Steiners Unfall beim Gewichtheben: Das Hantel-Drama

Den Zuschauern in London und vor den Fernsehern stockt der Atem: Gewichtheber Matthias Steiner hat die Kontrolle über seine 196 Kilogramm schwere Hantel verloren, wird im Nacken getroffen und sinkt zu Boden. Sein Trainer reagiert zunächst schockiert - kann aber später Entwarnung geben.

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Gewichtheber Steiner: Schmerzhaftes Aus im zweiten Reiß-Versuch

Hamburg - Den Triumph seines Rivalen bekam Matthias Steiner nicht mehr mit. Als Gewichtheber Behdad Salimikordasiabi die 248 Kilogramm schwere Hantel zum Olympiasieg stieß, war der Deutsche gerade auf dem Weg ins Krankenhaus. Steiner hatte im Reißen einen folgenschweren Unfall erlitten.

Bei seinem zweiten Versuch hatte der Athlet die Hantel schon über seinen Kopf gestemmt, da riss er die Augen auf, als wisse er, was kommen sollte. Die 196 Kilogramm schwere Last fiel nach hinten, traf Steiner im Nacken, prallte ab und blieb auf dem Oberschenkel des 150-Kilo-Mannes liegen.

Dem Publikum stockte der Atem, Steiner blieb sekundenlang auf dem Boden liegen und wurde schnell von Helfern mit Hilfe eines Banners vor neugierigen Blicken abgeschirmt. Doch dann stand er auf, streckte die Faust in die Luft.

Danach humpelte Steiner von der Bühne - und brach schließlich den Wettkampf ab. Zur Sicherheit wurde er in eine Klinik gebracht und dort geröntgt. "Er kann gehen und sprechen. Das ist die Hauptsache, alles andere ist unwichtig", sagte Steiners Ehefrau Inge. Es seien keine ernsthaften Wirbelschäden aufgetreten.

"Im ersten Augenblick habe ich gedacht: Oh, Gott. Das sah so gefährlich aus, so etwas habe ich noch nie gesehen", sagte Bundestrainer Frank Mantek. "Er sagte mir sofort: 'Ich kann meine Beine spüren.'" Die verpasste Medaille war nur noch Nebensache. Steiner wollte kein gesundheitliches Risiko eingehen.

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Gewichtheber Steiner: Schrecksekunde beim zweiten Versuch
Dennoch fiel es ihm schwer, seinen dritten olympischen Auftritt nach 2004 und 2008, vor vier Jahren hatte er sogar gewonnen, so beenden zu müssen. In der Pause vor dem Stoßen versuchte es Steiner im Aufwärmraum noch einmal. "Er hat 70 Kilo in die Hand genommen, aber die konnte er nicht wegheben. Dann habe ich ihm empfohlen: 'Mach Schluss'", sagte Mantek. Steiners Unfall sei ein technischer Fehler vorausgegangen, er sei in Rücklage geraten, so Mantek. Es wirkte zudem, als habe er beim Heben der Hantel seinen Unterleib gestreift.

Im Krankenhaus erfuhr Steiner dann von Salimikordasiabis Goldmedaillen-Leistung. Der Iraner triumphierte im Finale der schwersten Gewichtheber über 105 Kilogramm. Salimikordasiabi bringt selbst 168 Kilogramm auf die Waage, im Reißen schaffte er 208 Kilogramm im Stoßen 247.

Dass er nicht um den Sieg würde mitkämpfen können, wusste Steiner schon vor seinem Unfall. Bereits in der Vorbereitung auf London hatte er große Probleme. Der Anriss der Quadrizepssehne, die das Knie mit dem Oberschenkelmuskel verbindet, hatte ihn für Monate außer Gefecht gesetzt. Erst im Januar dieses Jahres stieg der gebürtige Österreicher wieder ins Training ein. Wie ein Wunder wirkte da sein zweiter Platz im April bei den Europameisterschaften in Antalya, wo er 424 Kilo schaffte.

Dann aber warfen ihn mehrere Verletzungen und Erkrankungen erneut zurück. Bei der Qualifikation für London folgte der Tiefpunkt: Nichts lief, die Technik fehlte, die Kraft ebenso. Lediglich 410 Kilogramm standen in der Zweikampfwertung zu Buche. Steiner war verzweifelt, sprach sich selbst die Reife für die Wettkampfbühne ab.

Vier Wochen Trainingslager in seiner alten Heimat Österreich brachten ihm neue Kraft und vor allem Selbstvertrauen. "Da ist er ins Rollen gekommen", hatte Mantek gehofft. In London, auf der Bühne der Südarena 3 im Messekomplex an der Themse, zerplatzten dann alle Träume.

luk/dpa

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