Medaillen-Zielvorgaben Leichtathletik-Präsident wirft DOSB gravierende Fehlentscheidungen vor

Der Deutsche Olympische Sportbund wird den Ärger um die unrealistischen Zielvorgaben nicht los. Nun kritisierte Leichtathletik-Sportdirektor Thomas Kurschilgen den DOSB. Die Medaillenprognose sei nicht nachvollziehbar, so Kurschilgen, der zudem von "gravierenden Fehlentscheidungen" sprach.

Thomas Bach: "Das sollte nie eine Medaillenprognose sein"
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Thomas Bach: "Das sollte nie eine Medaillenprognose sein"


Hamburg - DOSB-Präsident Thomas Bach ist nach Kräften darum bemüht, die veröffentlichten Zielvorgaben für die olympischen Sommerspiele kleinzureden. Von einem Nicht-Erfüllen der Erwartungen könne keine Rede sein, "das sollte nie eine Medaillenprognose sein", so Bach. Stattdessen lobt er die deutschen Leistungen in höchsten Tönen: "Alle Erwartungen übertroffen: Niemand hätte gedacht, dass im härtesten Wettbewerb aller Zeiten mehr Medaillen gewonnen werden könnten als in Peking."

Doch bei den Unter-Verbänden ist der Ärger über die unrealistischen Ansprüche des Deutschen Olympischen Sportbundes unverändert groß. So auch beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV). Während der DOSB erklärte, alle Fachverbände stünden hinter dieser Absprache, derzufolge bei den Spielen in London insgesamt 28 deutsche Siege und 86 Medaillen angepeilt waren, widerspricht DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen: "Medaillenzählen löst Strukturprobleme nicht."

"Ich kann innerhalb der Zielvereinbarung nicht erkennen, auf welcher Grundlage diese Medaillenprognose überhaupt entstanden ist", sagt Kurschilgen auf leichtathletik.de. Aus seiner Sicht führte dieser vermeintliche Steuerungsanspruch des DOSB zu verstärkter Bürokratie in den Verbänden. Wenn man Effektivität und Effizienz in der Arbeit eines Spitzenfachverbandes an stichtagsbezogenen Olympia-Medaillen messe, führe dies zu gravierenden Fehlentscheidungen.

Kurschilgen sieht Steuerungsanspruch bei den Spitzenverbänden

Kurschilgen kritisiert, der Zielvereinbarungsprozess berücksichtige nicht, wo die Sportart stehe, wie man sie differenziert weiterentwickeln könne, welche Maßnahmen und Methoden dazu erforderlich seien, welche trainingswissenschaftlichen, medizinischen und physiotherapeutischen Betreuungsbesonderheiten und welchen Zielkorridor man damit zusammen anstreben könne.

Der DLV-Sportdirektor sieht den Steuerungsanspruch bei den Spitzenfachverbänden und nicht in der Dachorganisation DOSB: "Die Zielvereinbarungen in dieser Form sind kein Steuerungsinstrument, sondern ein nicht hinreichendes Kontrollinstrument, bei dem die Wirksamkeit und die leistungssportliche Entwicklungsarbeit eines Spitzenfachverbandes vordergründig nach Medaillen bewertet wird."

Kurschilgen sieht deshalb grundsätzlich DOSB, Spitzenfachverbände und das Bundesinnenministerium in einem Diskurs. In diesem müsse beantwortet werden, welchen Spitzensport man zukünftig haben, welche Entwicklungschancen man Athleten bieten wolle und was zukünftige Modelle unter Einbeziehung von privaten Partnerschaften kosten sollen.

"Eine Zielvereinbarung, die ausschließlich Medaillen prognostiziert und als Maßstab deklariert, ist fehl am Platz. Wenn man in einen gemeinsamen Zielvereinbarungsprozess kommen möchte, muss man differenzieren und vielfältige Parameter mit einbeziehen", sagte Kurschilgen.

