Erste deutsche Olympiamedaille: Ewigkeit bis zur Erlösung

Aus London berichtet

Selbst die Sportler aus Moldau waren schneller: Deutschlands Olympioniken mussten lange auf eine Medaille warten. Doch kam der Erfolg von Britta Heidemann wirklich so spät? Und ist die deutsche Bilanz tatsächlich so dramatisch schlecht?

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DOSB-Generaldirektor Vesper: Endlich die erste Medaille für Deutschland

Einen der bizarrsten olympischen Wettbewerbe liefern sich alle zwei Jahre die Journalisten, im Winter wie im Sommer. Stets geht es darum, den Wettbewerb des ersten deutschen olympischen Medaillengewinners zu beschreiben. Früher war das einfach. Da schossen die Deutschen ziemlich gut, und so kam es nicht von ungefähr, dass Heerscharen deutscher Reporter plötzlich auf olympischen Schießplätzen auftauchten.

Seit 1992 wieder ein gemeinsames deutsches Team bei Sommerspielen antrat, waren dies die ersten Medaillengewinner: der Straßenrad-Vierer (Barcelona 1992), die Schützin Petra Horneber (Atlanta 1996), die Judoka Anna-Maria Gradante (Sydney 2000), die Judoka Julia Matijass (Athen 2004), die Wasserspringerinnen Heike Fischer und Ditte Kotzian (Peking 2008). Fast immer werden Sportler aus Randsportarten für einen Tag zu Helden und generieren Aufmerksamkeit.

Und diesmal? Sportdeutschland und seine Medien wurden unruhig, als selbst am Abend des dritten Wettkampftags, wie schon in Peking, noch immer nichts auf der Habenseite stand. Bis dahin hatten 25 Nationen Edelmetall erkämpft. Ganz vorn die Chinesen und Amerikaner.

Unter den Glücklichen sind auch Thailand, Kolumbien, Aserbaidschan, Moldau, Usbekistan und Indien. Allesamt keine Großmächte Olympias und eigentlich keine Herausforderer in der angeblich "nicht existierenden Nationenwertung", wie Michael Vesper behauptet hat, Chef de Mission und Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Was Vesper nicht sagt: Auch die deutschen Funktionäre pflegen natürlich ihre Excel-Dateien mit Nationenwertungen - im Mannschaftsbüro, im Deutschen Haus in London und in der Bonner Sportabteilung des Bundesinnenministeriums.

"Das ist ein echtes Signal, dass wir es können"

So schwärmten sie am Montagnachmittag also wieder aus, die deutschen Reporter. Auch SPIEGEL ONLINE war vor allem deswegen beim Turmspringen vertreten, weil Patrick Hausding und Sascha Klein plötzlich die erste Plakette versprachen. Sie wurden aber nur Siebter, so dass erst Britta Heidemann, die Olympiasiegerin von Peking, im Degenfechten mit der Silbermedaille die Deutschen erlöste.

Der Kampf um die erste Medaille hat immer etwas Symbolisches. Klappt es schnell, dann steigt die Stimmung im Team, manchen Athleten wird dadurch auch der Druck genommen. Vor allem aber hellt sich die Miene derjenigen auf, die für den DOSB die Statistiken führen. Das Statement von DOSB-Sportdirektor Bernhard Schwank nach Heidemanns Erfolg passte ins Bild: "Das ist ein echtes Signal, dass wir es können."

Dauert es lange, bis die Deutschen ein Podest betreten dürfen, wird es kompliziert: Dann häufen sich die schlechten Schlagzeilen, dann werden Trainer gemaßregelt, wie im Deutschen Schwimm-Verband (DSV) bereits geschehen, dann wird schneller in Frage gestellt, was in manchen Disziplinen und Sportarten vielleicht nicht mal in Frage gestellt werden müsste. Denn ob ein Verband konzeptionell professionell gearbeitet hat, entscheidet sich nicht an der Frage, wie schnell Glückwunschtelegramme aus Berlin in die jeweiligen Olympia-Städte gekabelt werden können.

Und ob die Partner DOSB und Bundesinnenministerium mit ihrer Hochleistungssportförderung richtig liegen, entscheidet sich andererseits auch nicht an Tagen, an denen die Deutschen mehrere Goldmedaillen gewinnen. Es wird diese Tage auch in London geben. Hinter derlei Glanz und manchem Elend aber lauert die Analyse.

Nur den "hässlichen Platz sieben" gewonnen

Verbände können über Jahre Großartiges geboten und ihre Ressourcen äußerst sinnvoll eingesetzt haben - und trotzdem sind deren Athleten im entscheidenden Moment Besseren unterlegen, machen winzige Fehler, haben Pech oder, auch das, liefern einfach nicht ihre Leistung. So ist der Sport. Dies zu beschreiben, heißt nicht, irgendetwas zu beschönigen.

Nun also zum Aquatic Centre, zum Synchronspringen mit Patrick Hausding und Sascha Klein, den Olympia-Zweiten von Peking. Als das Duo draußen vor der Halle in einem Container, Mixed Zone genannt, ihren siebten Platz erklären sollten, standen sie fünf Meter von einem Flachbildschirm entfernt und sahen die Siegerehrung.

