem er in derselben Trainingsgruppe ist, bestens. Er ist neben Asafa Powell, dem dritten Top-Sprinter aus Jamaika, wahrscheinlich derjenige, der am besten über die Form seines Landsmanns Bescheid weiß.

Und dann gibt es da noch das US-Duo Tyson Gay und Justin Gatlin. Die beiden Amerikaner gegen die drei Jamaikaner - die fünf schnellsten Männer der Welt treffen in London aufeinander. Das gab es weder in Peking noch in Berlin oder Daegu. Dieser 100-Meter-Lauf hat tatsächlich das Zeug zur Legende. Am Sonntag um 22.50 Uhr deutscher Zeit hält die Welt für knapp zehn Sekunden den Atem an.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. es bleibt spannend
uwe koschnick 04.08.2012
Zitat von sysopAPEs ist der traditionelle Höhepunkt der Olympischen Spiele, doch diesmal hat der 100-Meter-Lauf das Zeug zur Legende. Die fünf schnellsten Männer der Welt treffen zum ersten Mal seit Jahren aufeinander. Und die Konkurrenz kennt in London nur ein Ziel: den Showmann Usain Bolt zu entthronen. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,848051,00.html
ich denke aber, dass auch dieses Jahr bei der Doping-Olympiade Sanofi-Aventis gegen Astra-Zeneca gewinnen wird.
2.
Ty Coon, 04.08.2012
Alle wissen, daß die Doping-Kontrollen in Jamaika die laxesten überhaupt sind. Bolt ist ein Dopingmonster und für mich kein würdiger Sieger. Ich halte die 9,6 auch ohne Doping für möglich. Aber hinterher würde dem Sieger niemand glauben, daß er nicht gedopt hat. Leute wie Bolt machen die Olympiade kaputt. Falls das überhaupt noch möglich ist. Es ist doch eh nur noch eine Schauveranstaltung chinesischer oder US-amerikanischer Dopingzombies. Es geht um das nationale Prestige. Die DDR war auchmal ganz vorne mit dabei. Inzwischen steht Deutschland immer so um Platz 6, und das weitgehend ohne Doping. Davor habe ich Respekt!
3.
totalmayhem 04.08.2012
Der Kampf der WADA gegen die Schlucker und Spritzer erinnert mich an die Geschichte vom Wettrennen zwischen dem hasen und dem Igel. Du kannst gegen Betrueger nicht gewinnen. Leute wie Bolt machen den Sport nicht kaputt, sie sind auch nur ein Produkt der Bedingungen, die gepraegt sind von der Gier nach Geld und Aufmerksamket, alles andere zaehlt nicht. Wie sagte schon der "grosse" Carl Lewis? "Wenn interessiert es schon, dass ich positiv getestet wurde?" Recht hat er, solange die tumbe Masse eine gute Show geboten bekommt, kein Schwein. Im Profiradsport hat man auf die harte Tour gelernt, Doping ernsthaft zu bekaempfen, schwindendes Zuschauerinteresse, wegbrechende Sponsorengelder, Botkott durch TV Sender, das trifft wo es richtig weh tut und ist die einzige Sprache die die Verantwortlichen verstehen. Beim IOC dagegen uebt man sich in Ignoranz. Ist ja auch viel einfacher, als erschrockenen Sponsoren Polizeirazzien und Festnahmen erklaeren zu muessen, zumindest solange die Kasse so schoen klingelt und die Medie diese Farce brav weiterhypen.
4. Wie sieht's denn...
salamicus 04.08.2012
Zitat von Ty CoonAlle wissen, daß die Doping-Kontrollen in Jamaika die laxesten überhaupt sind. Bolt ist ein Dopingmonster und für mich kein würdiger Sieger. Ich halte die 9,6 auch ohne Doping für möglich. Aber hinterher würde dem Sieger niemand glauben, daß er nicht gedopt hat. Leute wie Bolt machen die Olympiade kaputt. Falls das überhaupt noch möglich ist. Es ist doch eh nur noch eine Schauveranstaltung chinesischer oder US-amerikanischer Dopingzombies. Es geht um das nationale Prestige. Die DDR war auchmal ganz vorne mit dabei. Inzwischen steht Deutschland immer so um Platz 6, und das weitgehend ohne Doping. Davor habe ich Respekt!
...mit den Briten aus (z.Zt. Rang 3)? Alle gedopt? Oder generell gefragt: sind alle, die besser als D sind, gedopt? Na, dann wollen wir aber hoffen, dass D nicht noch aufholt und plötzlich unter die ersten 3 gerät! Sie wissen ja: nur "so um Platz 6" ist gut, besser ist böse, nicht wahr?
5. "Sauberer" 6 Platz?
tobo5824 04.08.2012
Zitat von Ty CoonAlle wissen, daß die Doping-Kontrollen in Jamaika die laxesten überhaupt sind. Bolt ist ein Dopingmonster und für mich kein würdiger Sieger. Ich halte die 9,6 auch ohne Doping für möglich. Aber hinterher würde dem Sieger niemand glauben, daß er nicht gedopt hat. Leute wie Bolt machen die Olympiade kaputt. Falls das überhaupt noch möglich ist. Es ist doch eh nur noch eine Schauveranstaltung chinesischer oder US-amerikanischer Dopingzombies. Es geht um das nationale Prestige. Die DDR war auchmal ganz vorne mit dabei. Inzwischen steht Deutschland immer so um Platz 6, und das weitgehend ohne Doping. Davor habe ich Respekt!
Wieso nur "weitgehend"? Gibt es womöglich doch ein paar schwarze deutsche Schafe (ein mutmaßlich braunes haben wir ja bereits)? Und wenn jemand mit 2-Zehntelsekunden Rückstand sechster in einem Einzelwettbewerb wird, das bürgt dann für Chemiefreiheit? Vom ziemlich sinnfreien Medaillenspiegel ganz abgesehen: Die drittplatzierten Briten haben aktuell 24 Medaillen gewonnen, die Deutschen als sechster gerade mal 4 weniger, so what?
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Zum Autor
  • Von den Olympischen Sommerspielen 2012 in London (27. Juli bis 12. August) berichtet unser Redakteur Peter Ahrens.
100-Meter-Weltrekorde der Männer
Zeit* Sprinter Jahr
10,60 Donald Lippincott (USA) 1912
10,20 Jesse Owens (USA) 1936
10,00 Armin Hary (Deutschland) 1960
9,95 James Hines (USA) 1968
9,92 Carl Lewis (USA) 1988
9,86 Carl Lewis (USA) 1991
9,84 Donovan Bailey (Kanada) 1996
9,79 Maurice Greene (USA) 1999
9,77 Asafa Powell (Jamaika) 2005
9,74 Asafa Powell (Jamaika) 2007
9,72 Usain Bolt (Jamaika) 2008
9,69 Usain Bolt (Jamaika) 2008
9,58 Usain Bolt (Jamaika) 2009
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