Auf den DLV gemünzt versteht Kurschilgen darunter in einem ersten Schritt das Abschneiden bei einer Meisterschaft in der Betrachtung der Nationenpunkte, die erweiterten Finalplätze sowie die Entwicklung der Athleten einer Nationalmannschaft innerhalb eines Jahres.

luk/dpa/sid



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Seite 1
spargel_tarzan 12.08.2012
1. die herrschaften wissen einfach nicht..
Zitat von sysopDPADer Deutsche Olympische Sportbund wird den Ärger um die unrealistischen Zielvorgaben nicht los. Nun kritisierte Leichtathletik-Sportdirektor Thomas Kurschilgen den DOSB. Die Medaillenprognose sei nicht nachvollziehbar, so Kurschilgen, der zudem von "gravierenden Fehlentscheidungen" sprach. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,849640,00.html
wohin die sportliche reise weltweit geht. verständlich wenn man in der provinz hockt. sie sollten sich mal ein beispiel an den engländern nehmen, die haben nicht nur ihre sportler ordentlich gefördert, da waren auch die kampfrichter gleich mit auf der gehaltsabrechnung. konnte man heute im finale beim schwergewichtsboxen und am ergebnis sehen. der italiener führt vor der letzten runde, der kampf wird unendschieden gewertet und dem engländer wird der sieg zugesprochen. wer genau gelesen hatte, konnte es schon in der programmschrift lesen. so ist man bei olympia erfolgreich und nicht auf die stümperhafte weise nach DOSB-manier, zielvorgabe hin oder her. eine alte weisheit sagt es doch: wer gut schmiert, der gut fährt. und die engländer sind echt gut bei olympia gefahren...
burghard42 12.08.2012
2. Ich verstehe die Aufregung nicht
Zitat von sysopDPADer Deutsche Olympische Sportbund wird den Ärger um die unrealistischen Zielvorgaben nicht los. Nun kritisierte Leichtathletik-Sportdirektor Thomas Kurschilgen den DOSB. Die Medaillenprognose sei nicht nachvollziehbar, so Kurschilgen, der zudem von "gravierenden Fehlentscheidungen" sprach. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,849640,00.html
Wenn die Zielvorgabe ca 6/3/2 Monate vor den Spielen gemacht/erstellt worden wäre,könnte ich die Aufregung verstehen. Wobei die Unterteilung eben auch nach Gold... usw. schon etwas fragwürdig ist,da ja die Tagesform entscheidet. Insofern wäre dann richtigerweise: "es bestünden Medaillenchancen in folgenden Sportarten......." ohne sich auch auf "Gold" festzulegen Als Beispiel Schwimmen : da sieht das Ergebnis ja nicht unbedingt günstig aus für den Verband.....das hätte man sicher ca 3 Monate vor den Spielen erkennen können,beginnend bei Steffen.....
der_rookie 13.08.2012
3. Hm
Zitat von burghard42Wenn die Zielvorgabe ca 6/3/2 Monate vor den Spielen gemacht/erstellt worden wäre,könnte ich die Aufregung verstehen. Wobei die Unterteilung eben auch nach Gold... usw. schon etwas fragwürdig ist,da ja die Tagesform entscheidet. Insofern wäre dann richtigerweise: "es bestünden Medaillenchancen in folgenden Sportarten......." ohne sich auch auf "Gold" festzulegen Als Beispiel Schwimmen : da sieht das Ergebnis ja nicht unbedingt günstig aus für den Verband.....das hätte man sicher ca 3 Monate vor den Spielen erkennen können,beginnend bei Steffen.....
Die Aufregung besteht darin, dass die "Zielvorgabe" auch vor 4 Jahren absolut unrealistisch war. Es gab nie eine Deutsche Mannschaft die solche Zahlen erreicht hat. Und das trotz DDR Trainingsmethoden und vor dem sportlichen Aufstieg von Ländern wie China, Jamaika und Co. Jetzt stellt sich natürlich die Frage "wieso": Wieso macht der DOSB unrealistische Zielvorgaben. Interpretation 1: Er hat halt keine Ahnung - kein gutes Zeichen für die Sportkompetenz der Führung Interpretation 2: Er versteht das Konzept einer Zielvorgabe nicht - kein gutes Zeichen für die Managementkompetenz der Führung Interpretation 3: Er erhält eine finanzielle Förderung des Bundes die abhängig von der Zahl der erwarteten Medaillen ist (Und diese ist per Zielvorgabe zu dokumentieren) - dann ist diese Zielvorgabe nichts anders als das bewusste erschleichen von Fördergeldern. Wäre Interpretation 3 haltbar, dann könnte man das auch einmal gegenüber dem juristischen Begriff "Betrug" bewerten: Jemand (DOSB) täuschte bewusst falsche Tatsachen (Medaillenerwartungen) vor, erhielte dadurch einen Vorteil (Fördergelder) und schädigte jemanden (Steuerzahler).
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