Olympia 2012: Deutschlands Schwimmer tauchen wieder auf

Aus London berichtet

Deutschlands Schwimmer sind schwach in die Olympischen Spiele gestartet, jetzt wollen sie angreifen. Paul Biedermann greift nach seiner starken Leistung im Halbfinale am Montag über 200 Meter Freistil nach einer Medaille. Auch seine Teamkollegen leben plötzlich wieder Optimismus vor.

Biedermann und Co.: Momente des Glücks Fotos
DPA

Drei Meter neben ihm stand Dana Vollmer und sprach sehr laut und sehr deutlich über ihren Weltrekord, den sie kurz zuvor über 100 Meter Schmetterling im Olympia-Pool gezaubert hatte. Doch die 24 Jahre alte US-Schwimmerin hätte auch ein Megafon in die Hand nehmen und Paul Biedermann direkt ins Ohr schreien können - ihr Nebenmann aus Deutschland hätte wohl nicht mal das mitbekommen. So konzentriert stand Deutschlands Vorzeigeschwimmer da, die rote Kapuze seiner Trainingsjacke tief ins Gesicht gezogen, und blickte nur starr auf den Fernseher über ihm.

Es wirkte, als hätte Biedermanns sportlicher Durchhänger vom Vortag auch auf seiner Spezialstrecke, den 200 Meter Freistil, eine Fortsetzung gefunden. Doch Biedermann wollte nur wissen, gegen wen er am Montagabend im olympischen Finale anzutreten hat. Mit seinem Sieg im ersten Halbfinale - unter anderem mit US-Star Ryan Lochte am Start - hatte der 25-Jährige sein Soll in dem Moment bereits erfüllt. Vor allem aber hat er nach dem frustrierenden Vorlauf-Aus über 400 Meter Freistil am Samstag doch noch rechtzeitig in die olympische Spur gefunden.

Als viertschnellster Halbfinalist springt Biedermann am Montagabend um 19.41 Uhr Ortszeit beim großen Showdown in den Pool. Ausgestattet mit frischer Zuversicht, die er am Vorabend recht anschaulich beschrieb. "Ich habe zwei Schritte von der Wand weggemacht - und jetzt will ich noch einen Schritt machen", unterstrich Biedermann seine wiederbelebten Medaillenambitionen. "Genau dieses Rennen habe ich gebraucht, um die Starre loszuwerden."

Der Kraulspezialist hat im hochkarätig besetzten Finale auf seiner Spezialstrecke nun die Chance, als erster deutscher Schwimmer seit Stev Theloke (Bronze über 100 Meter Rücken, 2000) olympisches Edelmetall in einem Einzelrennen zu ergattern. Ein - trotz der jüngsten Leistungssteigerung - noch immer ambitioniertes Ziel für Biedermann, der aber betont: "Ich freu mich auf mein Finale - auch wenn es ein hartes und schweres Rennen wird."

Die Trainer verbieten das Taktieren

Ein Erfolgserlebnis in diesem Rennen sehnt die Führung des Deutschen Schwimmverbands (DSV) nach den verpassten Medaillen am Samstag jetzt besonders herbei. Denn Aussichten auf Edelmetall verspricht außer Biedermann nur noch dessen Freundin, Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen. Auf ihren Pekinger Siegstrecken 50 und 100 Meter Freistil zählt die 28-Jährige zum Kreis der Favoritinnen. Viel mehr hat der DSV in Sachen Edelmetall jedoch nicht mehr anzubieten, allein bei den verbleibenden vier Staffelrennen könnte es noch zu ein oder zwei Podiumsplätzen reichen.

Immerhin: Der völlige Absturz wurde am Sonntag verhindert. Und nach dem Desaster des ersten Tages, mit taktischen Fehlgriffen bei Biedermanns Rennen und in der 4x100-Meter-Freistilstaffel der Frauen, ist auch bei anderen DSV-Schwimmern die Lust am Wettkampf eingekehrt. "Ich zieh uns da raus - das am Samstag waren nur 30 Prozent der Mannschaft", so Benjamin Starke. Sein Staffelkollege Marco di Carli betonte nach dem sechsten Platz des DSV-Quartetts über 4x100-Meter Freistil: "Der Fokus liegt 100 Prozent bei mir. Ich habe weder die Zeit noch die Nerven, mich darum zu kümmern, was anderen zu schaffen macht."

Nach der neuen Harmonie im Team, die Britta Steffen noch kurz vor dem ersten Startschuss hervorhob, klang das zwar nicht. Doch die von Sportdirektor Lutz Buschkow eilig anberaumte Krisensitzung am Samstag - zentrale Erkenntnis: Taktieren mit sofortiger Wirkung streng verboten - trug tags darauf immerhin erste Früchte: Die Männerstaffel auf der kürzeren Freistildistanz schwamm mit deutschem Rekord in den Endlauf, Sarah Poewe (100 Meter Brust), Helge Meeuw und Jan-Philip Glania (beide 100 Meter Rücken) schafften es ins Halbfinale - und der 27-jährige Meeuw bei seinen dritten und letzten Spielen sogar noch eine Runde weiter.

Als Siebter kraulte der angehende Mediziner sicher in sein erstes olympisches Finale. Das alles sind zwischenzeitliche Glücksmomente. Die vom DSV angestrebten sechs Medaillen für die Beckenschwimmer dürften am Ende aber ein Wunschtraum bleiben.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Psychotic 30.07.2012
wenn ich mir die anderen Nationen so anschaue insbesondere China, die haben einfach besseres Doping gemacht. da haben es ehrliche Sportler einfach schwer.
2. Nicht Doping
würstl 30.07.2012
Auch wenn ich nicht glaube, dass im Sport alles ohne Doping läuft, ist es in der deutschen Mannschaft nicht das Problem der NICHT Dopings, sondern der Trainingmöglichkeiten, der Unterstützung der Sportler schon im jugenlichen Alter, der Blauaügigkeit der Funktionäre ( klappt schon) und der Einstellung zum unbedingten Siegeswillen auf der einen und gleichzeitiger Lockheit (siehe US Schwimmstars mit Youtube Video) auf der anderen Seite, was den Unterschied zu den erfolgreichen Nationen ausmacht.
3. Wow
gekko88 30.07.2012
Die Schlagzeile ist ja fast so gut wie die von kicker.de (Samstag): "Schwimmer gehen baden"
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Deutsche Medaillenbilanz bei Olympischen Sommerspielen
Jahr Gold Silber Bronze Gesamt
1992 33 21 28 82
1996 20 18 27 65
2000 13 17 26 56
2004 13 16 20 49
2008 16 10 15 41
2012 11 19 14 44
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