Bolls Olympia-Pleite: "Am liebsten würde ich losheulen"

Er ist der beste deutsche Tischtennisspieler, doch nach seiner Achtelfinal-Niederlage in London droht Timo Boll eine Karriere ohne olympische Einzel-Goldmedaille. Gegen Adrian Crisan hatte der favorisierte 31-Jährige seine Nerven nicht im Griff - und haderte anschließend mit sich selbst.

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Tischtennisprofi Boll: "Leider nicht gebacken bekommen"

Hamburg - Diesmal zerplatzte der Traum am Montag gegen 22 Uhr deutscher Zeit. Timo Boll, der beste deutsche Tischtennisspieler, eine der großen Medaillenhoffnungen, war bei den Olympischen Spielen in London im Einzel gescheitert. Im Achtelfinale setzte es eine 1:4 (9:11, 11:8, 13:15, 10:12, 6:11)-Niederlage gegen Adrian Crisan aus Rumänien. Bolls olympische Karriere war um eine weitere schmerzhafte Pleite reicher. "Am liebsten würde ich losheulen. Da fehlen mir etwas die Worte."

Das Duell hatte eigentlich unter klaren Vorzeichen gestanden: Auf der einen Seite der Rumäne, in der Weltrangliste auf Rang 27 notiert. Auf der anderen Seite Boll, 20 Plätze besser, fünffacher Europameister, Vizeweltmeister. Doch am Ende hatte der Deutsche seinem Kontrahenten nur wenig entgegenzusetzen und verlor völlig verdient: "Ich habe nicht den Weg gefunden, um über mich hinauszuwachsen."

Boll war mit hohen Erwartungen in das Turnier gegangen. Das war schon oft vor Olympischen Spielen so, doch diesmal lief die Vorbereitung "optimal", wie Bundestrainer Jörg Roßkopf sagte. Sein Athlet hatte keine Rückenschmerzen wie 2004 und 2008. "Ich mache mir bewusst selbst Druck und setze mir hohe Ziele", hatte Boll vor seinem Start gesagt. Er brauche das als Motivation, "um die Anspannung am Tisch umzusetzen".

Erst viele Fehler, dann verkrampft

Genau das schaffte der 31-Jährige am Montagabend nicht. Etwa fünf Stunden lagen zwischen Bolls Auftaktmatch gegen den Iraner Noshad Alamiyan (4:0) und dem Achtelfinale. Eine zu lange Zeit offenbar für Boll, der bereits bei den Spielen in Peking im Jahr 2008 ähnlich lange warten musste und ebenfalls im Achtelfinale scheiterte. 2004 war im Viertelfinale Endstation.

Gegen Crisan leistete sich Boll vor allem in der Anfangsphase viele Fehler, nach dem Gewinn des zweiten Satzes war er dem Profi von Bundesligist Werder Bremen klar unterlegen. "Ich hatte auch meine Chancen, aber dann muss man Führungen und Satzbälle auch nutzen. Ich habe es leider nicht gebacken bekommen."

Letzte Chance Teamwettbewerb

Boll muss die olympische Goldmedaille im Einzel-Wettbewerb, die Krönung für seine Karriere, wieder vorzeitig abschreiben. Was bleibt, ist die Frage nach dem Warum. Noch vor dem Turnier war Boll ein Quell der Gelassenheit. Angst vorm Versagen kenne er nicht: "Ich werde hier bei Olympia bestimmt nicht zum Psychologen rennen." Nach dem Aus sind die Zweifel zurück.

"Ich weiß nicht, ob ich vielleicht zu einem Psychologen hätte gehen müssen. Man steht am Tisch und verkrampft." Um die Verkrampfung nicht zu einem Trauma werden zu lassen, gibt es für Boll nun nur noch den Teamwettbewerb, der am Freitag beginnt. Dort hatte er 2008 Silber geholt. "Wir haben die Chance, eine Medaille zu gewinnen. Die wollen wir nutzen."

