Olympia 2012 IOC geht Bestechungsvorwürfen nach

Eine Undercover-Aktion der BBC sorgt für Unruhe im IOC. Der bulgarische Spitzenfunktionär Ivan Slavkov schildert in einem TV-Beitrag detailliert, wie sich Olympia-Bewerber London Stimmen erkaufen kann, um für die Spiele 2012 den Zuschlag zu erhalten. IOC-Präsident Jacques Rogge kündigte bereits eine Untersuchung des Falles an.


IOC-Mitglied Slavkov: "Eine Falle gestellt"
AFP

IOC-Mitglied Slavkov: "Eine Falle gestellt"

London - BBC-Reporter hatten sich als Angestellte der Firma "London Ventures" ausgegeben, um mit IOC-Mitglied Ivan Slavkov ins Gespräch zu kommen. Den Kontakt zum Bulgaren stellte der Sportagent Goran Takac her. Mit versteckter Kamera filmten die Fernsehjournalisten dann die Unterredungen, in denen es darum ging, wie man die Vergabe der Olympischen Spiele 2012 an London beeinflussen könnte. Die britische Hauptstadt konkurriert mit Paris, Madrid, New York und Moskau, das IOC wird im kommenden Jahr entscheiden, welche Metropole den Zuschlag erhält. Der deutsche Bewerber Leipzig war vorzeitig ausgeschieden.

In den Gesprächen gab Slavkov zu verstehen, dass er "offen für Verhandlungen" wäre. Andere IOC-Mitglieder würden allerdings auf Geschäftsverträgen bestehen, falls sie für London votieren sollten. Takac berichtete von 15 bis 20 IOC-Mitgliedern, die er auf London-Kurs bringen könnte. Die meisten würden ihre Stimme allerdings nur gegen Bezahlung abgeben. Über ein Mitglied sagte Takac: "Er neigt eigentlich zu Paris, aber er braucht Geld."

Während ihrer Recherchen, die ein gutes Jahr dauerten, trafen die BBC-Reporter insgesamt vier Personen, die behaupteten, 54 Stimmen zugunsten Londons organisieren zu können. 63 Stimmen sind notwendig, um den Zuschlag für Olympia zu bekommen. In der einstündigen Sendung, die die BBC gestern ausstrahlte, kam auch der Generaldirektor des Olympischen Komitees Asiens (OCA), Muttaleb Ahmad, zu Wort. Der Funktionär erklärte, wie das Abstimmungsverhalten der IOC-Mitglieder zu beeinflussen ist. Alles sei eine Frage des Preises.

IOC-Führung ist alarmiert

"Wir wissen nicht, was der Film zeigt, aber selbstverständlich wird sich die unsere Ethikkommission mit dem Beitrag befassen und das IOC notwendige Schritte einleiten", sagte Rogge. Laut IOC-Vizepräsident Thomas Bach wird das IOC am Wochenende über den Fall debattieren.

Die Vorwürfe im Zusammenhang mit der London-Bewerbung erinnern an den Korruptionsskandal bei der Vergabe der Winterspiele 2002 an Salt Lake City. Insgesamt 13 Personen wurden der Bestechung bezichtigt, 10 IOC-Mitglieder mussten anschließend von ihren Posten zurücktreten. Gegen Slavkov wurde ermittelt, er erhielt am Ende jedoch einen Freispruch.

Alles nur gespielt?

Zu den neuen Vorwürfen hinsichtlich der Londoner Olympia-Kandidatur sagte deren Sprecher Mike Lee, dass die in dem BBC-Bericht erhobenen Anschuldigungen nichts mit der Vorgehensweise des offiziellen Bewerbungskomitees zu tun habe. "Wir halten uns streng an die vorgegebenen IOC-Regeln bei Bewerbungen", so Lee, "in dem BBC-Beitrag wird dies in keiner Weise in Frage gestellt."

Auch die interviewten Slavkov und Takac sehen sich durch den Fernsehbericht nicht diskreditiert. Beide hätten sofort erkannt, dass es sich um verdeckt recherchierende Journalisten gehandelt habe, die zur Tarnung das Unternehmen "London Ventures" erfunden hätten. Er habe, so Slavkov, nur mitgespielt, um echte Korruptionsversuche zu verhindern. "Alles, was ich in dem Gespräch gesagt habe, sollte dazu dienen, den Bestechern eine Falle zu stellen", behauptete das IOC-Mitglied.

Slavkov auch Fußball-Präsident

Der bulgarische Sport reagierte teils gelassen teils geschockt auf die Ausstrahlung des BBC-Beitrages. "Wir lassen uns von diesem Beitrag nicht in Panik versetzen", sagte Olympiasiegerin Nonka Matova in Sofia, die im bulgarischen Parlament sitzt, "wir werden die Untersuchung des IOC abwarten. Die Vorwürfe gegen Slavkov fügen dem bulgarischen Sport allerdings großen Schaden zu." Olympiasiegerin Zdravka Jordonova sagte: "Ich halte die Vorwürfe für albern, ich kann das nicht glauben."

Dreisprung-Olympiasieger Christo Markov forderte Slavkov dagegen unmissverständlich auf, sich aus dem Sport zurückzuziehen so lange die Vorwürfe nicht geklärt seien: "Die Vorwürfe sind eine unzumutbare moralische Belastung für unsere Athleten in Athen." Die Chancen Slavkovs, im IOC zu bleiben, wurden von Kommentatoren vor dessen Abreise nach Athen insgesamt skeptisch beurteilt. Slavkov steht neben dem Nationalen Olympischen Komitee auch dem nationalen Fußball-Verband vor.



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