Goldgewinner Harting: Am Ziel seines Lebens

Aus London berichtet

Europameister, Weltmeister, Olympiasieger: Der seit zwei Jahren unbesiegte Robert Harting ist der aktuell beste Diskuswerfer. Bei seinem Triumph in London musste er sich auch gegen die Schikanen der Kampfrichter durchsetzen. Nicht ohne sich später dafür zu rächen.

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Seine Startnummer hat er nicht gegessen. Diesmal nicht, anders als bei der Weltmeisterschaft vor drei Jahren in Berlin. Als die Arbeit getan und jene Goldmedaille gesichert war, die ihm noch fehlte, da riss sich Robert Harting natürlich das Trikot vom Leibe. Das war es dann aber schon an urigen Ausbrüchen. Für ihn war es ein geradezu besinnlicher Ausbruch der Freude.

Harting ist Olympiasieger im Diskuswerfen. Er hat innerhalb von zwölf Monaten dreimal Gold gewonnen: bei der WM im südkoreanischen Daegu, bei der EM in Helsinki und nun in London. Das hat noch kein Diskuswerfer geschafft, schon allein deshalb, weil diese Wettbewerbe noch nie binnen eines Jahres stattgefunden haben. Harting ist seit zwei Jahren ungeschlagen. Er ist, vorerst, am Ziel seines Lebens.

In den Stunden seines Triumphs präsentierte er sich gelassen. Manche mag das überraschen, rechnen doch viele bei ihm stets mit einem verbalen Orkan."Ich habe mich sehr verändert", sagte Harting, "wegen der Schmerzen." Die langen Jahre als Leistungssportler fordern ihren Tribut. "Aber ich will dem heute keinen Raum geben", sagte Harting. Knie und Rücken bereiteten auch in diesem Jahr Probleme. In London war das aber eher eine mentale Sache. "Man konnte richtig hören, wie der Zweifel vom Zeh immer höher rutschte", beschrieb es Harting, "zum Knie bis zur Hüfte."

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Diskuswerfen: Der goldene Harting
Der Iraner Ehsan Hadadi hatte im ersten Versuch mit 68,18 Metern die Führung übernommen. Harting schleuderte die Scheibe auf 67,79 Meter und hatte Probleme. Im fünften Versuch erst übertraf er den Iraner: 68,27. "Meine Beine waren schwer. Da musste ich es eben mit den Armen machen. Sieben PS sind da drin. Es hat gereicht." Danach hieß es: zwei Minuten warten. Einmal noch durfte Hadadi in den Käfig. "Es war ein sehr unangenehmes Gefühl, nichts mehr machen zu können", sagte Harting. Er sah Hadadis Diskus in die Höhe steigen, hatte Angst, bis er erkannte, dass die Scheibe doch nicht hoch und deshalb auch nicht weit genug flog. Der Versuch war sogar ungültig. Harting war Olympiasieger.

Es war die Erlösung. "Das Beißen und Kämpfen hat sich gelohnt, was ja immer Gefahr läuft, nicht belohnt zu werden." Sätze wie diese, mit fast philosophischem Ansatz, zeichnen Robert Harting mittlerweile aus. "Ich hatte da nichts im Griff. Ich habe es nicht spannend gemacht."

Harting fühlte sich von den Kampfrichtern benachteiligt

Denn Harting kam nicht richtig in den Wettkampf. Er ärgerte sich mächtig über die Kampfrichter, die ihn zunächst genau beim Startschuss des ersten 800-Meter-Halbfinals der Männer werfen ließen - und dann während eines weiteren Halbfinals, obwohl Harting um eine Pause gebeten hatte. Wegen des Lärms konnte er sich nicht richtig konzentrieren "und nicht denken". Er habe "nicht mal die Schreie gehört", mit denen er sich motiviert. Beim dritten Versuch hat ihn der Kampfrichter aufgefordert, sein Handtuch weiter vom Wurfring entfernt abzulegen, auch das störte die Konzentration. "Da sind dann drei Würfe weg, drei Würfe in einem olympischen Finale! Einfach weg!"

