Deutsche Segler bei Olympia 2012: Kein Platz für Überraschungen

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Die deutsche Segel-Olympiamannschaft reist aus London ohne Medaillen nach Hause. Die Ausbeute liegt damit unter dem Niveau der Spiele von 2008 in China. Ein schwaches Ergebnis also? Nur auf den ersten Blick. Eine Bilanz.

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Segler Stanjek, Kleen: Im Rahmen der Möglichkeiten

Die Ergebnisse der deutschen Segler bei den Olympischen Spielen in London lesen sich so: 4. Platz (RS:X M), 5. Platz (RS:X F), 6. Platz (Star), 6. Platz (Laser), 11. Platz (49er), 13. Platz (470 M), 26. Platz (Laser F). In der 470-Klasse der Frauen ist es derzeit Rang 8. Das hört sich bescheiden an. Wie aber sind diese Leistungen tatsächlich zu bewerten?

Die Spiele in London haben deutlich gemacht, dass es kaum Platz für Überraschungen gibt. Segeln mag in der Theorie durch seine sich ständig ändernden äußeren Bedingungen mehr Platz für Glück oder Pech lassen. In der Praxis aber siegen besonders häufig die Favoriten, gerade bei Olympischen Spielen.

Beispiel Starboot: Das Podium wird exakt durch dieselben Steuerleute besetzt wie vor vier Jahren, nur in einer anderen Reihenfolge. Frederik Loof aus Schweden holte mit seinem neuen Vorschoter Max Salminen Gold. Das mag als Mini-Überraschung gelten, da Loof bei den vergangenen beiden Weltmeisterschaften jeweils nur Fünfter wurde, aber die Schweden sind Weltranglisten-Erste - und Loof seit 22 Jahren im Geschäft. In dieser Zeit wurde er dreimal Weltmeister im Finn und zweimal im Star.

Nur in dieser Klasse hatte das Sailing Team Germany mit Robert Stanjek und Frithjof Kleen eine Crew, die sich im Vorfeld der Spiele eine WM-Medaille sichern konnte. Doch das deutsche Starteam war das jüngste in dieser Klasse. Es hat nicht enttäuscht, Platz sechs ist im Rahmen der Möglichkeiten.

Beispiel 470er Männer: Auf den ersten beiden Plätzen haben Mathew Belcher/Malcolm Page (Australien) und Luke Patience/Stuart Bithell (Großbritannien) Gold und Silber vor dem Medaillenrennen schon sicher. Beide Teams wurden bei den vergangenen Weltmeisterschaften jeweils Erster und Zweiter. Lucas Calabrese und Juan de la Fuente (Argentinien) liegen auf Bronzekurs. Calabrese wurde Opti-Welt- und Vize-Weltmeister (2000 und 2001). Das deutsche 470er Team Ferdinand Gerz/Patrick Follmann blieb im Rahmen seiner Möglichkeiten und wurde 13. Das Medalrace wurde nur um zwei Punkte verpasst.

Beispiel Finn Dinghy: Mit Ben Ainslie hat der Superstar und sechsmalige Weltmeister gewonnen. Der Däne Jonas-Hoegh Christensen war WM-Dritter und segelt seit neun Jahren Finn.

Beispiel Laser Frauen: Mit der Chinesin Xu Lijia gewann die WM-Zweite und Bronze-Gewinnerin von 2008, die seit acht Jahren olympisch segelt und 2006 Radial-Weltmeisterin wurde. Silbergewinnerin Marit Bouwmeester (Niederlande) segelt seit neun Jahren im Laser und ist konstant in der Weltspitze. Evi van Acker (Belgien) holte Bronze. Sie ist seit elf Jahren dabei und war Zweite bei ihrer letzten WM in Perth. Die deutsche Starterin Franziska Goltz segelt seit sieben Jahren Laser und platzierte sich bei den vergangenen Weltmeisterschaften auf den Rängen 15 und 39. Olympia-Rang 26 entspricht in etwa diesem Niveau.

Beispiel 49er: Mit Nathan Outteridge und Iain Jensen (Australien) siegten die dreimaligen Weltmeister und Top-Favoriten. Auch die zweitplatzierten Neuseeländer Peter Burling/Blair Tuke sind Bekannte in der Weltspitze, sie waren WM-Zweite in den vergangenen beiden Jahre. Mit den Dänen Allan Norregard/Peter Lang holte genau die Crew Bronze, die bei der vergangenen Weltmeisterschaft Dritter wurde. Die letzten WM-Ergebnisse von Tobias Schadewaldt/Hannes Baumann waren Platz 11 und 13.

