Freistil-Aus für Britta Steffen: "Der Weltfrieden ist nicht gefährdet"

54,42 Sekunden im Vorlauf, 54,18 Sekunden im Halbfinale: Britta Steffen schwimmt in ihrer Paradedisziplin nur hinterher. Doch die Olympiasiegerin von 2008 gibt sich gelassen. Den deutschen Schwimmern droht nun eine olympische Nullnummer wie 1932 bei den Spielen in Los Angeles.

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Britta Steffen: "Ich habe gekämpft wie eine Wildsau"

Hamburg - Zu Beginn des Halbfinals wurde es noch einmal zur Erinnerung eingeblendet: Weltrekord und Olympischer Rekord über 100 Meter Freistil - Britta Steffen. Der Triumph Steffens von Peking ist vier Jahre her, und vier Jahre sind eine lange Zeit.

Die Deutsche vom Halbfinale am Mittwochabend im Aquatic Center in London hatte jedenfalls nicht mehr viel mit der Britta Steffen von 2008 und ihrer damaligen Zeit 53,12 Sekunden oder ihrem Weltrekord von 2009 (52,07) zu tun.

Als Sechste ihres Rennens und als Gesamtzwölfte der Semifinals schied sie in 54,18 Sekunden abgeschlagen aus. Über eine Sekunde hinter der Schnellsten, Ranomi Kromowidjojo aus den Niederlanden. Britta Steffen hat derzeit mit der Weltklasse nur noch wenig zu tun.

Schon im Vorlauf hatte sie große Mühe, sich überhaupt fürs Halbfinale zu qualifizieren. Ihrer Teamkollegin Daniela Schreiber ging es ähnlich, auch für sie war das Halbfinale Endstation. Zwar bleibt der 28-jährigen Steffen noch das Rennen über 50 Meter Freistil, doch in der gezeigten Form ist die Weltrekordlerin in London auch dort chancenlos. Das Szenario ist jetzt nicht mehr besonders fern: keine einzige Medaille bei den Olympischen Spielen für die Schwimmnation Deutschland. Das wird vermutlich nicht ohne Folgen bleiben.

Den Olympischen Rekord ist Steffen an dem Abend auch noch losgeworden. Die Niederländerin stellte in 53,05 Sekunden eine neue Bestmarke auf. Lange schaute Steffen, noch im Wasser, auf die Anzeigetafel, bis sie sich aus dem Becken quälte.

"Durch mich ist auch nicht der Weltfrieden gefährdet"

Auf einem Tisch vor den TV-Interviewern sitzend verfolgte sie das zweite Halbfinale, das ihr Aus besiegelte. "Vielleicht ist meine Zeit einfach vorbei, was die 100 Meter betrifft", sagte sie - und das mit einem Lächeln. "Ich habe alles gegeben, ich habe gekämpft wie eine Wildsau", fügte sie hinzu: "Ich erkenne einfach an, dass die anderen wahnsinnig schnell schwimmen und das gefällt mir. Ich finde es saugut, dass die Entwicklung weiter geht." Nun freue sie sich als Zuschauerin aufs Finale. "Ich hätte gerne noch mal die Chance gehabt, mich im Finale zu behaupten, weil ich glaube, dass dort die Karten noch einmal neu gemischt werden."

Mit ihrer Jahresbestzeit von 53,65 Sekunden aus dem Staffel-Rennen der deutschen Meisterschaften im Mai in Berlin wäre Steffen als Fünfte in den Endlauf eingezogen. "Natürlich ärgert mich das", sagte sie, hatte aber keine Erklärung parat: "Der Sport ist nicht planbar." Ihr Scheitern sei "kein Weltuntergang, durch mich ist auch nicht der Weltfrieden gefährdet. Also ist so weit alles okay."

Steffen hatte das vorzeitige Ende auf ihrer Lieblingsstrecke früh vorhergesehen. Nach Rang 14 und 54,42 Sekunden schwante ihr, dass sie wenige Stunden später "vielleicht nicht mehr zur Weltspitze" gehören würde. Doch auch damit könne sie "ganz gut leben".

Die schwachen Leistungen des Abends sind eine Fortsetzung ihrer internationalen Wettkämpfe der vergangenen zwei Jahre. Zwar kam Steffen nach dem Krankheitsjahr 2010 wieder zurück, holte in Europa und auch national Titel. Bei den Europameisterschaften auf Lang- und Kurzbahn allerdings nicht gegen die ganz große Konkurrenz. Die WM 2011 in Shanghai endete für sie mit einer fluchtartigen Abreise nach einem verpatzten Vorlauf.