Die Chinesen Cao Yuan und Zhang Yanguan hatten gerade Goldmedaille Nummer acht für die Volksrepublik gewonnen, vor zwei Mexikanern und US-Amerikanern. "Der kleinste Fehler", sinnierte Hausding, "kann die Höchststrafe bedeuten." Beim dreieinhalbfachen Rückwärtssalto, dem vierten von sechs Sprüngen, unterlief ihnen ein kleiner Fehler mit fatalen Auswirkungen. Von Rang drei fielen sie auf den laut Hausding "hässlichen Platz sieben" zurück.

Sie haben die erste Medaille für Deutschland holen wollen, sagte DSV-Leistungssportdirektor Lutz Buschkow. Hausding und Klein haben ihre Verdienste, erzählte Buschkow noch, man sei ihnen dankbar für viele Erfolge. Das wird die beiden Wasserspringer aber nicht trösten. Denn die Suche nach der ersten deutschen Olympiamedaille hat ja immer eine sehr persönliche Komponente.

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insgesamt 20 Beiträge
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1.
Cotti 30.07.2012
Zitat von sysopSelbst die Sportler aus Moldau waren schneller: Deutschlands Olympioniken mussten lange auf eine Medaille gewinnen. Doch kam der Erfolg von Britta Heidemann wirklich so spät? Und ist die deutsche Bilanz tatsächlich so dramatisch schlecht?...
Langsam nervt dieser nationalistische Medaillenwettstreit wirklich. Fehlte nur noch, den Moldauianesen das Recht auf Medaillen abzusprechen, ehe nicht ein Deutschländerwürstchen eine errungen hat.
2.
vali.cp 30.07.2012
Zitat von sysopSelbst die Sportler aus Moldau waren schneller: Deutschlands Olympioniken mussten lange auf eine Medaille gewinnen. Doch kam der Erfolg von Britta Heidemann wirklich so spät? Und ist die deutsche Bilanz tatsächlich so dramatisch schlecht? Olympia 2012: Deutschlands enttäuschende Medaillen-Bilanz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,847284,00.html)
Die Frage ist eher was tun deutsche Sportler für den Erfolg? Ungeachtet der Förderung junger Talente, stellt man schnell fest, den unmittelbaren Willen alles für den Erfolg zu tun, vermisst man oft. Bei der gestrigen Übertragung stellte der Reporter fest, dass eine (so weit in Erinnerung) italienische Schwimmerin dieses Jahr bis auf 3 Tage jeden Tag trainiert hat. Dem gegenüber lassen es deutsche Sportler ruhiger angehen, stattdessen sammelt man ein großes Team an Sportpsychologen, Betreuern, Essenvorkauern etc ein. Die Deutschen leben ihr Motto, 'Dabei sein ist alles!' halt perfekt. Man gibt mit kleinen Verbesserungen zufrieden, kuscht vor der Konkurrenz ist eh Weltmeister in Ausreden finden ('Ich konnte das Wasser nicht richtig greifen). Aber zu Pferde ist man gewohnt stark!
3. die politik versagt mal wieder
muttisbester 30.07.2012
der economist zeigt in einer aktuellen grafik die effizienz der staaten medallien zu gewinnen. nun, ost-deutschland war die erfolgreichste nation aller zeiten. Daily chart Olympics: Piling up the prizes | The Economist (http://www.economist.com/blogs/graphicdetail/2012/07/daily-chart-olympics-0) jetzt werden viele sagen: alles doping. was nur teilweise stimmt, da a) damals alle gedopt haben und b) man bei manchen sportarten schlicht nicht dopen kann oder es nicht viel bringt (turmspringen, volleyball etc.) es hat halt auch viel damit zu tun, wie wichtig ein land den sport nimmt. und so, wie heute der sportunterricht an schulen ausfällt, oder die sporttalente gefördert werden reicht es eben nicht zur spitze. denn china, usa, australien etc. machen es eben besser! sehr anschaulich ist auch der medallienspiegel seit 1992: Olympische Sommerspiele 2012 - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten (http://www.spiegel.de/thema/olympische_sommerspiele_2012/) Deutsche Medaillenbilanz bei Olympischen Sommerspielen Jahr Gold Silber Bronze Gesamt 1992 33 21 28 82 1996 20 18 27 65 2000 13 17 26 56 2004 13 16 20 49 2008 16 10 15 41 2012 ? ? ? ? glatt halbiert in 20 jahren. tja, ohne ostdeutsche talente und die leistungszentren siehts halt ganz duster aus... und nochmal: nicht alle ostdeutschen waren gedopt und auch die heutigen erfolge der anderen länder lassen sich nicht allein mit doping erklären.
4. och nöh
spon-1314780374586 30.07.2012
wann hört endlich dieses dumme »Olympioniken«-Geschreibe auf?? Das Wort bedeutet nun mal »Olympiasieger« und ist somit in der Verwendung in Kontext dieses Artikels wirklich nur zu doof.
5. Dramatisch schlecht...
BettyB. 31.07.2012
Ich lach mich schlappig. Da hungert keiner, keiner ist schwer verletzt, keiner starb. Wieso dramatisch? Andere haben gewonnen, sich gefreut. Ist doch auch mal schön...
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Jahr Gold Silber Bronze Gesamt
1992 33 21 28 82
1996 20 18 27 65
2000 13 17 26 56
2004 13 16 20 49
2008 16 10 15 41
2012 11 19 14 44
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