Ruta Meilutyte: Eine ganz normale Wunderschwimmerin

Aus London berichtet Peter Ahrens

Die 15-Jährige Ruta Meilutyte aus Litauen hat mit ihrem Olympiasieg über 100 Meter Brust die Welt überrascht. Ihre Leistungssteigerung erregt Verdacht, aber selbst die Konkurrenz hält sie "einfach nur für gut und schnell". Jetzt will die Schwimmerin über 50 Meter Freistil nachlegen.

Litauerin Meilutyte: "Sie ist einfach nur sehr gut und sehr schnell" Zur Großansicht
Getty Images

Litauerin Meilutyte: "Sie ist einfach nur sehr gut und sehr schnell"

Als Teenager hat sie schon die Weltspitze im Schwimmen erreicht und die Konkurrenz düpiert. Sie hat olympisches Edelmetall errungen. Sie hat Rekorde gebrochen. Kann das mit rechten Dingen zugehen? Der Name der Schwimmerin: Franziska van Almsick. Das war vor 20 Jahren.

Von Doping hat damals in Deutschland niemand gesprochen, das Land befand sich nach van Almsicks Auftritten bei den Sommerspielen in Barcelona, sie war dort erst 14 Jahre alt, im Franzi-Rausch.

Bei der 15-jährigen Litauerin Ruta Meilutyte waren die Gerüchte dagegen gleich in der Welt, nachdem sie ihren Olympiasieg über 100 Meter Brust gefeiert hatte und auf dem Weg dahin im Halbfinale mal eben den Europarekord pulverisierte. Zwei Schwimmerinnen, zwei Riesentalente, zwei verschieden angelegte Maße.

Die Leistungssteigerung der Litauerin ist in der Tat erstaunlich. Innerhalb von vier Monaten schraubte sie ihre Bestleistung um zwei Sekunden nach unten. Aber selbst der routinierte US-Coach John Leonard, der sonst mit Doping-Spekulationen in Richtung der Konkurrenz schnell bei der Hand ist, sagt über Meilutyte: "Sie ist einfach nur sehr gut und sehr schnell." Da hat Leonard eine eindeutig andere Meinung als gegenüber der zweiten Wunderschwimmerin dieser Spiele, Ye Shiwen aus China. Den Chinesen hatte der US-Trainer mehr oder weniger unverblümt Leistungsmanipulation unterstellt.

Seit drei Jahren auf dem Elite-College

Die Geschichte von Ruta Meilutyte ist auch die Geschichte von Jon Rudd. Rudd ist ein Urgestein im englischen Schwimmsport, als Coach hat er zahlreiche junge Schwimmer trainiert, es waren ein paar viel versprechende Talente darunter, ganz nach oben hat es aber keiner seiner Schützlinge geschafft. Bis Jon Rudd beim Plymouth College anheuerte.

Das College im südenglischen Devon hat sich vor einigen Jahren das ehrgeizige Ziel gesetzt, Champions hervorzubringen. Und zwar in Sportarten, für die Großbritannien nicht unbedingt berühmt ist: Schwimmen, Fechten, Moderner Fünfkampf. Aus der ganzen Welt wurden junge und jüngste Talente nach Plymouth gelotst. Die Elite-Ausbildung lässt sich die Schule gut bezahlen. 24.000 Pfund Schulgeld pro Jahr kostet laut einem Bericht des "Guardian" der Besuch.

Viel Geld, das auch der Vater von Ruta Meilutyte aufgebracht hat. Im Alter von zwölf Jahren kam das Mädchen aus dem litauischen Kaunas und wird seitdem auf Erfolg getrimmt. So wie auch ihr Schulkamerad Tom Daley, der Vierte im olympischen Wasserspringen-Wettbewerb. Daley und Meilutyte sind derzeit die Vorzeigeschüler des Plymouth College.

"Noch so viel Zeit, Party zu machen"

Sie sind die Nachfolger von Cassandra Patten, die 2008 in Peking als erste Absolventin des Colleges olympisches Edelmetall holte: Bronze im Zehn-Kilometer-Langstreckenschwimmen. Und die Nächste wartet schon: Jamila Lunkuse aus Uganda nahm in London an den 50 Meter Freistil teil. Sie ist gerade 15 Jahre alt geworden.

Rudd hat dem "Guardian" eine kleine Geschichte über Meilutyte erzählt. Er habe sie gefragt, wie sie es denn so finde, all das zu verpassen, was andere Teenager erleben: der erste Freund, der erste Rausch. Sie hat ihm geantwortet: "Ach, ich habe doch noch so viel Zeit, Party zu machen, wenn das hier alles vorbei ist." Da sei ihm als Trainer klar geworden, dass aus Meilutyte eine große Schwimmerin werden könne.

