Deutschlands Tischtennis-Ass: Bollwerk der Gelassenheit

Aus London berichtet

Timo Boll ist einer der erfolgreichsten Sportler Deutschlands, der große Starruhm ist dem Tischtennis-Ausnahmekönner aber verwehrt geblieben. Bei den Olympischen Spielen in London soll sich das ändern. Boll will bei seiner vierten Olympia-Teilnahme endlich eine Einzelmedaille.

Timo Boll: Routinier an der Platte Fotos
DPA

Im Tischtennis ist alles eine Nummer kleiner. Der Spielball, die Spielfläche, der Starruhm. In einer massenwirksameren Sportart wäre Timo Boll wohl einer der größten Stars, den der deutsche Sport zurzeit vorzuweisen hat. Aber Tischtennis ist im Fernsehen kaum noch präsent, und Boll kann so erfolgreich sein, wie er will - im olympischen Dorf werden wieder viele an dem 31-Jährigen vorbeilaufen, ohne ihn zu erkennen.

Seit mehr als zehn Jahren verkörpert Boll Weltspitze im Tischtennis. In einer so intensiven Sportart über so lange Zeit ein solches Niveau zu halten, das schaffen nicht viele. Es ist nicht so, dass dies in Deutschland nicht honoriert werde: Boll war 2007 Zweiter bei der Wahl zum Sportler des Jahres, 2008 wieder Zweiter, 2010 noch mal Zweiter, 2011 Dritter. Aber nie Erster. Glamour geht ihm ab, Boll ist kein Talkshow-Typ. Tischtennis ist sein Beruf, sein Handwerk. Basta.

London werden die vierten Olympischen Spiele in Bolls Karriere, und es könnten und sollen die erfolgreichsten für ihn werden. Der Deutsche ist fünffacher Europameister, er war Vizeweltmeister, stand auf Platz eins der Weltrangliste, aber eine olympische Einzelmedaille ist ihm bislang nicht vergönnt gewesen.

Klar formuliertes Ziel ist das Treppchen

Diesmal soll das anders werden. "Unser klares Ziel ist: Wir wollen aufs Treppchen", formuliert Tischtennis-Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig die Zielstellung ohne große Schnörkel. Das gilt vor allem für den Mannschaftswettbewerb, wo Deutschland 2008 in Peking Silber gewann. Das soll aber auch Boll im Einzel erfüllen, und er fühlt sich dazu auch bereit.

"Ich mache mir bewusst selbst Druck und setze mir hohe Ziele", sagte er vor seinem Start ins olympische Turnier. Er brauche das als Motivation, "um die Anspannung am Tisch umzusetzen". Angst vorm Versagen, die kenne er nicht: "Ich werde hier bei Olympia bestimmt nicht zum Psychologen rennen."

Es gab Wettkämpfe, wo solch Beistand wohl geholfen hätte. In denen Boll "unter Stress zu viel wollte, mit viel zu viel Power gespielt habe". Vor den Spielen 2004 in Athen und 2008 in Peking wurde er zudem von Rückenschmerzen geplagt, er fühlte sich nicht fit, unfähig, den hohen Erwartungen gerecht zu werden. In Athen schied er im Viertelfinale aus, in Peking sogar schon im Achtelfinale. Für Boll ein Frusterlebnis der besonderen Art.

Boll schaut nur auf die Chinesen

Ausgerechnet bei den Spielen in China, so etwas wie einer zweiten Heimat für Boll. Im Tischtennis-verrückten Fernen Osten ist er bekannter als in Deutschland, Boll hat eine Zeitlang in China gelebt und trainiert, er hat in der dortigen Superliga mitgespielt, die chinesischen Weltklassespieler sind es, an denen Boll sich fast ausschließlich orientiert.

Der Deutsche muss in der Welt sportlich niemanden mehr fürchten - aber die Chinesen sind ihm trotzdem immer eine Nasenlänge voraus gewesen. Zhang Jike schlug ihn bei der WM 2011 im Halbfinale, Wang Hao löste ihn als Weltranglisten-Erster ab. Es ist wie bei der Wahl zum Sportler des Jahres. Einer ist immer vor ihm.

"Peking war für mich der emotionalste Wettkampf meines Lebens", sagt Boll, derzeit Nummer sieben der Welt, in der Rückschau. Als er die Mannschaft zu Silber führte, habe er "eine Freude verspürt wie noch nie". Und dennoch fühle er sich heute "auf einem ganz anderen sportlichen Level als damals". Im vierten olympischen Anlauf konnte er erstmals beschwerdefrei trainieren, "also wenn es schlecht läuft, habe ich keine Ausrede", sagt Boll.

Mittlerweile sei er erfahren genug, "die Balance zu halten, aggressiv zu spielen und gleichzeitig die Ruhe am Tisch zu bewahren". Selbst das unglückliche Mannschafts-Los, das Deutschland im Teamwettbewerb schon im Halbfinale auf China treffen lässt, hat ihn nicht großartig beeindruckt. Boll wirkt vor den Londoner Spielen geradezu asiatisch gelassen, und das ist im von Chinesen und Koreanern dominierten Tischtennis ein echtes Kompliment.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
rumsfallera 30.07.2012
Tischtennis ist ein schön anzusehender Sport, finde ich. Diese Sportart könnte ruhig öfters im Fernsehen gezeigt werden.
2.
michibln 30.07.2012
Tolles Wortspiel. Danke SPON.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles zum Thema Timo Boll
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare

Medaillenspiegel

Platz Land Ges.
zum kompletten Medaillenspiegel

Vote
Tischtennis

Was kann Timo Boll bei den Olympischen Spielen in London erreichen?

Zum Autor
  • Von den Olympischen Sommerspielen 2012 in London (27. Juli bis 12. August) berichtet unser Redakteur Peter Ahrens.

Tischtennis-Olympiasieger seit 1992
Jahr Gewinner
2012 Zhang Jike (CHN)
2008 Ma Lin (CHN)
2004 Ryu Seung-min (KOR)
2000 Kong Linghui (CHN)
1996 Liu Gouliang (CHN)
1992 Jan-Ove Waldner (SWE)
Deutsche Medaillenbilanz bei Olympischen Sommerspielen
Jahr Gold Silber Bronze Gesamt
1992 33 21 28 82
1996 20 18 27 65
2000 13 17 26 56
2004 13 16 20 49
2008 16 10 15 41
2012 11 19 14 44