DSV-Debakel in London: Keine Erfolge, keine Talente, keine Trainer

Aus London berichtet Peter Ahrens

Die Bilanz des Deutschen Schwimm-Verbands nach den Spielen von London fällt katastrophal aus. Die DSV-Führung ergeht sich in einer gnadenlosen Fehleranalyse. Persönliche Konsequenzen schließen die Funktionäre allerdings aus.

Olympia-Debakel der Schwimmer: Ratlos im Wasser und an Land Fotos
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Die Kapitulationserklärung verlas der Sportdirektor höchstpersönlich. Der Deutsche Schwimmverband wollte nach den medaillenlosen Tagen von London Bilanz ziehen, es wurde zu einer beispiellosen Abrechnung mit sich selbst. Die Athleten, die Trainer, der Verband, die Strukturen - sie alle haben aus Sicht von DSV-Sportdirektor Lutz Buschkow versagt. Es hätte nicht viel gefehlt, und Buschkow hätte den DSV, in dem er selbst leitend tätig ist, auch noch für den Regen in London verantwortlich gemacht.

Kein einziges olympisches Edelmetall für die deutschen Schwimmer - das ist die desaströse Bilanz. "Wir haben es nicht geschafft, den Abwärtstrend, den es seit den Spielen 2004 gibt, zu stoppen", eröffnete Buschkow. "Unsere Topathleten konnten ihre Leistung nicht abrufen, wir haben den Anschluss an die Weltspitze verloren", ging es weiter. Den Schwimmern fehle es an einer "stabilen Wettkampfstruktur", sie hätten keine "Belastungsverträglichkeit", ein "zu geringes Ausdauerniveau", der "Regenerationsprozess dauert bei unseren Schwimmern länger als bei den Athleten anderer Nationen".

Warum dem DSV dies allerdings nicht alles schon vor den Spielen klar war und der Verband mit dem DOSB dennoch eine Zielvorgabe von sechs Medaillen vereinbarte, blieb sein Geheimnis. "International gab es seit dem Vorjahr eine Leistungsexplosion, bei uns hat sie nicht stattgefunden", so DSV-Präsidentin Christa Thiel.

Andere Nationen sind an Deutschland vorbeigezogen

Immerhin widerstand der Verband der Versuchung, die Leistungen der Schwimmer in irgendeiner Form schönzureden. Der DSV hatte zumindest mehr Finalplätze zu verzeichnen als vor vier Jahren in Peking. Dort überstrahlten die zwei Olympiasiege von Britta Steffen noch die damals schon maue Bilanz. "Deutschland ist zum Schwimm-Entwicklungsland verkommen", hat der frühere DDR-Weltklasseschwimmer Roland Matthes in einem Interview mit der "Welt" gesagt.

Dabei geht es nicht um einen Vergleich mit den USA oder gar mit China, deren umstrittenen Trainingsmethoden in Deutschland sowieso nicht vermittelbar wären. Es geht darum, sich an Nationen wie Frankreich oder den Niederlanden zu messen, die beide auch in London Goldmedaillen zu feiern hatten. "Wir hatten mal eine europäische Vorherrschaft im Schwimmen, die haben wir verloren", sagte Thiel. Sie hatte aber auch einen Erfolg vorzuweisen: "Gestern habe ich mich mit meinem französischen Kollegen getroffen. Der hat mir sein erfolgreiches Konzept zum Draufschauen überlassen."

"Zuletzt mehr Karpfen als Delfine gesichtet"

Die Zukunft sieht der DSV ähnlich trübe wie die Gegenwart: "Wir haben kein Supertalent in Aussicht, von dem wir sagen könnten, das garantiert uns in drei, vier Jahren erste Plätze", sagt DSV-Generalsekretär Jürgen Fornoff. Was auch daran liege, dass das Sichtungssystem des Nachwuchses nicht funktioniere. Buschkow formuliert: "Wir haben zuletzt mehr Karpfen als Delfine gesichtet."

Ausgenommen von der Generalkritik wurde von den Sportlern lediglich Steffen Deibler, der mit Finalplätzen und starken Zeiten überzeugte. Aber schon sein Bruder Markus, in derselben Trainingsgruppe und beim selben Coach wie Steffen, war in London eine Enttäuschung: "Da fehlen auch einem Trainer die Erklärungen", so Buschkow.

Überhaupt, die Trainer. "Wir haben in Deutschland ein Trainerproblem, es fehlen qualifizierte Leute in allen Bereichen", so der Sportdirektor. Die Außendarstellung des DSV gilt mittlerweile als so katastrophal, dass niemand großes Interesse am derzeit freien Job des Bundestrainers hat: "Wir haben nur eine Handvoll Bewerbungen vorliegen."

Zuletzt hatte Dirk Lange dieses Amt inne, der Verband trennte sich von ihm nach ständigen Reibereien mit Buschkow. Dass Lange jetzt zu den schärfsten Kritikern des DSV zählt, nennt der Sportdirektor "nichts als Nachtreten". Lange sei schließlich jahrelang selbst Teil des Systems gewesen. Wie Buschkow. Wie Thiel.

Personelle Konsequenzen in der Führungsebene hat man beim DSV nicht vorgesehen. Generalsekretär Fornoff sagt: "Es geht hier ja nicht um das Versagen eines Einzelnen." Damit hat er Recht: Es geht um das Versagen aller.

