Deutsches Dressur-Silber Jubel, Trubel, Trauer

Erstmals seit über 30 Jahren ging olympisches Gold in der Dressur nicht an das deutsche Team. Das Ergebnis ist dennoch ein Erfolg für die unerfahrene Equipe. Trauer verspürte eine Reiterin dennoch - für sie steht ein schmerzhafter Abschied bevor.

Deutsches Reiterteam: Silbermedaille gewonnen
DPA

Deutsches Reiterteam: Silbermedaille gewonnen

Aus London berichtet


Eigentlich hätte Dorothee Schneider rundum glücklich sein müssen. Soeben hatte sie mit der Mannschaft die Silbermedaille im Dressurreiten gewonnen, doch die 43-Jährige hatte ganz andere Sorgen: Ihren kommenden Einzel-Wettbewerb am Donnerstag. Denn nach dem letzten gemeinsamen Auftritt wird ihre Stute Diva Royal zu ihrem Besitzer zurückkehren.

Der Gedanke daran zerreißt der Pferdetrainerin das Herz. "In zwei Tagen ist mein letzter Ritt mit ihr", sagte Schneider nach dem zweiten Platz im olympischen Teamwettbewerb. Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, kullerten ihr Tränen über die Wangen. "Diva Royal ist ein sehr positiver Charakter. Sie geht in die Arena - und wird zehn Zentimeter größer", sagte Schneider: "Sie ist wirklich eine Diva, aber auf eine gute Art."

Die drei Frauen, die olympisches Silber in der Dressur gewannen, liegt jegliches Diventum hingegen fern. Munter, natürlich und mit strahlenden Augen hielten sie im mobilen Pressecontainer des Greenwich Parks ihre Medaillen vor die Kameras, die Fotografen ließen die Kameras klicken - und Helen Langehanenberg lieferte den passenden Kommentar dazu.

"Wir können stolz sein"

Im Trio mit Schneider und Kristina Sprehe, der 25 Jahre alten Aufsteigerin des Jahres, hatte Langehanenberg die beste Wertung erhalten - und sagte: "Wir sind wirklich ein Team. Wir sind alle jung, mit frischen Pferden, wir können stolz sein. Und wirklich glücklich."

Es war die Antwort für all jene, die noch immer dem Ausfall des vor Olympia erkrankten Matthias Rath und seines Wunderhengstes Totilas hinterher trauern. Und für diejenigen, die sich wegen der gerissenen Gold-Serie der deutschen Dressurreiter grämen. Mit Ausnahme der boykottierten Spiele in Moskau (1980) war seit 1976 jedes Mannschaftsgold im olympischen Viereck an Deutschland gegangen.

Diese Serie fand mit dem zweiten Platz hinter der britischen Equipe und vor den Niederländern nun ihr Ende - doch die Antwort des Bundestrainers auf diesen Umstand: ein strahlendes Lächeln. "Wir haben Silber gewonnen, das war ganz stark", sagte Jonny Hilberath, der Bundestrainer mit der knallgrünen Jacke und der großen, über die Stirn geschobenen Sonnenbrille. "Alle Damen, die heute hier angetreten sind, sind Olympianeulinge. Deshalb war das eine Glanzleistung dieser Mannschaft, die man so nicht erwarten konnte", so Hilberath.

Nicht ganz rund lief es, bei aller Freude, für die jüngste unter den olympischen Anfängerinnen. Sprehe unterlief mit ihrem Hengst Desperados ein Patzer mit Folgen. "Das Pferd ist in einer Ecke kleben geblieben, hat sich darauf fixiert. Und als Kristina reagieren wollte, hat er ihr das übel genommen", kommentierte ihr Trainer Jürgen Koschel den Augenblick, als Desperados die junge Frau auf seinem Rücken mit einem kurzen Sprung nach vorne überraschte.

"Sie war danach ein kleines bisschen gehemmt. Dadurch wurden auch die Noten der Richter überall ein bisschen tiefer - auch bei den guten Sachen", sagte Koschel. Umso erfreuter war Hilberath über Schneider und Diva Royal, das zweitbeste deutsche Paar an diesem Tag. 50 Minuten vor Sprehe gestartet, zeigte das Duo einen risikoarmen, aber sehr anmutigen Vortrag.

Die Vorstellung der Reiter war für den Chef der deutschen Dressurequipe Erleichterung pur. "Ein ganzes Felsmassiv" sei ihm vom Herzen gefallen, fabulierte Hilberath. "Da war schon Druck", sagte der Bundestrainer, ergänzte jedoch: "Bei mir, nicht bei den Reiterinnen."



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insgesamt 2 Beiträge
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rmorg 08.08.2012
1. Eigenartig
Eine Aussage wie: "Wir haben Silber gewonnen und nicht Gold verloren" wird man von keinem anderen Olympiateam hören. Sind wir deshalb soweit zurück im Medaillienspiegel? Obwohl wir enorme Mittel investieren.
niska 08.08.2012
2.
Zitat von rmorgEine Aussage wie: "Wir haben Silber gewonnen und nicht Gold verloren" wird man von keinem anderen Olympiateam hören. Sind wir deshalb soweit zurück im Medaillienspiegel? Obwohl wir enorme Mittel investieren.
Behaupten Sie jetzt einfach mal... Das junge Team hat wirklich, wenn man die Leistungen der Konkurrenz vor den Spielen betrachtet das maximal mögliche herausgeholt. Auch mit einem kleinen Verweigerer muss man immer rechnen und dann das Beste draus machen. Vermutlich eher, weil wir unsere Athleten leider noch als Menschen betrachten, daher viel zu humane Trainigsmethoden einsetzen und auch noch fahrlässigerweise im Vorfeld Dopingkontrollen ermöglichen.
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