Einer seiner Partner damals: Dimitrij Ovtcharov. Der Nationalspieler gewann am Montag souverän gegen den Österreicher Chen Weixing 4:0 und steht im Viertelfinale. Im Einzel ist es nun Ovtcharov, auf dem die deutschen Medaillenhoffnungen ruhen. Nicht mehr Timo Boll.

chp/dpa

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Hm...
drumdidum 31.07.2012
Wenn ihr mich fragt schreit das förmlich nach Droping. Erster!!
2.
BlakesWort 31.07.2012
Es ist eigentlich absolut unbegreiflich, Sportlern in so einer Situation nicht wie selbstverständlich einen Psychologen an die Seite zu stellen. Da hätte schon jemand gereicht, der ihm im richtigen Moment mit zwei drei Sätzen die Angst vor dem Scheitern genommen hätte. So ist Boll unter der Last der Verantwortung in eine Starre gefallen, während sein Gegner tun und lassen konnte, was er wollte. Leider zieht sich das wie ein roter Faden durch die Leistungen unserer Sportler. Eigentlich sind sie viel zu gut, um dann bei Olympia so unterzugehen. "Dabei sein ist alles" ist ein schöner Spruch, aber ein Olympionike ist in der Regel nur dreimal bei den Spielen und das ist im Kopf drin. Die entscheidenden Zehntel, das Prozent mehr Kraft beim Absprung, der eine Ausfallschritt zuviel: Sowas ist reine Kopfsache. Bestes Beispiel ist Turner Philipp Boy, der bei so ziemlich jedem großen Turnier versagt und sogar über Rücktritt nachdenkt. Scheinbar hapert es beim DOSB gewaltig an der Kompetenz, Sportlern Hilfe anzubieten ohne sie gleich mit einem Stigma zu versehen. In anderen Ländern funktioniert das wie selbstverständlich.
3. ...droht Timo Boll eine Karriere ohne Olympische Einzel-Goldmedaille.
kohlerich 31.07.2012
Ich lach mich schlapp, mir droht sogar ein Leben ohne Olympiateilnahme !Die Druhung nehm ich ernst. Dieses Schicksal teilt er mit vielen ca 80 Mio Deutschen und auch Timo Boll wird es überleben. Ob die Journalisten auch mal wieder auf den Boden der Realität zurückfinden und die Sportler 'normalisieren' , erscheint mir angesichts der immer mehr fordernden und zugleich überheblichen Berichterstattung gegenüber den Athleten aus aller Welt zunehmend fraglich.
4. Au Weia....
fatherted98 31.07.2012
Zitat von BlakesWortEs ist eigentlich absolut unbegreiflich, Sportlern in so einer Situation nicht wie selbstverständlich einen Psychologen an die Seite zu stellen. Da hätte schon jemand gereicht, der ihm im richtigen Moment mit zwei drei Sätzen die Angst vor dem Scheitern genommen hätte. So ist Boll unter der Last der Verantwortung in eine Starre gefallen, während sein Gegner tun und lassen konnte, was er wollte.
...als ob es sich um sensible Kleinkinder handelt. Das sind erwachsene Leute die schon seit Jahren (teilw. Jahrzehnten) an Tunieren und Sportwettbewerben teilnehmen. Der psychische Druck ist ein Teil der Herausforderung....wenn Leute wie Boll nur aus Spaß spielen möchten steht ihnen das doch frei...da brauch man doch keinen Psychologen der die Sportler tröstet, aufmuntert und in Windeln packt....au weia aber auch.
5.
Rubeanus 31.07.2012
Also wenn es wirklich am fehlenden Psychologen gelegen hat… Den hätte Timo Boll ja nun wirklich selbst engagieren können. Er ist Vollprofi und betreibt den Sport nicht erst seit gestern.
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2012 Zhang Jike (CHN)
2008 Ma Lin (CHN)
2004 Ryu Seung-min (KOR)
2000 Kong Linghui (CHN)
1996 Liu Gouliang (CHN)
1992 Jan-Ove Waldner (SWE)
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