Aus London berichtet Peter Ahrens
Mitternacht war schon vorüber, da kippte die lustige Usain-Bolt-Show. Eine Stunde lang war der neue und alte Olympiasieger über 200 Meter da bereits von der Weltpresse befragt worden: Ob er der größere Jamaikaner sei als Bob Marley, wie seine Traumfrau auszusehen habe, was denn da wirklich gewesen sei mit den schwedischen Handballerinnen, die ihn nach seinem 100-Meter-Triumph aufs Zimmer begleitet haben. Die Stimmung im Presseraum war gelöst, ein Lacher jagte den nächsten.
Dann stellte ein Journalist die Frage, ob sich Bolt mit dem großen Carl Lewis vergleiche. An sich eine unschuldige Frage, aber für den Star dieser Spiele der willkommene Anlass auszuteilen: "Gegenüber Lewis habe ich jeden Respekt verloren", der US-Amerikaner sei jemand, "der andere Athleten heruntermacht". Lewis giere offenbar nach Aufmerksamkeit, "weil kein Mensch mehr von ihm spricht". So reden Champions übereinander.
Lewis war in den achtziger und neunziger Jahren das, was Bolt heute ist. Ein Superstar, er ist zum "Leichtathleten des Jahrhunderts" gewählt worden, er hat noch öfter als Bolt bei Olympischen Spielen Gold geholt, insgesamt neun Mal. Und er hat die jamaikanischen Sprinter vor den Spielen von London mit Doping in Verbindung gebracht. So etwas verzeiht König Usain nicht.
Lewis ist in der Leichtathletik eine Legende - und damit ist auch das Wort genannt, das an diesem Abend nach Bolts fulminantem Sturmlauf in 19,32 Sekunden Siegerzeit am häufigsten gefallen ist. "Ich bin jetzt eine lebende Legende", verkündete der 25-Jährige nach seinem Sieg. Auf der Ziellinie hatte er den Finger an den Mund gelegt und die Schweigegeste gemacht. "Das war für alle Kritiker, die jetzt mit dem Reden aufhören müssen: Ich habe heute der ganzen Welt gezeigt, dass ich der Beste bin."
Und tatsächlich wirkt Bolt so, als habe er mit dem Erfolg über 200 Meter seine sportliche Pflicht erfüllt. "Ich habe jetzt alles erreicht, was ich mir vorgenommen habe", sagt er. Die Titel von 2008 in Peking über 100 und 200 Meter sind eindrucksvoll bestätigt, die Konkurrenz musste die Überlegenheit des Meisters anerkennen. Was als nächstes? "Ich muss jetzt einfach schauen, was mich noch motiviert."
Mit 30 will Bolt in keinem Fall mehr laufen
Vielleicht ein neuer Weltrekord über die 200 Meter, der wäre schon am Donnerstag im Bereich des Möglichen gewesen, wenn Bolt seinen Siegeslauf nicht locker ausgetrudelt hätte. "Ich spürte meinen Rücken, deswegen habe ich am Ende langsamer gemacht", versuchte Bolt eine Erklärung. Möglicherweise wollte er sich eine Bestmarke aber auch für eines der lukrativen kommenden Meetings aufbewahren - "alles, was jetzt noch kommt in dieser Saison, ist ohnehin Fun."
Bolt hat in London noch einen Staffellauf über 4 x 100 Meter vor sich, aber dieser Sieg vom Donnerstag über die längere Sprintstrecke schien für Bolt die Karriere bereits rund gemacht zu haben. Er dementierte zwar, dass das Staffelrennen am Samstag bereits sein letzter Lauf sein könne, aber er dachte gleichzeitig schon sehr laut darüber nach, was er denn so nach seiner Sprinterkarriere mit dem Leben anzufangen gedenke. Vielleicht Kricket-Profi, vielleicht irgendwas mit Fußball, möglicherweise ein Ausflug auf die 400 Meter.
Fest steht für ihn nur: "Mit 30 werde ich bestimmt nicht mehr aktiv sein. Ich will aufhören, bevor mir die Jüngeren davon laufen." Und dann noch der Satz: "Ich hatte meine Zeit." Es klang sehr danach, als seien London seine letzten Olympischen Spiele gewesen. In vier Jahren in Rio de Janeiro noch einmal anzutreten - "das würde schon sehr hart werden".
Mit den schwedischen Handballerinen - da war übrigens nichts, so Bolt. Die Sportlerinnen hätten lediglich ein paar harmlose Schnappschüsse von ihnen und dem Superstar machen wollen, hatte er auch dafür eine Erklärung parat. Aber vielleicht ist auch das nur eine Legende.
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