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1. "Bilanz des DSV"?
philippmatth 05.08.2012
Zitat von sysopDie Bilanz des Deutschen Schwimm-Verbandes nach den Spielen von London fällt katastrophal aus. Die DSV-Führung ergeht sich in einer gnadenlosen Fehleranalyse. Persönliche Konsequenzen schließen die Funktionäre allerdings aus. Olympia 2012: Deutsche Schwimmer analysieren Pleiten in London - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,848332,00.html)
Tatsächlich ist doch die Gesamtbilanz katastrophal. Ruderer, Fechter, Schützen, Reiter, und, und - Versager/innen, wohin man blickt. Und überall stinkt der Fisch vom Kopf her, aber "persönliche Konsequenzen schließen die Funktionäre allerdings aus". Auch übel: Das Schweigen großer Teile der Medien angesichts des kollektiven Versagens, man verfolge nur die kriecherische und absolut unkritische Berichterstattung von ZDF und ARD.
2. Umfeld
spon-facebook-10000011966 05.08.2012
Es sind aber nicht nur die Trainer, Aktiven usw "schuld", sondern aus meiner Sicht insbesondere das gesamte Umfeld. Überall werden Bäder dicht gemacht und durch private "Spaßbäder" ersetzt. Die Vereine müssen in maroden Trainingsstätten spät Abends trainineren. Da sind andere Nationen wesentlich besser aufgestellt.
3. Das Land der dichtgemachten Schwimmhallen
Jurx 05.08.2012
In immer mehr Orten in Deutschland werden Schwimmhallen aus Geldnot für immer geschlossen. Die Wege zu den noch verbliebenen Schwimmhallen werden immer länger. Schwimmen als Schulsport findet immer weniger statt. Es gibt in Deutschland immer mehr Nichtschwimmer, aber immer weniger Rettungsschwimmer. Wo im Land insgesamt weniger geschwommen wird, gibt es eben auch immer weniger Schwimmtalente zu sichten und zu fördern. Die Talente im Kindesalter werden einfach nicht entdeckt, weil sie niemand beim Schwimmen sieht. Wenn es keine Schwimmmöglichkeiten gibt, dann suchen sich die Mädchen und Jungs eben ein anderes Hobby.
4.
arti67 05.08.2012
Zitat von sysopDie Bilanz des Deutschen Schwimm-Verbandes nach den Spielen von London fällt katastrophal aus. Die DSV-Führung ergeht sich in einer gnadenlosen Fehleranalyse. Persönliche Konsequenzen schließen die Funktionäre allerdings aus. Olympia 2012: Deutsche Schwimmer analysieren Pleiten in London - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,848332,00.html)
Meine Tochter hat in sehr jungen Jahren fünf Jahre bei einem renommierten deutschen Schwimmverein Schwimmen als Leistungssport betrieben und am Schluss völlig entnervt aufgegeben. Ich gebe nicht gerne anderen Personen die Schuld, doch was Trainer und Funktionäre abgeliefert haben, spottete jeder Beschreibung. Da wurden neunjährige Kinder zu immer neuen Höchstleistungen angetrieben, während die Trainer zu faul waren am Wochenende zu Wettkämpfen zu fahren. Da wurden Kinder in ihrer Freizeit zum Gelderschnorren in örtliche Betriebe geschickt, weil die Funktionäre unfähig waren, Sponsoren aufzutreiben. Wenn es sportlich nicht lief, dann wurden ausschliesslich die Kinder verantwortlich gemacht. Ich bin wahrlich kein Freund der ständigen Trainerwechsel im Fußball, aber in unserem Schwimmverein waren Trainer teilweise 20-30 Jahre tätig, ohne jemals nennenswerte Erfolge (also Hervorbringen von Talenten für DM, EM, WM oder OS) vorweisen zu können. Gestört hat das niemanden. Es herrschten vielmehr verkrustete, teils mafiaähnliche Duz-Strukturen, in denen das Krähen-Prinzip herrschte. Das Leistungsprinzip galt auch nicht für alle Sportler. Während manche Kinder aufhören mussten, durften Söhne und Töchter von Trainern und deren Freunden trotz fehlender Leistungen jahrelang weitermachen. Die Zustände und der Druck im Verein nahmen für mich sektenähnliche Züge an. Die Basis hat geacktert, damit es den Leuten an der Spitze gut ging. Ich befürchte, dass es noch viel mehr Vereine in Deutschland gibt, in denen es so ist, und nicht nur im Schwimmsport. Meine Tochter hat schliesslich aufgehört, wie ca. 19 von 20 Sportlern. Wo sollen da Spitzensportler herkommen?
5. Top-Leistungszentren müssen her
tomkey 05.08.2012
Bald sind nicht mal Karpfen zu sichten sondern nur noch Algen. Schwimmen in der Schule verkommt immer mehr zu einem Luxus. Man muss ja nicht Verhältnisse wie in den USA oder Australien haben, wo zu jedem College oder Highschool fast auch immer eine gut ausgestatte Schwimmhalle gehört. Aber hier in Deutschland können es ja sich schon so manche Städte keine Schwimmhalle mehr leisten, geschweige denn ordentlich auszustatten und zu halten. Ich finde es sollten alle Schwimmer in Leistungszentren aufgenommen werden. Das bedeutet für mich, dass es in Deutschland 3-6 Leistungszentren des Schwimmsports geben muss. Die Schwimmer einer Staffel gehören zum Beispiel in ein solches Zentrum. Es muss mehr Konkurrenz geben, innerhalb einer Trainingsggruppe in einem solchen Zentrum muss es bereits Reibungspunkte geben. Dazu muss ein Schwimmer bereit sein und nebenbei auch beruflich bzw. fürs studium abgesichert werden. Es sollte auch daran gedacht werden, Schwimmer in die Staaten oder nach Australien zu deligieren, China macht das ja auch sehr erfolgreich. Das geht alles nur, wenn man bereit ist, mehr Geld auszugeben. Wenn nicht, dann muss man sich mit dem London-Niveau abfinden.
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