Beispiel Laser: Gold ging an den Top-Favoriten Tom Slingsby. Der Australier hat die letzten drei WM-Titel gewonnen und insgesamt schon fünfmal gesiegt. Eine echte Überraschung ist die Silbermedaille für Pavlos Kontides aus Zypern, der zuletzt nur 21. und 10. bei Weltmeisterschaften wurde. Das dritte Edelmetall holte der Schwede Rasmus Myrgren, der als WM 9. und 22. nicht gerade zu Favoritenkreis gehörte, aber 13 Jahre Laser Erfahrung zu Felde führt. Der Deutsche Simon Grotelüschen segelt schon seit elf Jahren Laser und liegt mit den WM-Platzierungen acht und vier am konstantesten im Bereich der Medaillenzone. Sein Rang sechs bei diesen Spielen liegt genau dazwischen.

Beispiel 470er Frauen: Vor dem Medaillenrennen sind Gold und Silber vor dem Medalrace an Jo Aleh/Olivia Powrie (Neuseeland) und Hannah Mills/Saskia Clark (Großbritannien) vergeben. Aleh segelt seit zehn Jahren 470er und belegte bei den vergangenen WMs die Plätze vier, drei und zwei. Die britische Steuerfrau stieg vor sechs Jahren als Optimist-Weltmeisterin in den 470er und wurde bei den vergangenen beiden Weltmeisterschaften Erste und Zweite.

Die Niederländerin Lisa Westerhof liegt auf Rang drei und war vielleicht die größte Favoritin. Die Optimist-Weltmeisterin von 1996 segelt seit 16 Jahren 470er und erreichte bei den vergangenen Weltmeisterschaften die Plätze drei, zehn, eins und eins. Die deutsche Starterin Kathrin Kadelbach ist eine der erfahrensten Seglerinnen im Team. Vor zehn Jahren stieg sie ein, machte dann aber Pause und startete eine knapp zweijährige Olympia-Kampagne mit Friederike Belcher. Die jüngsten WM-Ergebnisse (12./28.) machten aus ihr nicht gerade eine Medaillenanwärterin. Dafür ist der aktuelle 8. Platz vor dem Medaillenrennen im Rahmen der persönlichen Bestleistung.

Beispiel Match Race Frauen: Das Ausscheiden der Weltmeisterin und ISAF-Weltseglerin des Jahres Anna Tunnicliffe im Viertelfinale ist eine der größten Überraschungen dieser Spiele. Die USA gehen damit ohne Medaille nach Hause. Genauso überraschend ist die bisher überlegene Vorstellung der bisherigen WM-5. und -8. Olivia Price, die erst eines von 14 Rennen verloren hat und im Halbfinale steht. Sie könnte Australien die vierte Goldmedaille sichern. Tamara Echegoyen (Spanien) als vierte Semifinalistin kann dagegen für eine echte Überraschung sorgen. Sie war zuletzt zweimalige WM-Zwölfte.

Fazit: Das deutsche Team mit sieben Debütanten war zu jung, als dass man Medaillen ernsthaft erwarten konnte. Immerhin segelte es oft im erweiterten Edelmetall-Bereich. Nach sieben Entscheidungen liegt Deutschland auf Rang fünf. Frankreich und womöglich auch Finnland werden aber noch vorbeiziehen.

Die Tendenz stimmt dennoch, glaubt Sailing-Team-Germany-Gesellschafter Jochen Schümann. "Wir sind auf einem guten Weg und haben schon viel erreicht", sagte er in einem Interview mit Segelreporter.com. "Es gibt einen einheitlichen Auftritt der Nationalmannschaft, und wir hatten Möglichkeiten für eine Medaille. Aber das wäre wohl eine riesige Überraschung gewesen."

Verbesserungspotential sieht Schümann bei der Kooperation mit dem Deutschen Segler-Verband (DSV). "Der pocht auf seine sportfachliche Führung. Wir bringen mehr als die Hälfte des Budgets ein. Da wollen wir mit dem Sailing Team Germany mehr Verantwortung übernehmen", sagte Schümann. Jetzt sei aber eine gemeinsame Auswertung mit allen Beteiligten enorm wichtig: "Schon nach 2008 haben wir nicht alle Veränderungspotentiale optimal ausgeschöpft."

Lesen Sie eine ausführliche Version dieses Artikel auf segelreporter.com.

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