Saudi-arabische Judoka: Olympia-Aus nach 82 Sekunden

Etwas mehr als eine Minute, dann war alles vorbei: Der Auftritt der saudi-arabischen Judo-Schwergewichtlerin Wodjan Shaherkani war sportlich wenig erfolgreich. Trotzdem hat die 16-Jährige Olympia-Geschichte geschrieben.

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Judoka Wojdan Shaherkani: "Ich war so nervös"

Hamburg - Schier endlos hatten sich vor den Olympischen Spielen die Diskussionen um ihren Start hingezogen: Darf sie antreten, oder nicht? Kopfbedeckung - ja oder nein? Und wenn ja, welche? Der Sport schien zur Nebensache zu werden. Doch als Wodjan Ali Seraj Abdulrahim Shaherkani dann tatsächlich auf der Judo-Matte stand, ging alles ganz schnell.

Um 10:27 Uhr Ortszeit trat die 16-Jährige in London zu ihrem Kampf gegen die Weltranglisten-13. Melissa Mojica aus Puerto Rico an, um 10:29 Uhr hatte sie verloren.

Ein, zwei Aktionen konnte Shaherkani, die letztlich mit einer schwarzen Kappe angetreten war, unter dem Beifall der Judo-Fans in der ExCeL-Halle zeigen, dann war ihr Auftritt bei den Spielen in London schon wieder beendet. Es war zugleich der erste Auftritt einer Athletin aus Saudi-Arabien in der Olympia-Geschichte.

"Ich war so nervös. Ich stand noch nie vor einer solchen Menschenmenge", sagte Shaherkani nach ihrem Kampf, der rein sportlich wenig bedeutend und doch richtungsweisend war - so zumindest die Hoffnung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Erstmals haben alle Olympia-Teams Frauen zu den Spielen geschickt - auch Katar und Brunei, die wie die Saudis keine Athletinnen für die Peking-Spiele nominiert hatten. In London geht neben Shaherkani die in den USA lebende 800-Meter-Läuferin Sarah Attar für Saudi-Arabien an den Start. Bei der Eröffnungsfeier trugen beide Kopftücher - die Empörung der Sittenwächter und bei religiös-konservativen Kreisen in der Heimat war trotzdem groß.

IOC-Präsident Rogge: Shaherkanis Auftritt war "ein Meilenstein"

Frauensport gilt in Saudi-Arabien als schamlos. Schulsport ist für Mädchen verboten, Frauensporteinrichtungen werden nicht genehmigt, und ohne Begleitung eines männlichen Familienmitglieds dürfen Frauen nicht verreisen. In London steht der 16-Jährigen ihr Vater zur Seite.

Die Menschenrechtsaktivisten von Human Rights Watch hatten "wegen Geschlechter-Diskriminierung" den Olympia-Ausschluss Saudi-Arabiens gefordert. "Dass Frauen und Mädchen nicht für die Wettkämpfe trainieren können, verletzt eindeutig das Gleichberechtigungsgebot der olympischen Charta und verpasst der olympischen Bewegung selbst ein blaues Auge", hieß es. Nun sind die saudischen Frauen bei Olympia dabei - und IOC-Präsident Jacques Rogge sieht einen "Meilenstein" auch für die Entwicklung des Frauensports in der arabischen Welt.

Vor Shaherkanis Start hatte es ein langes Hin und Her gegeben. Der Internationale Judoverband (IJF) lehnte ein Kopftuch zunächst kategorisch ab. Es entspreche nicht den Regeln, sagte Präsident Marius Vizer. Ihr Vater sagte der Zeitung "al-Watan", dass er seine Tochter nicht starten lassen werde, wenn sie ohne Kopftuch antreten müsse. Am Ende einigte man sich auf eine speziell konzipierte Kopfbedeckung, die eher einer Haube glich.

Sichtlich beeindruckt vom großen Medieninteresse stand die Teenagerin nach ihrem kurzen Auftritt in den Katakomben der ExCeL-Arena. Kein Olympiasieger hatte so viele Journalisten in die Judo-Halle gelockt wie sie, die Athletin aus Saudi-Arabien. "Ich war aufgeregt und sehr stolz, mein Land hier zu präsentieren", sagte die Judoka noch. "Judo machen viele in meiner Familie, mein Vater ist hier Kampfrichter."

Damit war die historische Premiere auch fast schon vorbei. Shaherkani wurde vom saudischen Offiziellen Hani Kamal Najm in die abgeschiedenen Hinterräume geführt. Vorher konnte sie aber doch noch eine Botschaft abgeben - und da war sie plötzlich gar nicht mehr scheu: "Hoffentlich ist es der Beginn einer neuen Ära, hoffentlich werden andere Frauen mir nachfolgen."

luk/dpa/sid

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