Aus London berichtet Sandra Schmidt
So sieht also Olympia-Silber aus: Kaum hatte Marcel Nguyen seine Medaille um den Hals gehängt bekommen, nahm der 24-Jährige seine Trophäe in die Hand und betrachtete sie lachend. Es wirkte ein wenig, als fühle sich Nguyen wie im falschen Film. Neben ihm, nur einen Platz besser, stand der Sieger des olympischen Mehrkampfs: der Japaner Kohei Uchimura.
Es dauerte eine Weile, bis Nguyen seinen zweiten Platz so richtig begriffen hatte. Er sei schon "überrascht, dass es so gut geklappt hat", fand er später doch noch Worte und wirkte dabei schon wieder gewohnt gelassen.
Nguyen war als letzter Turner des Wettkampfs auf die Bodenfläche gegangen. Allein der US-Amerikaner Danell Leyva war noch für einen kurzen Moment zeitgleich an der Reckstange, dann hatte der Deutsche die Aufmerksamkeit des Publikums der North Greenwich Arena für sich allein.
Souverän spulte er sein Programm ab, brachte eine akrobatische Reihe nach der anderen in den Stand. "Ich habe mir gedacht, jetzt machst du mal eine Übung, wie du sie im Training gemacht hast", sagte Nguyen später. Der Plan ging auf.
Er habe den tosenden Applaus für Leyva wohl gehört, aber auch die Stimme seines Stuttgarter Heimtrainers Valeri Belenki und sich dann auf seine Übung konzentriert. Als Nguyen die Bodenfläche nach gut einer Minute wieder verließ, hüpfte Belenki schon auf und ab, dann umarmte er seinen Schützling. "Unglaublich," kommentierte Bundestrainer Andreas Hirsch, "eine große Leistung für das ganze Team".
"Ich bin stolz, dass ich hier heute hinter Uchimura der Beste bin"
Wie herausragend die Medaille war, beweist ein Blick in die olympischen Geschichtsbücher: Es war die erste olympische Mehrkampfmedaille für das deutsche Team seit 76 Jahren. Der große Favorit Uchimura führte nach dem ersten Gerät und behauptete diese Führung über den gesamten Wettkampf. Kohei habe die Goldmedaille verdient, so Nguyen, der Japaner sei zur Zeit der beste Turner der Welt. "Und ich bin stolz, dass ich hier heute hinter ihm der Beste bin."
Wie schon die Team-Entscheidung war das Mehrkampffinale der Männer in der Schlussphase extrem spannend. In vier Gruppen aufgeteilt starteten jeweils sechs Turner gleichzeitig. In der ersten Gruppe, die am Boden begann, standen die besten sechs Turner der Qualifikation, darunter auch Fabian Hambüchen. Er war als Kandidat auf eine Medaille gehandelt worden war, patzte aber gleich an drei Geräten: Am Pauschenpferd sank sein Schwierigkeitswert wegen eines nicht erreichten Handstandes auf gerade einmal 4,6 Punkte, am Sprung musste er bei der Landung eine Hand zur Hilfe nehmen, schließlich fiel er auch noch vom Reck. Das Endergebnis für den 24-Jährigen: ein enttäuschender 15. Rang.
Nguyen hingegen startete ebenso wie Uchimura in der zweiten Gruppe, die für gewöhnlich etwas weniger beachtet wird, als diejenige mit den Vorkampfbesten. Der Deutsche erwischte keinen idealen Start am Pauschenpferd, kämpfte sich mit allerlei kleineren Beinfehlern aber durch. Das Wichtigste sei gewesen, "dass ich erstmal oben bleibe".
Nguyens Trainingsfleiß ließ mitunter zu wünschen übrig
Das ungeliebte Pauschenpferd ist ein Grund, warum er seinem Schützling "immer wieder in den Hintern treten" müsse, berichtet Belenki, der selbst bei den Olympischen Spielen in Barcelona vor 20 Jahren Bronze im Mehrkampf gewonnen hatte, damals für die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten.
Nguyen wurde schon seit vielen Jahren das Potential zu einer solchen Leistung bescheinigt. Sein Trainingsfleiß allerdings ließ hier und da zu wünschen übrig, so dass der Sportsoldat im Mehrkampf bislang selten die Konstanz gezeigt hat, die ihm heute zu Silber verhalf.
Die "kleine Aufholjagd", die auf die Pferdübung folgte, lief anschließend fast perfekt: An den Ringen erhielt er gar mehr Zähler als Uchimura, am Barren zeigte er nach eigener Einschätzung "eine Topübung". Als er am vorletzten Gerät die Reckstange bei allen vier Flugelementen sicher in die Hände bekam, rutschte er erstmals in die Medaillenränge.
Es habe "alles funktioniert," sagt Nguyen, "so wie ich es mir gewünscht habe". Damit ist die Rechnung von Bundestrainer Hirsch, dass es drei Versuche für eine Medaille brauche, verfrüht aufgegangen. Am Sonntag steht Marcel Nguyen im Bodenfinale, am Montag im Finale am Barren, in dem er nun - als Doppel-Europameister und Vize-Olympiasieger - gute Chancen auf eine weitere Medaille hat.
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