Hamburg - Zu Beginn des Halbfinals wurde es noch einmal zur Erinnerung eingeblendet: Weltrekord und Olympischer Rekord über 100 Meter Freistil - Britta Steffen. Der Triumph Steffens von Peking ist vier Jahre her, und vier Jahre sind eine lange Zeit.
Die Deutsche vom Halbfinale am Mittwochabend im Aquatic Center in London hatte jedenfalls nicht mehr viel mit der Britta Steffen von 2008 und ihrer damaligen Zeit 53,12 Sekunden oder ihrem Weltrekord von 2009 (52,07) zu tun.
Als Sechste ihres Rennens und als Gesamtzwölfte der Semifinals schied sie in 54,18 Sekunden abgeschlagen aus. Über eine Sekunde hinter der Schnellsten, Ranomi Kromowidjojo aus den Niederlanden. Britta Steffen hat derzeit mit der Weltklasse nur noch wenig zu tun.
Schon im Vorlauf hatte sie große Mühe, sich überhaupt fürs Halbfinale zu qualifizieren. Ihrer Teamkollegin Daniela Schreiber ging es ähnlich, auch für sie war das Halbfinale Endstation. Zwar bleibt der 28-jährigen Steffen noch das Rennen über 50 Meter Freistil, doch in der gezeigten Form ist die Weltrekordlerin in London auch dort chancenlos. Das Szenario ist jetzt nicht mehr besonders fern: keine einzige Medaille bei den Olympischen Spielen für die Schwimmnation Deutschland. Das wird vermutlich nicht ohne Folgen bleiben.
Den Olympischen Rekord ist Steffen an dem Abend auch noch losgeworden. Die Niederländerin stellte in 53,05 Sekunden eine neue Bestmarke auf. Lange schaute Steffen, noch im Wasser, auf die Anzeigetafel, bis sie sich aus dem Becken quälte.
"Durch mich ist auch nicht der Weltfrieden gefährdet"
Auf einem Tisch vor den TV-Interviewern sitzend verfolgte sie das zweite Halbfinale, das ihr Aus besiegelte. "Vielleicht ist meine Zeit einfach vorbei, was die 100 Meter betrifft", sagte sie - und das mit einem Lächeln. "Ich habe alles gegeben, ich habe gekämpft wie eine Wildsau", fügte sie hinzu: "Ich erkenne einfach an, dass die anderen wahnsinnig schnell schwimmen und das gefällt mir. Ich finde es saugut, dass die Entwicklung weiter geht." Nun freue sie sich als Zuschauerin aufs Finale. "Ich hätte gerne noch mal die Chance gehabt, mich im Finale zu behaupten, weil ich glaube, dass dort die Karten noch einmal neu gemischt werden."
Mit ihrer Jahresbestzeit von 53,65 Sekunden aus dem Staffel-Rennen der deutschen Meisterschaften im Mai in Berlin wäre Steffen als Fünfte in den Endlauf eingezogen. "Natürlich ärgert mich das", sagte sie, hatte aber keine Erklärung parat: "Der Sport ist nicht planbar." Ihr Scheitern sei "kein Weltuntergang, durch mich ist auch nicht der Weltfrieden gefährdet. Also ist so weit alles okay."
Steffen hatte das vorzeitige Ende auf ihrer Lieblingsstrecke früh vorhergesehen. Nach Rang 14 und 54,42 Sekunden schwante ihr, dass sie wenige Stunden später "vielleicht nicht mehr zur Weltspitze" gehören würde. Doch auch damit könne sie "ganz gut leben".
Die schwachen Leistungen des Abends sind eine Fortsetzung ihrer internationalen Wettkämpfe der vergangenen zwei Jahre. Zwar kam Steffen nach dem Krankheitsjahr 2010 wieder zurück, holte in Europa und auch national Titel. Bei den Europameisterschaften auf Lang- und Kurzbahn allerdings nicht gegen die ganz große Konkurrenz. Die WM 2011 in Shanghai endete für sie mit einer fluchtartigen Abreise nach einem verpatzten Vorlauf.
Und trotz des Optimismusses, den sie verbreitete, lief es nun auch über die 100 Meter in London nicht. Dabei hatte sie aus dem vierwöchigen Trainingslager auf Teneriffa Mut für Olympia geschöpft. "Es kann noch mal richtig, richtig gut werden", hatte sie gesagt. Es kam anders.
aha/luk/dpa
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