Aus London berichtet Peter Ahrens
Die Generalprobe ging daneben. Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele war Jamaikas Fahnenträger Usain Bolt auf der Laufbahn so langsam, dass er von den Offiziellen zur Eile angetrieben werden musste. Eine Woche ist seitdem vergangen, nun greift auch Bolt ins Geschehen ein, wenn die Vorläufe über 100 Meter starten. Und ohne den anderen Athleten zu nahe zu treten: Jetzt beginnen die Spiele 2012 ein zweites Mal.
Kein Michael Phelps, kein Bradley Wiggins, kein Chris Hoy entfachen derartig hysterische Reaktionen in der Öffentlichkeit wie der Sprintstar aus der Karibik. Hochdekorierte Sportler aus anderen Disziplinen werden im Handumdrehen zu Groupies, wenn sie Bolt treffen, und lassen bei Twitter Handy-Fotos mit sich und dem Star kursieren. London 2012 - das sollen die Bolt-Spiele werden. Der Hype ist bereits riesig, doch eine Kleinigkeit fehlt noch: Bolt muss Leistung bringen.
Der Mythos des Unbesiegbaren ist seit der WM 2011 gebrochen
Die Vorläufe am Samstag werden wohl nur begrenzt Aufklärung über Bolts Leistungsstand geben können. Bei seinen großen Auftritten in Peking und ein Jahr später in Berlin bei der WM hat er zwar schon in der Qualifikation angedeutet, zu was er in der Lage ist. Aber Bolt ist ein Endlauf-Athlet. Er hat es bisher immer verstanden, in den Finals sein Potential optimal abzurufen - bis ihm im Vorjahr bei der Weltmeisterschaft im südkoreanischen Daegu ein Fehlstart unterlief und er disqualifiziert wurde.
Der Mythos des Unbesiegbaren ist seitdem gebrochen. Bei den Trails in Kingston hängte ihn Yohan Blake jüngst in 9,75 Sekunden ab. Bolt hat es bisher nicht geschafft, diese Zeit zu kontern, blieb beim Meeting im tschechischen Ostrava mit seiner Laufzeit sogar über 10 Sekunden - das erste Mal seit drei Jahren, dass ihm so etwas passiert ist.
Es hat Bolt nicht daran gehindert, die üblichen Töne zu spucken. Er hat sich dafür den "Guardian" ausgesucht, dem er ein großes Interview gab, in dem er seine üblichen Satzbausteine unterzubringen verstand. "Ich werde den Rest der Welt hinter mir lassen", "Das hier ist mein Moment, meine Zeit", "Ich weiß genau, was ich tun muss, um zu gewinnen" - die Bolt-Show ist eröffnet.
Die Welt ist nach wie vor geneigt, den Versprechen des Superstars zu vertrauen. Ein britischer Wissenschaftler hat ausgerechnet, dass der Jamaikaner in London bei optimalen Bedingungen die 100 Meter in 9,4 Sekunden laufen könnte. Der Weltrekord steht seit Berlin bei 9,58 Sekunden. Unter 9,5 zu laufen - das wäre eine Sensation. Realistischer sehen das allerdings die Athleten selbst. US-Star Tyson Gay geht von einer nötigen Siegerzeit von 9,7 Sekunden aus.
Rivale Blake ist nichts lieber, als dass sich die Öffentlichkeit auf Bolt fokussiert. Blake ist der Weltjahresbeste, er ist der Weltmeister, er kennt Bolt, mit dem er in derselben Trainingsgruppe ist, bestens. Er ist neben Asafa Powell, dem dritten Top-Sprinter aus Jamaika, wahrscheinlich derjenige, der am besten über die Form seines Landsmanns Bescheid weiß.
Und dann gibt es da noch das US-Duo Tyson Gay und Justin Gatlin. Die beiden Amerikaner gegen die drei Jamaikaner - die fünf schnellsten Männer der Welt treffen in London aufeinander. Das gab es weder in Peking noch in Berlin oder Daegu. Dieser 100-Meter-Lauf hat tatsächlich das Zeug zur Legende. Am Sonntag um 22.50 Uhr deutscher Zeit hält die Welt für knapp zehn Sekunden den Atem an.
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