Doppel-Olympiasieger Bolt: Die Legende von Usain

Aus London berichtet

Auch über 200 Meter lief Usain Bolt in London zu Gold und legte vor der Ziellinie den Finger an die Lippen - Zweifler sollen künftig schweigen, hieß das. Die Geste galt vor allem einer anderen Leichtathletik-Legende: Carl Lewis.

DPA

Mitternacht war schon vorüber, da kippte die lustige Usain-Bolt-Show. Eine Stunde lang war der neue und alte Olympiasieger über 200 Meter da bereits von der Weltpresse befragt worden: Ob er der größere Jamaikaner sei als Bob Marley, wie seine Traumfrau auszusehen habe, was denn da wirklich gewesen sei mit den schwedischen Handballerinnen, die ihn nach seinem 100-Meter-Triumph aufs Zimmer begleitet haben. Die Stimmung im Presseraum war gelöst, ein Lacher jagte den nächsten.

Dann stellte ein Journalist die Frage, ob sich Bolt mit dem großen Carl Lewis vergleiche. An sich eine unschuldige Frage, aber für den Star dieser Spiele der willkommene Anlass auszuteilen: "Gegenüber Lewis habe ich jeden Respekt verloren", der US-Amerikaner sei jemand, "der andere Athleten heruntermacht". Lewis giere offenbar nach Aufmerksamkeit, "weil kein Mensch mehr von ihm spricht". So reden Champions übereinander.

Lewis war in den achtziger und neunziger Jahren das, was Bolt heute ist. Ein Superstar, er ist zum "Leichtathleten des Jahrhunderts" gewählt worden, er hat noch öfter als Bolt bei Olympischen Spielen Gold geholt, insgesamt neun Mal. Und er hat die jamaikanischen Sprinter vor den Spielen von London mit Doping in Verbindung gebracht. So etwas verzeiht König Usain nicht.

Fotostrecke

8  Bilder
Sprintkönig Bolt: Tanzeinlage auf der Tartanbahn
Überhaupt dieses Dopingthema - Bolt schüttelt den Kopf, als er danach gefragt wird: "Wir jamaikanischen Sprinter trainieren hart, wir brauchen das Doping nicht, wir mögen es nicht, deswegen tun wir es auch nicht." Dass Lewis dieses Thema aufbringe, "hat mich wirklich aufgeregt". Landsmann Yohan Blake, der wie über 100 Meter auch diesmal Zweiter wurde und neben Bolt sitzt, nickt. Blake hat seine Erfahrungen, er hat 2009 eine dreimonatige Dopingsperre abgesessen.

Lewis ist in der Leichtathletik eine Legende - und damit ist auch das Wort genannt, das an diesem Abend nach Bolts fulminantem Sturmlauf in 19,32 Sekunden Siegerzeit am häufigsten gefallen ist. "Ich bin jetzt eine lebende Legende", verkündete der 25-Jährige nach seinem Sieg. Auf der Ziellinie hatte er den Finger an den Mund gelegt und die Schweigegeste gemacht. "Das war für alle Kritiker, die jetzt mit dem Reden aufhören müssen: Ich habe heute der ganzen Welt gezeigt, dass ich der Beste bin."

Und tatsächlich wirkt Bolt so, als habe er mit dem Erfolg über 200 Meter seine sportliche Pflicht erfüllt. "Ich habe jetzt alles erreicht, was ich mir vorgenommen habe", sagt er. Die Titel von 2008 in Peking über 100 und 200 Meter sind eindrucksvoll bestätigt, die Konkurrenz musste die Überlegenheit des Meisters anerkennen. Was als nächstes? "Ich muss jetzt einfach schauen, was mich noch motiviert."

Mit 30 will Bolt in keinem Fall mehr laufen

Vielleicht ein neuer Weltrekord über die 200 Meter, der wäre schon am Donnerstag im Bereich des Möglichen gewesen, wenn Bolt seinen Siegeslauf nicht locker ausgetrudelt hätte. "Ich spürte meinen Rücken, deswegen habe ich am Ende langsamer gemacht", versuchte Bolt eine Erklärung. Möglicherweise wollte er sich eine Bestmarke aber auch für eines der lukrativen kommenden Meetings aufbewahren - "alles, was jetzt noch kommt in dieser Saison, ist ohnehin Fun."

