Diskus-Olympiasieger Christoph Harting Aus der Reihe getanzt

Christoph Harting ist Diskus-Olympiasieger. Die mediale Aufmerksamkeit, die damit einhergeht, missfällt ihm angeblich sehr. Dabei hat er sie selbst am stärksten provoziert.

Christoph Harting
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Christoph Harting

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Entweder hat Christoph Harting etwas falsch verstanden oder er hat eine merkwürdige Selbstwahrnehmung. Er sei kein PR-Mensch, sagte der neue Olympiasieger auf der Pressekonferenz nach dem großen Erfolg im Diskusfinale. "Ich bin keine Kunstfigur", sagte Harting außerdem gegenüber dem ARD-Hörfunk in einem seiner seltenen Interviews. Er gibt normalerweise keine, Harting machte klar, dass ihm das Medienspektakel zuwider ist.

Und gleichzeitig inszeniert er sich inmitten dieser Maschinerie.

Mit seinem letzten Wurf sicherte sich Harting auf beeindruckende Weise die Goldmedaille. Anschließend benahm er sich aus Sicht vieler Zuschauer jedoch daneben.

Ja, der Auftritt war denkwürdig, unorthodox. Betont lässig tänzelte der 25-Jährige durchs Stadion, spielte mit Kameras und Fans, verschränkte bei der Nationalhymne die Arme, pfiff phasenweise mit. Dabei musste Harting wissen, dass genau das noch mehr Aufmerksamkeit, noch mehr Öffentlichkeit bedeuten würde.

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Olympiasieger im Diskuswerfen: Der Poser

Dazu passt auch sein Verhalten gegenüber ZDF-Reporter Norbert König. Sich zu entscheiden, kein Interview zu geben, ist eine Sache. Den Handschlag zu verweigern und auf diesem Weg auch die Gratulation nicht anzunehmen, ist eine ganz andere - das ist schlichtweg unhöflich und herablassend.

Es ist kein Wunder, dass die Empörung in sozialen Netzwerken schnell groß war: "Peinlich", "arrogant", "affig", hieß es da. Von vielen Seiten gab es heftige Kritik.

Dass sein Verhalten polarisieren würde, war vorhersehbar. Und phasenweise, vor allem im Umgang mit ZDF-Reporter König, überschritt Harting tatsächlich die Grenze zwischen Lässigkeit und Arroganz. Besonders bemerkenswert ist jedoch, dass er sich, ob gewollt oder nicht, damit genau das zu Nutze machte, was er doch eigentlich grundsätzlich ablehnt: Medien, PR, Öffentlichkeit. Ohne die Show nach dem Wurf wäre das mediale Echo wohl kaum so laut ausgefallen.

Hinterher gab Harting sich wortkarg. Er fühle sich fehl am Platz. "Was Sie über mich denken, ist mir vollkommen egal", sagte Harting der Presse. Dabei vergaß er jedoch eines: Als Person des öffentlichen Lebens, die er - wie er später selbst eingestand - spätestens durch den Olympiasieg ist, hat Harting eine Vorbildfunktion, eine Verantwortung. Die Chance, diese zu nutzen, hat er in den ersten Stunden seines größten Erfolges fahrlässig verstreichen lassen.

Gegenüber der Sportschau ruderte Harting später zurück und räumte Fehler ein. Er gab zu, schon bei der Siegerehrung überfordert gewesen zu sein und entschuldigte sich bei allen, denen er "auf den Fuß getreten" ist. Er wirkte kleinlaut, vorsichtig, aber auch aufrichtig. Und er wirkte noch immer überfordert im Umgang mit Medien. Paradoxerweise schaffte Harting es dennoch, auch diesen Moment der Einsicht sehr medienwirksam zu nutzen: "Ich bin zur Legende geworden."

Harting springt hin und her zwischen Pseudo-Medienprofi und überwältigtem Champion. Bei der Siegerehrung nach dem Gewinn von olympischem Gold überfordert zu sein, ist menschlich. Durch seine vorgetäuschte Lässigkeit zeigte er sich jedoch so gar nicht authentisch. Und machte sich dadurch angreifbar.

Sehen Sie hier die Siegerehrung mit den Bronze- und Silber-Gewinnern sowie Christoph Harting in voller Länge.



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wutbürger2010 14.08.2016
1. Entschuldigung und Erklärungsversuch des Athleten
TRENNUNG/Text: "Die PR-Machinerie ist nicht mein Ding" Der Mann lebt für den Sport im Stadion. Das Drumherum ist nicht seine Welt. "Wie verhält man sich, wenn man Olympiasieger geworden ist ?" fragt er den Reporter in einem Interview und versucht sein Verhalten zu erklären. https://www.youtube.com/watch?v=XMORsfCxphk
pirx64 14.08.2016
2. komisch
Ein paar Tage zuvor bei der Siegerehrung wurde das Verhalten von Wiggins als lustig empfunden und mit Mr. Bean verglichen. Von Spon! Und der hatte die Zunge rausgestreckt! Tja, zweierlei Maß. Unsere deutschen Heroen müssen in Hab-Acht-Stellung gehen, Spaß dürfen nur andere haben
sansibar1 14.08.2016
3. Hut ab....
Tolle Leistung des jüngeren Harting". Dann aber verweigerte er dem ZDF-Sportmoderator König den Handschlag und das gewünschte Interview. Dies gefiel dem öffentlich, rechtlichen Sender und seinem Sportchef Dieter Gruschwitz nun garnicht. Entsprechend bissig und aus meiner Sicht perfide war dann auch die nachfolgende Berichterstattung des Senders. Mir scheint, die Verantwortlichen beim ZDF haben den Blick für das Wesentliche verloren. Wesentlich an diesem Tag war, dass ein junger deutscher Sportler eine tolle sportliche Leistung erbracht hat Absolut unwesentlich und ohne jede Bedeutung ist die Tatsache, dass ein Sportreporter namens König seine rechte Hand wieder unverrichteter Dinge hat einpacken müssen, weil Herr Harting besseres zu tun hatte. Was bleibt, ist das Unbehagen über einen öffentlich, rechtlichen Sender, dessen Verhalten weniger von Souveränität, als vom Verhaltensmuster einer beleidigten Leberwurst geprägt wird.
kaisergarten 14.08.2016
4. Twitter -Sammelbecken der Selbstverliebten
Ein sympathischer Typ und herzlichen Glückwunsch zur gewonnenen Medaille. Schön zu sehen und im Interview auch zu hören, daß ihm der Mainstream am ..... vorbei geht und er sein Ding macht. Peinlich diese ganzen Gouvernanten die der Meinung sind, festlegen zu dürfen, wie sich jemand zu freuen hat und wie nicht.
leyser 14.08.2016
5. Typisch
Wieso kann man sich nicht einfach mit dem Herr Harting freuen? Anstatt andauernd die Karma Polizei zu spielen, sollten die "Kritiker" ihren eigenen Narzissmus überdenken.
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