Aus London berichtet Peter Ahrens
Sie hat die erste Medaille für Deutschland bei diesen Spielen geholt. Silber, fast wäre es sogar eine goldene geworden. Eigentlich müsste also Britta Heidemann im Mittelpunkt dieser Geschichte stehen. Aber die Story dieses an Dramatik kaum zu überbietenden Degenfechtfinaltags gehörte einer anderen. Einer, die am Ende ohne jedes Edelmetall da stand: der Südkoreanerin Shin A Lam.
Was sich am Montagabend während und nach deren Halbfinalgefecht mit Heidemann abspielte, nannte der Hallensprecher, ohne großartig zu übertreiben, einen "Schlüsselmoment der olympischen Geschichte".
Fast eine Stunde lang musste Lam nach ihrer ebenso knappen wie umstrittenen Niederlage gegen die Deutsche auf der Planche bleiben bis die endgültige Entscheidung über den Protest ihres Trainers gefallen war. Die Regeln des Fechtsports sehen vor, dass die Athletin der Einspruch erhebenden Nation bis zur endgültigen Entscheidung auf der Planche ausharren muss. So saß sie da, in Tränen aufgelöst, der unglücklichste Mensch dieser Olympischen Spiele. Der Anblick Lams, wie sie ganz allein mitten in der Wettkampfarena kauert, in sich und ihrer Traurigkeit versunken, während um sie herum heftigste Diskussionen toben, ist jetzt schon eines der Bilder dieser Sommerspiele.
28 Minuten Diskussion um eine Sekunde
Die Frage, ob der Siegtreffer der Deutschen noch innerhalb jener einen verbliebenen Kampfsekunde gesetzt wurde oder die Zeit zuvor schon abgelaufen war, führte anschließend zu wildesten Diskussionen und Protesten der Koreaner - alles ohne Erfolg. Erst nach exakt 28 Minuten turbulenter Debatten am Tisch der Jury, die die beiden Fechterinnen auf der Planche ausharrend abwarten mussten, fiel die Entscheidung zugunsten der Deutschen.
"So etwas darf eigentlich nicht passieren", kommentierte Heidemann anschließend und sprach von einem "Systemfehler": Die Zeitabläufe beim Fechten müssten "künftig transparenter werden". Für den Protest der Koreaner hatte die Goldmedaillengewinnerin von 2008 absolutes Verständnis: "Das hätten wir genauso gemacht." Ohnehin habe sie selbst "schon ähnliche Situationen erlebt, in denen ich darunter zu leiden hatte".
Beim Stand von 5:5 im Sudden Death zwischen Heidemann und Shin A Lam hatte es zwei Doppeltreffer innerhalb der letzten Sekunde gegeben. Obfrau Barbara Csar verlangte daraufhin beim Kampfgericht die Überprüfung der Uhr, bei der ein Fehler festgestellt wurde. Auf Nachfrage der Obfrau akzeptierten aber beide Fechterinnen die Entscheidung, die letzte Sekunde noch einmal zu fechten.
Das Halbfinale war der Kulminationspunkt eines ohnehin schon nervenaufreibenden Finaltages für Heidemann gewesen. Normalerweise wäre ihr Olympia-Auftritt im Einzel bereits am Vormittag beendet gewesen. Im allerersten Gefecht gegen die starke Italienerin Bianca del Carretto war die Deutsche schon so gut wie ausgeschieden und rettete sich mit einem fulminanten Endspurt doch noch in die nächste Runde.
Im Finalkampf war Heidemanns Glück aufgebraucht
"Ich hab jetzt schon so manche großen Turnier erlebt, das hilft dann doch, wie man mit solchen Situationen umgeht", hat die 29-Jährige ihre ganze Erfahrung als Olympiasiegerin, Weltmeisterin und Europameisterin gebraucht, um überhaupt in die Runde der besten Vier vorzustoßen. "Ich war von Anfang an voll im Konzentrationstunnel", nennt sie das.
Den Tunnel verließ sie erst im Finale, wo es wieder dramatisch und knapp zuging und Heidemann gegen die Ukrainerin Jana Schemjakina erst in der Verlängerung unterlag. "Ich habe mich super geärgert, dass ich nicht den letzten Treffer gesetzt habe, ich hätte so viel lieber jetzt Gold umhängen gehabt", sagte Heidemann. Aber das wäre an diesem Abend denn vielleicht doch des Guten zu viel gewesen. Die Deutsche hatte das ihr zustehende Glück an diesem Finaltag zuvor schon mehr als aufgebraucht.
Aber auch Silber ist für Heidemann bereits mehr, als die meisten von der Titelverteidigerin erwartet hatten. Nur mit Mühe hatte sie sich überhaupt für das olympische Turnier qualifizieren können, hatte im Weltcup zuletzt wenig geglänzt. "Ich hatte auch vor den Spielen in Peking mal eine nicht so starke Phase, aber ich wusste, dass ich hier voll motiviert antreten würde", sagte sie.
Am Ende ging der koreanische Coach, der nach der Halbfinal-Entscheidung noch gezappelt und gewütet hatte, auf die frischgebackene Silbermedaillengewinnerin Heidemann zu und umarmte sie. Man sah ihm an, wie schwer ihm das fiel.
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