15-jährige Gold-Schwimmerin Meilutyte: "Es war ein Schock - ein guter Schock"

Aus London berichtet Andreas Morbach

Die Schwimmerinnen sorgen zu Beginn der Olympischen Spiele für die großen Überraschungen. Erst schwamm die 16-jährige Chinesin Ye Shiwen zu einem Fabelweltrekord. Nun gewann die noch ein Jahr jüngere Litauerin Ruta Meilutyte Gold. Ein Moment, der das sonst so abgeklärte Mädchen überwältigte.

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Schwimmerin Meilutyte: "Ich war so furchtbar nervös"

Der größte Herausforderung wartete außerhalb des olympischen Schwimmbeckens auf Ruta Meilutyte. Im schneeweißen Trainingsanzug, die Fingernägel knallbunt lackiert und mit den olympischen Ringen verziert, die blonden Haare noch feucht, trat die 15-jährige Litauerin vor das Siegerpodest - und es sah fast so aus, als würde sie den letzten Schritt hinauf kaum schaffen.

Immer wieder hielt sich die Teenagerin die Hand vor den Mund, musste weinen, versuchte ein Schluchzen zu unterdrücken, atmete tief durch und presste die Lippen aufeinander, um wenigstens nicht laut loszuheulen - so überwältigt von diesem Moment und von ihrem Olympia-Gold über 100 Meter Brust war sie.

Irgendwie schaffte es Meilutyte aber doch nach oben, blies dort die Backen auf, legte bei der Nationalhymne die Hand aufs Herz - und erzählte, nachdem sie die Tränen einigermaßen erfolgreich zurückgedrängt hatte: "Ich war so furchtbar nervös. Oben auf dem Podium waren meine Knie so wacklig, dass ich Angst hatte, herunterzufallen."

Das blieb ihr erspart an diesem Tag, an dem sich sogar Litauens hohe Politik auf den Weg ins Aquatic Centre gemacht hatte. Die Staatpräsidentin Dalia Grybauskaite war dabei, als Meilutyte die jüngste Olympiasiegerin seit 1972 wurde.

Die Schwimm-Wunderkinder sorgen für Stirnrunzeln

"Es ist eine große Ehre, dass die Präsidentin da war", bedankte sich Meilutyte für den hohen Besuch. Höflich und - bis auf den Gang aufs Treppchen - abgeklärt, fast schon unheimlich sind die Auftritte der in Kaunas geborenen Athletin. Sie ist nicht die einzige, die den Altersdurchschnitt der Goldmedaillengewinnerinnen mächtig nach unten drückt.

Zwei Tage vor Meilutyte hatte bereits die 16-jährige Chinesin Ye Shiwen einen phänomenalen Weltrekord über 400 Meter Lagen ins olympische Becken gezaubert. Und allen, die in Anbetracht von Chinas dopingbelasteter Vergangenheit und Gegenwart - erst im März war Staffel-Weltmeisterin Li Zhesi der Epo-Dopings überführt worden - misstrauisch wurden, nannte Ye ihren "harten Schwimmeralltag", von Kindesbeinen an, und das "gute, auf Wissenschaft basierende Trainingsprogramm" als Gründe für ihren erstaunlichen Erfolg.

Bei ihrem Triumph auf der langen Lagen-Strecke war die Schwimmerin aus der ostchinesischen Provinz Zhejiang auf einzelnen Streckenabschnitten sogar schneller als die beiden US-Stars Ryan Lochte und Michael Phelps. Es fällt schwer, bei solchen Leistungen allein an sportliche Wunder zu glauben.

Seit zwei Jahren trainiert Meilutyte in Großbritannien

Und auch wenn Ruta Meilutyte, die bei ihrem Sieg über die zwei Bahnen Brust eine Sekunde über dem Weltrekord der Amerikanerin Jessica Hardy aus der Ära der Hightech-Anzüge blieb, von solchen Sensationsleistungen noch ein Stück entfernt ist: Dass die junge Litauerin sich in den letzten vier Monaten um sagenhafte zwei Sekunden verbesserte, sorgt rund um den olympischen Pool für Stirnrunzeln.