Das Schicksal hat ihn offenbar noch einmal prüfen wollen. Schließlich hat sich Harting auch immer darüber definiert und motiviert, gegen die Unbilden des Lebens anzukämpfen. Das war nicht immer überlegt, mitunter wild und aggressiv, wie etwa seine Ausbrüche gegen die Doping-Opfer, die bei der WM 2009 gegen die Beschäftigung seines Trainers Werner Goldmann protestierten. Aber es war immer ehrlich. Harting ist kein Schauspieler. Harting brauchte diese Auseinandersetzungen. Er hat gelernt aus seinen Fehlern. Auch deshalb hat er, in kleinen und großen Krisen gestärkt, die Aufgabe im Olympiastadion gemeistert. Mit Routine, Coolness und Kraft.

Der Harting vergangener Jahre wäre vielleicht ausgerastet und hätte sich von den Kampfrichtern aus dem Konzept bringen lassen. Der Harting des Jahres 2012 aber blieb ruhig. "Druck ist ja nichts Neues für mich, aber in dieser Form, in dieser Dimension und Intensivität", er sagte tatsächlich Intensivität, "war das doch ziemlich neu. Es wäre beinahe ein Schuss in den Ofen geworden."

An den Kampfrichtern rächte sich Harting erst später, auf der Zielgeraden seiner Ehrenrunde. Dort hatten sie bereits die Hürden für das Finale der Frauen aufgebaut. Harting, mit nacktem Oberkörper und deutscher Fahne, die er von seiner Mutter im Stadion bekommen hatte, legte einen Sprint ein. Auf Bahn neun sprang er mit bäriger Eleganz über die Hindernisse. "Die Kampfrichter haben mir gesagt, du kannst da nicht laufen", erzählte er. "Also haben sie mich provoziert, und ich bin gelaufen."

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insgesamt 78 Beiträge
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1.
081172 08.08.2012
Astrein der Typ, er hat's verdient, auch wenn es knapp war. Herzlichen Glückwunsch!
2. Glückwunsch Robert
hajueberlin 08.08.2012
Zitat von sysopGetty ImagesEuropameister, Weltmeister, Olympiasieger: Der seit zwei Jahren unbesiegte Robert Harting ist der aktuell beste Diskuswerfer. Bei seinem Triumph in London musste er sich auch gegen die Schikanen der Kampfrichter durchsetzen. Nicht ohne sich später dafür zu rächen. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,848812,00.html
hat Spaße jemacht dir zuzuschauen. Deine "Rache" war ooch richtich. Der Jubel der Zuschauer jehörte nur dir. Bravo. Mach bitte weiter so.
3. ganz klar
rimaldo 08.08.2012
der war gedopt. Ach ne, ist ja ein Deutscher - die machen so etwas nicht - nur die Osteuropäer und Chinesen...
4. Ist ja klar.
derpolokolop 08.08.2012
Ein Deutscher hat seiner Medaille verdient mehr als jeder andere Sportler bei Olympia!
5. Warum nur?
bauesel 08.08.2012
Es war, wie immer, ein ganz klein wenig komplizierter! Noch einmal langsam zum Mitschreiben des Wesentlichen: 1. Hadadi kam grundsätzlich nach Harting, also hatte er nach Hartings weitestem Wurf noch zwei Würfe, nicht einen. 2. Der erste von den zwei ging sehr weit, weiter als Hartings kurz vorher. Erst nach kurzer Zitterzeit wurde bekannt, dass er nicht gültig war, weil Hadadi geringfügig übertreten hatte. 3. Dann kam Hartings letzter Versuch. Er sollte sicher noch weiter gehen, um ein gutes Polster zu haben, da ja Hadadi in seinem vorletzten (ungültigen) Versuch Harting übertroffen hatte. Es war also nach wie vor spannend. Er ging aber nicht weiter. 4. Jetzt erst ging das Zittern richtig los, Erst als klar war, dass der jetzt gültige Wurf (es war sein letzter) von Hadadi nicht weiter ging, wusste Harting, dass er die Goldmedaille hatte. 5. So war es, nicht anders, zwar spannend, aber nicht schwer nachzuvollziehen.
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