Und trotz des Optimismusses, den sie verbreitete, lief es nun auch über die 100 Meter in London nicht. Dabei hatte sie aus dem vierwöchigen Trainingslager auf Teneriffa Mut für Olympia geschöpft. "Es kann noch mal richtig, richtig gut werden", hatte sie gesagt. Es kam anders.

aha/luk/dpa

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insgesamt 49 Beiträge
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1. Respekt!
spochtfan 01.08.2012
So kann man auch mit der Niederlage umgehen. Ich finde, das verdient höchsten Respekt, wenn eine Sportlerin, die bereits alles gewonnen hat, was es in ihrem Sport zu gewinnen gibt, anerkennt, dass die beste Zeit vorbei ist. Und das trotz des immensen Leistungsdrucks, der sowohl von der Öffentlichkeit als auch speziell den Medien auf die Sportler ausgeübt wird. Keine Medaille? Okay, nächster Wettkampf, irgendwo werden WIR doch schon die besten sein, oder? Anerkennung für diese außergewöhnliche Selbst-Einschätzung inmitten der allgemeinen Leistungshatz.
2. Keine Überraschung
mundi 01.08.2012
Zitat von sysopAP54,42 Sekunden im Vorlauf, 54,18 Sekunden im Halbfinale: Britta Steffen schwimmt in ihrer Paradedisziplin nur hinterher. Doch die Olympiasiegerin von 2008 gibt sich gelassen. Den deutschen Schwimmern droht nun eine olympische Nullnummer wie 1932 bei den Spielen in Los Angeles. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,847761,00.html
Je nach Körperbau wurden die Schwimmer durch die mit dem Namen Schwimmanzügen getarnten Schwimmhilfen bis 2,5 Sekunden pro 100m begünstigt. Da sind Zeiten um 54 Sek, mit jetzt nur knielangem Anzug, durchaus respektabel. Biedermann ging es ja ähnlich.
3. Was soll das?
yogibimbi 01.08.2012
Also, jetzt mal auf den Teppich, Britta Steffen hat vollkommen recht, mit dem was sie sagt, sie hat halt einen schlechten Lauf gehabt und, gut, sie hat noch ein paar mehr schlechte gehabt. Aber das ist ja immer noch "Versagen" auf hohem Niveau. Oder hat der Autor des Artikels schon jemals in seinem Leben einen 12. Platz bei Olympia gemacht? Ich würde mal eher vermuten dass, in der Zeit die er/sie braucht, Britta Steffen die 100 m absolviert, sich duscht, die Haare föhnt und komplett anzieht und schon mal das Mittagessen beginnt. Ich finde es schon recht dreist, wie so ein paar Sesselpupser sich anmassen, Athleten, die einen guten Teil ihres Lebens dafür opfern, von einer Wand zur anderen zu paddeln, nur um das eigene Land bei einem Wetkampf zu vertreten, schief anzupinkeln, bloss weil sie mal nicht unter die besten 3 der Welt gekommen sind. 54.18 und 12. Platz ist Weltklasse, sonst wäre sie gerade nicht in London, da kann der Schreiberling das Gegenteil behaupten, bis er blau anläuft. Sportler sind, wie Frau Steffen sagt, halt Menschen, und keine Maschinchen, wo man oben Fördergelder reinschmeisst und unten Medaillen rauskommen. Also der Artikel ist komplett daneben
4. DSV als Lachnummer
ein-berliner 02.08.2012
Langzeitige Trainingsurlaube in aller Welt, sinnlose Vorbereitungen ohne Ende aber keine wirklich harten internatione Wettkämpfe und Vergleiche - so ist London 2012 zu erklären. Weltspitze sieht anders aus. Selbstherrliche Schwimmer ohne Motivation und Siegeswillen haben bei einer Olympiade nichts zu suchen. Der gesamte Kader hat mal wieder versagt, kein Einzelfall mehr. Mit europäischem Mittelmaß ist kein Blumentopf zu gewinnen. Also bleibt lieber zuhause, es erspart die Schande so als Vertreter Deutschland aufzutreten und der Weltfriede bleibt auch ungefährdet. Das NOK ist aufgefordert deratige Zustände, sprich Lustreisen, zu beenden.
5. Ich kann's verstehen...
odins_krautsalat 02.08.2012
...wenn Frau Steffen, nach all ihren bisherigen Leistungen (vom Alter redet man der Höflichkeit halber ja nicht) nun langsam eine entspanntere Haltung annimmt. Sicher... Die Erwartungen der Öffentlichkeit, der Medien, wie auch der Zuschauer, sind immens. Aber letzendlich bleibt Frau Steffen ein Mensch. Ich finde es gut, dass sie (eigener Aussage nach) alles versucht hat, was im Rahmen ihrer Möglichkeiten lag. Wenn eben nicht mehr geht, dann geht halt nicht mehr. Und ich unterstelle mal, sämtliche Olympioniken leisten in London gerade weitaus mehr, als wir "Couch-Kritiker" es jemals könnten. ;)
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