Aus London berichtet Peter Ahrens
Am Ende dieses denkwürdigen Leichtathletik-Abends war das gesamte Londoner Olympiastadion ein einziger Chor. 80.000 Menschen sangen "All You Need Is Love", und Lilli Schwarzkopf muss es so vorgekommen sein, als sängen sie es nur für sie. Die 28 Jahre alte Siebenkämpferin hatte zuvor die größte Enttäuschung und den größten Erfolg ihrer Karriere gleichermaßen erlebt - und das innerhalb von einer halben Stunde. Das Zittern und Bangen nach ihrer anfänglichen Disqualifikation wurde letztlich mit der Silbermedaille belohnt.
Aber welches Tohuwabohu ging diesem Happy End für die Deutsche voraus. Nach dem abschließenden 800-Meter-Lauf - für die Siebenkämpferinnen ohnehin eine Überwindung zum Abschluss von zwei körperlich und nervlich bis an die Belastungsgrenze fordernden Wettkampftagen - wähnte sich Schwarzkopf schon auf dem Siegerpodest. Sie hatte 2:10,50 Minuten für die zwei Stadionrunden gebraucht. So schnell war sie selten gewesen. Das musste einfach reichen.
Die Frage schien nur noch, ob sie im Anschluss an ihr couragiertes Rennen mit Silber oder mit Bronze hinter der alles überstrahlenden Siegerin Jessica Ennis aus Großbritannien dekoriert werden würde. Es wäre so oder so der Höhepunkt von Schwarzkopfs bisheriger Sportlerlaufbahn gewesen, ihr bis dahin größter Erfolg war ein dritter Platz bei der EM 2006 gewesen.
Jury hat die Verwechslung rasch eingesehen
Stattdessen jedoch spuckte die Anzeigetafel Minuten später einen Platz 28 für die Deutsche aus. Ergebnis einer Disqualifikation der Deutschen, nachdem sie zuvor regelwidrig ihre Laufbahn verlassen haben sollte.
Schwarzkopf war "schockiert", hatte keine Erklärung dafür, wie so etwas passieren konnte. Aber sie war auch von Beginn an sicher: Hierbei musste es sich um ein Missverständnis handeln, die Kampfrichter mussten sich irren. "Das war mein Wettkampf, dieser Tag darf nicht so enden", hatte sie für sich schnell entschieden. Entschlossen ging sie in die achte Disziplin ihres Wettkampfs: den Kampf am grünen Tisch. Sie bestand bei der Jury darauf, die Videoaufzeichnungen des Laufes zu sehen. Danach hatte sich die Sache relativ schnell erledigt. Die Kampfrichter hatten die Deutsche schlicht mit ihrer russischen Konkurrentin Kristina Sawizkaja verwechselt.
Ein unerklärlicher Fauxpas in einer Zeit, in der die Verantwortlichen eine Fülle von TV-Bildern und digitalen Daten zur Verfügung haben. Dadurch wurde mit den Nerven der Deutschen fahrlässig gespielt - und das nach einem solch harten Wettkampf.
Schon die dritte deutsche Medaille am grünen Tisch
Die Kampfrichter bei diesen Spielen stehen damit weiterhin im Mittelpunkt der Kritik. Es war allein aus Sicht des Deutschen Olympischen Sport-Bundes DOSB bereits die dritte Medaille, die erst nach heftigen Debatten deutschen Athleten zugesprochen werden konnte. Zuvor hatten sich Britta Heidemann im Degenfechten und die deutschen Bahnradfahrerinnen ihres Edelmetalls erst nach umstrittenen Entscheidungen erfreuen dürfen. Wie bei Heidemann und den Radfahrerinnen nahm es allerdings auch bei der Siebenkämpferin ein gutes Ende.
Die in Kirgisien geborene Schwarzkopf war dabei nicht die einzige, der in dieser Kampfrichter-Posse böse mitgespielt wurde. Die Ukrainerin Ludmilla Josypenko, die sich einige Minuten als Gewinnerin der Bronzemedaille wähnen durfte, stand nach der Revidierung des Ergebnisses mit leeren Händen da. Prompt folgte ein Protest der Ukraine, der allerdings abgeschmettert wurde.
So durfte Schwarzkopf am Ende doch noch Teil der größten Party sein, die London an diesem Abend kannte. Nach drei Leichtathletik-Goldmedaillen für den Gastgeber innerhalb einer halben Stunde bildete die Siegerehrung im Siebenkampf kurz vor Mitternacht den Abschluss und Höhepunkt dieses achten olympischen Tages für die glückstrunkenen britischen Fans. Der letzte Wettkampf war längst vorbei, aber alle waren im Stadion geblieben, um diesen Moment noch mitzuerleben. Mitzufeiern.
Und Schwarzkopf wurde in diesen Taumel der Begeisterung einfach einbezogen. Sie hätte auch nicht mehr die Kraft gehabt, sich auch noch dagegen zu wehren.
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