Bolt hat in London noch einen Staffellauf über 4 x 100 Meter vor sich, aber dieser Sieg vom Donnerstag über die längere Sprintstrecke schien für Bolt die Karriere bereits rund gemacht zu haben. Er dementierte zwar, dass das Staffelrennen am Samstag bereits sein letzter Lauf sein könne, aber er dachte gleichzeitig schon sehr laut darüber nach, was er denn so nach seiner Sprinterkarriere mit dem Leben anzufangen gedenke. Vielleicht Kricket-Profi, vielleicht irgendwas mit Fußball, möglicherweise ein Ausflug auf die 400 Meter.

Fest steht für ihn nur: "Mit 30 werde ich bestimmt nicht mehr aktiv sein. Ich will aufhören, bevor mir die Jüngeren davon laufen." Und dann noch der Satz: "Ich hatte meine Zeit." Es klang sehr danach, als seien London seine letzten Olympischen Spiele gewesen. In vier Jahren in Rio de Janeiro noch einmal anzutreten - "das würde schon sehr hart werden".

Mit den schwedischen Handballerinen - da war übrigens nichts, so Bolt. Die Sportlerinnen hätten lediglich ein paar harmlose Schnappschüsse von ihnen und dem Superstar machen wollen, hatte er auch dafür eine Erklärung parat. Aber vielleicht ist auch das nur eine Legende.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 73 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. er nervt...
spargel_tarzan 10.08.2012
Zitat von sysopDPAAuch über 200 Meter lief Usain Bolt in London zu Gold - und legte vor der Ziellinie den Finger an die Lippen - Zweifler sollen künftig schweigen, hieß das. Die Geste galt vor allem einer anderen Leichtathletik-Legende: Carl Lewis. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,849254,00.html
und das ganze mediengetue noch viel mehr. da wird stundenlang gezeigt wie er am startblock rumhampelt, wärend anders wo im stadion sportliche wettkämpfe stattfinden, die es lohnt zu zeigen. es reicht wenn man seinen medical-run zeigt, das kaspertheater danach auch.
2. Glauben?nö, akzeptieren? ja
Wunderläufer 10.08.2012
Sicher hat Bolt ein Riesentalent und auch sonst alle möglichen Voraussetzungen für einen exzellenten Sprinter. Nur mit seinem wahnsinnigen Leistungssprung wird die Diskussion um Doping nie aufhören, auch wenn es Jahre oder gar Jahrzehnte dauern wird, bis es nachgewiesen wird. (Was momentan bei Lance Armstrong möglich scheint!)
3. .
Walter Sobchak 10.08.2012
Die Geste, die ich gesehen habe, fordete Ruhe vom Publikum, damit sich alle auf den Start konzentrieren koennen. Aber SPON wissen eben mehr.
4. optional
Xangod 10.08.2012
Wie sind den die Dopingkontrollen auf der Insel in der Trainingsphase? Wahrscheinlich karibisch-entspannt? Daß Bolt ein Jahrtausendtalent ist durchaus möglich. Aber das dann auch noch die Nummer Zwei und Drei von einer 2,5 Millionen-Einwohner-Insel kommen? Auch wenn Jamaica sicher den richtigen Genpool und auch eine Sprintertradition hat - es ist schon ein toller Zufall.
5. Wie recht du hast...
Happy57 10.08.2012
Mir geht es genauso. Ich bin ein Leichtathletik-Fan, aber dieser Hype um Bolt ist mehr als lächerlich und wirft ein bezeichnendes Bild auf unsere Medienlandschaft. Schauspieler sind die Protagonisten der heutigen Tage und Erfolg wird honoriert, egal mit welchen Mitteln er zustande gekommen ist. Da haben die deutschen öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten eigene Kamerateams im Stadtion und könnten, wenn sie denn wollten auch richtigen Sport übertragen, aber stattdessen laufen sie hinter einem Mann her, der in seiner Infantilität nur noch durch seine Realitätsverweigerung übertroffen wird. Eigentlich ist das schon wieder ein Grund die GEZ endlich abzuschaffen. Schlimmer können die privaten TV-Sender auch nicht sein...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles zum Thema Olympische Sommerspiele 2012
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 73 Kommentare

Medaillenspiegel

Platz Land Ges.
zum kompletten Medaillenspiegel
London 2012: Die Twitter-Reporter