Neun litauische Rekorde hat Ruta Meilutyte mittlerweile gebrochen. Am Freitag geht sie wie ihre Schulkollegin aus Uganda über die 50 Meter Freistil an den Start, am Morgen sind die Vorläufe angesetzt, das Finale steigt am Samstag. Dann spätestens sollen die nächsten Bestmarken fallen. Über 100 Meter Freistil ist sie im Vorlauf am Mittwoch allerdings ausgeschieden. Man mag es kaum glauben, aber möglicherweise ist sie tatsächlich nur ein ganz normales Mädchen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
cs01 03.08.2012
Generell nerven mich diese Verdächtigungen. Was ist bitte schön verdächtig daran, dass gerade Jugendliche Leistungssprünge machen? Sollte so etwas bei der durchlaufenden körperlichen Entwicklung nicht normal sein, wenn auch nicht immer in diesen Dimensionen?
2.
paNso 03.08.2012
Zitat von sysopDie 15-Jährige Ruta Meilutyte aus Litauen hat mit ihrem Olympiasieg über 100 Meter Brust die Welt überrascht. Ihre Leistungssteigerung erregt Verdacht, aber selbst die Konkurrenz hält sie "einfach nur für gut und schnell". Jetzt will die Schwimmerin über 50 Meter Freistil nachlegen. Olympia 2012: Die 15-jährige Schwimmerin Ruta Meilutyte wird bewundert - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,847957,00.html)
Zum Glück misst SPON bzw. alle westlichen Medien hier nicht mit verschiedenen Maßen. Während bei Ye Shiwens Leistungen nur über Doping gesprochen wird gilt die europäische Schwimmerin als Wunderschwimmerin. Entweder alle stehen unter general Verdacht oder es gilt die Unschuldsvermutung. Da sollte sich SPON entweder entscheiden oder die Berichterstattung gleich sein lassen.
3.
stefansaa 03.08.2012
Zitat von paNsoZum Glück misst SPON bzw. alle westlichen Medien hier nicht mit verschiedenen Maßen. Während bei Ye Shiwens Leistungen nur über Doping gesprochen wird gilt die europäische Schwimmerin als Wunderschwimmerin. Entweder alle stehen unter general Verdacht oder es gilt die Unschuldsvermutung. Da sollte sich SPON entweder entscheiden oder die Berichterstattung gleich sein lassen.
So wie jedes Medium (vor allem Zeitungen) ist auch SPON ein Tendenz-Betrieb. Es gibt nun einmal gewissen Einstellungen welche vorgegeben werden und diese werden dann von den Redakteuren umgesetzt. Leider ist beim SPON oder auch beim Spiegel der Trend hin zum Mainstream Medium weg von kritischer oder objektiver Berichterstattung. Ansonsten bleibt der Jungen Dame zu wünschen: weiter so und sauber bleiben!
4.
alexbln 03.08.2012
Zitat von cs01Generell nerven mich diese Verdächtigungen. Was ist bitte schön verdächtig daran, dass gerade Jugendliche Leistungssprünge machen? Sollte so etwas bei der durchlaufenden körperlichen Entwicklung nicht normal sein, wenn auch nicht immer in diesen Dimensionen?
mehr als verdächtig ist, wenn sie rekorde bricht. rekorde die mit großer sicherheit von athleten die gedopt haben, erzielt wurden. und jetzt will eine 15jährige diese rekorde ohne doping pulverisiert haben. sorry, im (leistungs)sport gibt es nicht solche wunder.
5. In Deutschland wäre sowas nicht mehr möglich...
gifmemore 03.08.2012
Klar - vor über 20 jahren war das system noch ein anderes. tatsächlich zeigt sich eben auch, das das sportsystem der DDR prächtig funktioniert hat. davon hat natürlich gesamtdeutschland profitiert. ABER: Mittlerweile werden nahezu alle Ergebniss selbst von 10 jährigen festgehalten. Man kann sie auf der Website des DSV sehen. Solche drastischen Leistungssprünge sind dann nicht mehr so überaschend. Hier wird so getan, als steckt man ein Mädel in einen Badeanzug - trainiert sie 2-3 jahre und erhält eine Rekordschwimmerin... das müssen ja wirklich geniale Trainigsmethoden sein. Die Zeiten haben sich ebend geändert - und während 1992 sich kein Mensch im Schwimmsport vorstellen konnte - ist es heute durchaus denkbar... warum auch nicht. Klar - es gilt die Unschuldsvermutung, wenn aber Experten, Trainer und Sportler selbst sich um das Thema Doping in diesem Fall winden, dann muss doch klar werden, dass niemand so wirklich an das Wunder glauben mag. Es hat sich einfach zu oft gezeigt, dass solche wundersamen Leistungen nicht immer die Folge von Training sind. Wäre im College systematisch AntiDopingkontrollen durchgeführt worden - könnten sie nun helfen die Vorwürfe zu entkräften .. tja und die gibt es natürlich nicht. Keine Ergebnisse - keine negativen Dopingtests ... nichts... tja ... das macht dann einfach misstrauisch.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles zum Thema Olympische Sommerspiele 2012
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Freitag, 03.08.2012 – 09:36 Uhr
  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 48 Kommentare
DPA

Medaillenspiegel

Platz Land Ges.
zum kompletten Medaillenspiegel
Olympiasieger im Zeitfahren seit 1996
Jahr Gold Silber Bronze
2012 B. Wiggins T. Martin C. Froome
2008 F. Cancellara G.E. Larsson L. Leipheimer
2004 T. Hamilton W. Jekimow B. Julich
2000 W. Jekimow J. Ullrich L. Armstrong
1996 M. Indurain A. Olano C. Boardman

Die erfolgreichsten Sportler bei Olympischen Sommerspielen
Name Disziplin Gold Silber Bronze
Michael Phelps Schwimmen 18 2 2
Larissa Latynina Turnen 9 5 4
Paavo Nurmi Leichtathletik 9 3 0
Mark Spitz Schwimmen 9 1 1
Carl Lewis Leichtathletik 9 1 0
Birgit Fischer Kanu 8 4 0
Sawao Kato Turnen 8 3 1
Jenny Thompson Schwimmen 8 3 1
Matt Biondi Schwimmen 8 2 1
Ray C. Ewry Leichtathletik 8 0 0

London 2012: Die Twitter-Reporter
Fotostrecke
Olympische Sommerspiele 2012: Deutschlands Medaillenhoffnungen