Unbenommen ist dem Nachwuchsstar, dass sie hart trainiert und das seit zwei Jahren im Gastgeberland dieser Spiele. Vor zehn Jahren starb ihre Mutter, vor zwei Jahren folgte die damals 13-Jährige schließlich dem Ratschlag ihres Vaters, zu ihm nach Großbritannien zu kommen. Das sei besser für ihre Karriere, und deshalb schloss sich die Tochter in Plymouth dem Leander Swimming Programme an. Gecoacht wird Meilutyte dort von Jon Rudd - der mit seinem Schützling nun seine größte Erfolge als Schwimm-Coach feiert.

Ihren Olympiasieg widmete seine Schülerin aber nicht dem Trainer. Sondern - nach etwas Bedenkzeit - "meiner Familie und meinen Freunden". Dabei blickte sie auf die Handvoll litauischer Journalisten, die ihren Goldlauf live verfolgt hatten, und stellte fest: "Schwimmen ist nicht sehr populär in Litauen - aber vielleicht wird es ja jetzt ein bisschen beliebter."

Sie hat auf jeden Fall schon jetzt ihren Teil zur litauischen Sportgeschichte beigesteuert: Olympia-Gold im Schwimmen hat noch nie ein Sportler für Litauen seit der Unabhängigkeit des Landes 1990 gewonnen. Und als sie auch die Siegerehrung im Aquatic Centre hinter sich gebracht hatte, stammelte die junge Frau mit der Zahnlücke nur: "Für mich war es ein Schock - aber ein guter Schock."

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insgesamt 66 Beiträge
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    Seite 1    
1. Loser-Nation
americanpie 31.07.2012
Deutschland, früher Winner-Nation, heute Loser-Nation. Neid, Misstrauen, Spott usw. bringen schon gar keine Medaille. Biedermann, ein Mann mit so schlechter Leistung, ist Weltrekordhalter. Wie Spiel-Redakteuer gesagt hat: "Es fällt schwer, bei solchen Leistungen allein an sportliche Wunder zu glauben." Wenn Deutschland gewinnt, ist es das Wunder von Bern. Andernfalls ist das Wunder von Doping. Ich kann nur mit dem Kopf schütteln.
2. ähm ja...
pömpel 31.07.2012
zwei Jahre trainiert... ich sag nur Doping... irgendwer musste es ja als erstes sagen.
3. Fehlender Sachverstand
Zauderer 31.07.2012
"Dass die junge Litauerin sich in den letzten vier Monaten um sagenhafte zwei Sekunden verbessert, sorgt rund um den olympischen Pool für Stirnrunzeln. " Aber wahrscheinlich nur draußen, bei denen, die Schwimmen und Gewichtheben über einen Kamm scheren. Ich bin selbst sehr misstrauisch, was heutige Höchstleistungen angeht, zumal die WADA hier bei Olympia ausgesperrt wird. Völlig normal ist es allerdings, dass man im Alter von 15 Jahren einen gigantischen Leistungssprung macht. Brustschwimmen ist zudem die technisch anspruchsvollste Schwimmart - da verbessert sich die Technik auch schon mal rapide, speziell im Wachstum. Mir ist eine solche Sportlerin lieber, als eine Europameisterin Mensing, die nach dem Ausscheiden im Vorlauf nach indiskutabler Leistung sagt, sie sei nicht enttäuscht.
4. Titel vergoldet
ratxi 31.07.2012
Zitat von sysopDie Schwimmerinnen sorgen zu Beginn der Olympischen Spiele für die großen Überraschungen. Erst schwamm die 16-jährige Chinesin Ye Shiwen zu einem Fabelweltrekord. Nun gewann die noch ein Jahr jüngere Litauerin Ruta Meilutyte Gold. Ein Moment, der das sonst so abgeklärte Mädchen überwältigte. Olympia 2012: Litauens Ruta Meilutyte freut sich über Gold im Schwimmen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,847293,00.html)
Durchaus eine schöne, eine rührende Geschichte. Hoffentlich bleibt sie so erhalten.
5. Ihr Alter ist an der Fingernägelbemalung klar abzulesen, aber
tuobob 31.07.2012
...gab es nicht mal so etwas wie ein Mindestalter bez. Olympiateilnahme. Wer mit 15 zu Gold schwimmt, dürfte seine Kindheit im Hallenbad verbracht haben.
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  • Von den Olympischen Sommerspielen 2012 in London (27. Juli bis 12. August) berichtet unser Autor Andreas Morbach.

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Jahr Gold Silber Bronze
2012 0 1 0
2008 2 0 1
2004 0 1 4
2000 0 0 3
1996 0 5 7
1992 1 3 7
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