Aus London berichtet Peter Ahrens
Pietro Mennea ist eine Leichtathletik-Legende. Seit der Italiener in den siebziger und achtziger Jahren Rekord um Rekord aufstellte, gab es keinen weißen Sprinter mehr, der die Dominanz der US-Amerikaner und Jamaikaner auf der Kurzstrecke gefährden konnte. Bis Christophe Lemaitre kam. Der Franzose fordert bei den Olympischen Spielen Usain Bolt und die anderen Sprint-Superstars über die 200-Meter-Distanz heraus.
In den Vorläufen von London machte der 22-Jährige einen souveränen Eindruck. Ohne sich nur im Ansatz zu verausgaben, lief Lemaitre in 20,34 Sekunden leicht und locker ins Halbfinale, das am Mittwochabend (21.10 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ausgetragen wird. Der nächste Schritt auf dem Weg zur Medaille. Im Vorjahr bei der WM hat das schon einmal funktioniert, als Lemaitre im südkoreanischen Daegu Dritter wurde.
Man muss vier Jahre zurückblicken, um zu verstehen, wie katapultartig Lemaitre in der Weltspitze aufgetaucht ist. Bei den Olympischen Sommerspielen in Peking war er nur Ersatzläufer für die Staffel. Ein Olympia-Tourist ohne Einsatz. Einer, von dem die Welt keine Notiz genommen hat. Zwei Jahre später war er bereits Doppel-Europameister über 100 und 200 Meter.
Die 100 Meter sind seine Lieblingsstrecke
Ein weiteres Jahr danach war der Franzose der bisher einzige weiße Sprinter, der die 100 Meter unter zehn Sekunden gelaufen ist. Seine Bestmarke steht bei 9,92 Sekunden. Im olympischen 100-Meter-Endlauf von London hätte das allerdings gerade einmal zu Platz sechs gereicht. Die 100 Meter sind zwar Lemaitres Lieblingsstrecke, aber hier wird er die ganz Großen vermutlich nie erreichen können. Das weiß er, das weiß auch sein Coach Pierre Carraz.
Also entschieden die beiden, auf die Königsdisziplin der Leichtathletik in London zu verzichten und sich ganz auf die 200 Meter zu fokussieren. Seit Monaten tüfteln sie im heimischen Aix-les-Bains an der perfekten Kurventechnik, um noch ein paar Hundertstel herauszukitzeln.
Bei 19,80 Sekunden steht Lemaitres persönlicher Rekord über die halbe Stadionrunde. Die wird er schon gezwungen sein zu laufen, um sich gegen oder vielmehr hinter Bolt durchzusetzen. "Wahrscheinlich werde ich sogar den Europarekord verbessern müssen", sagt Lemaitre. Der besteht seit 33 Jahren und liegt bei 19,72 Sekunden. Aufgestellt wurde er von Pietro Mennea.
Hinter Bolt ist alles möglich
Gold zu gewinnen - das wäre als Erwartung an Lemaitre vermessen. Bolt ist an einem guten Tag nicht zu schlagen. Und wer zweifelt nach dem 100-Meter-Finale vom Sonntag daran, dass Bolt einen guten Tag erwischen wird? Aber dahinter ist vieles, wahrscheinlich alles möglich.
Lemaitre wird sich an dem 100-Meter-Zweiten Yohan Blake aus Jamaika orientieren. Blake gehört zu den wenigen, die in diesem Jahr schon einmal schneller waren als der Franzose. Genauer gesagt waren es nur drei Athleten, die Lemaitre 2012 übertroffen haben. Alle drei kommen aus Jamaika.
Weiß gegen schwarz - für Lemaitre ist das nie ein Thema gewesen. Er nennt das "komplett überflüssig", schließlich sei "Leichtathletik eine globale Sportart. Da kommt es nicht auf die Herkunft an." Es kommt nicht oft vor, dass sich Lemaitre so klar zu Wort meldet. Er gilt nicht als der große Redner, eher als ein schüchterner junger Mann, der öffentliche Auftritte nicht besonders schätzt.
Als Jugendlicher, so heißt es, sei er wegen seiner Schweigsamkeit von den Mitschülern gehänselt worden. Er hat mal gesagt: "Wenn ich nicht Sprinter geworden wäre, wüsste ich nicht, was ich mit meinem Leben angefangen hätte." Er ist Sprinter geworden. Und jetzt schaut die ganze Welt zu, wie der schweigsame Christophe Lemaitre Taten sprechen lassen will.
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