Deutsche Kanuten bei Olympia Von Fahnenträgern und Flaggschiffen

Sieben Medaillen haben die deutschen Rennkanuten gewonnen, vier davon am letzten Tag in Rio. Die größte Geschichte schrieb ein Doppelolympiasieger, dem nun eine besondere Ehre zuteil wird.

DPA

Aus Rio de Janeiro berichtet


Die Nachricht hatte sich längst herumgesprochen am Ufer der Lagoa Rodrigo de Freitas, nur beim Protagonisten dieser Nachricht war sie noch nicht angekommen. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hatte den Rennkanuten Sebastian Brendel dazu erkoren, bei der Schlussfeier der Olympischen Spiele von Rio in der Nacht zum Montag deutscher Zeit die deutsche Fahne ins Maracanã-Stadion zu tragen. Und als Brendel auf diese Auszeichnung angesprochen wurde, machte er erstmal einen unsicheren Eindruck. Ich? Wirklich? "Das habe ich auch gerade gehört. Wenn das so ist, freue ich mich natürlich. Davon träumt jeder Sportler", sagte Brendel. Zumindest jeder Sportler, der Wert auf diesen Teil olympischer Symbolik legt.

Für den 28 Jahre alten Brendel ist die Fahnenträger-Würde ein passender Abschluss erfolgreicher Spiele. Kurz bevor ihn die Nachricht erreichte, hatte er seine zweite Goldmedaille von Rio geholt. Vier Tage nach seinem Erfolg im Canadier-Einer gewann er auf der Freitas-Lagune auch das Rennen im Zweier, zusammen mit dem vier Jahre jüngeren Jan Vandrey. Ihr Erfolg ist in doppelter Hinsicht besonders. Erstens hatte der Zweier erst kurz vor den Spielen überhaupt das Recht zur Teilnahme bekommen, weil dem Verband Weißrusslands mehrere Startplätze entzogen worden waren wegen umfassender Dopingvorwürfe. Und zweitens hatten die beiden kaum Zeit, sich aneinander zu gewöhnen. In Rio fuhren sie erst ihr zweites Rennen zusammen. "Unser bislang bestes Rennen", sagte Brendel und lachte.

Für ihn war der Erfolg im Zweier eine tolle Zugabe nach seinem Sieg im Einer. Vandrey dagegen war vollkommen überwältigt. "Ich wusste, dass wir schnell sind. Aber dass wir ganz vorne mitfahren, war nicht abzusehen", sagte er. Ihren Sieg hatten sie einem beeindruckenden Schlussspurt zu verdanken, in dem sie sich vom dritten Platz erst am ukrainischen Boot vorbeischoben und auch an den bis dahin führenden Brasilianern. Die Aufgabenteilung im deutschen Gespann ist klar. Der erfahrene Brendel, der schon bei den Spielen in London vor vier Jahren Gold im Canadier-Einer holte, gibt den Takt vor. "Er ist Olympiasieger und kann's auf jeden Fall. Da muss ich mitziehen", erzählte Vandrey. Er bestreitet in Rio seine ersten Spiele.

Der Altmeister sprintet nochmal

Die Deutschen haben zum Abschluss der Kanu-Wettbewerbe noch einmal im großen Stil Medaillen eingefahren. Da war das Gold für Brendel und Vandrey. Da war das Gold für den Kajak-Vierer, das Flaggschiff der deutschen Flotte. Da war Silber für den Vierer der Frauen über 500 Meter. Und da war die Bronzemedaille für Ronald Rauhe im Kajak-Einer über 200 Meter. Vier Rennen, vier Medaillen - besser geht es nicht an einem letzten Wettkampftag.

Das gilt aber auch für die Gesamtbilanz. Die Kanuten beendeten die Spiele mit viermal Gold, zweimal Silber und einmal Bronze und überboten damit die ohnehin schon ambitionierte Zielvorgabe von sechs Medaillen. Vier Olympiasieger hatten die deutschen Kanuten zuletzt vor zwölf Jahren in Athen gestellt.

Hinter den Medaillen vom letzten Wettkampftag stecken ein paar schöne Geschichten. Bronze-Gewinner Rauhe zum Beispiel wusste gar nicht, wohin mit seiner Freude. Er bestritt in Rio seine vierten und letzten Olympischen Spiele, mit seinen 35 Jahren ist er ein Altmeister. Und Altmeister sind normalerweise keine Meistersprinter mehr. "Meine besten Jahren sind schon vorbei. Deshalb freut mich meine Medaille besonders", sagte Rauhe. Er fuhr zeitgleich mit dem Spanier Saul Craviotto ins Ziel, auf einen geteilten dritten Platz. Knapper ging es nicht.

Auch Max Hoff erlebte einen emotionalen Ausklang der Spiele. Vier Tage zuvor war er im Kajak-Einer von Blättern gestoppt worden, die im Wasser schwammen, er weinte hinterher bitter. Im Vierer mit Max Rendschmidt, Tom Liebscher und Marcus Groß gewann er doch noch Gold, mit mehr als einer Bootslänge Vorsprung auf Weltmeister Slowakei, und er berichtete hinterher, wie erleichtert er über diesen Triumph sei. Wieder war Hoff offensichtlich ergriffen. "Ich kann gar nicht mehr aufhören zu heulen, weil ich mich so freue", sagte er.

Die deutschen Rennkanuten haben erfolgreiche Spiele hinter sich. Und ein letzter Moment des Triumphes steht ihnen ja noch bevor: Einer von ihnen wird bei der Schlussfeier die deutsche Fahne tragen.



insgesamt 5 Beiträge
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jujo 20.08.2016
1. ...
Brendel hat es verdient als Fahnenträger die Mannschaft zur Schlußfeier zu führen. Gegenüber dem Turner Toba wäre es eine besondere Geste des Respekts gewesen. Schade, aber es kann ja nur einer machen.
holgert1981 20.08.2016
2. Ersatzfahnenträger
Bei den stattfindenden Feierlichkeiten in dieser Nacht könnte man vorsichtshalber einen Ersatzfahnenträger nominieren... Ich bin für Fabian Hambüchen! Bronze ... Silber ... Gold ... Fahne ! Das hat doch was.
Ontologix II 21.08.2016
3. Prestigearmer Sport
Die deutschen Kanuten sind seit Jahrzehnten die zuverlässigsten Medaillenlieferanten. Trotzdem wird dieser gesunde und volksnahe Breiten- und erfolgreiche Spitzensport von den Medien zwischen den Olympiaden praktisch totgeschwiegen. Fußballer, Tennisspieler, Reiter und Ruderer sieht man im Fernsehen zuhauf, einen Kanuten praktisch nie, und wenn, dann bestenfalls in einer Sekundensequenz. Die erfolgreichste deutsche Olympionikin, Birgit Fischer (acht Gold- und vier Silbermedaillen), kennt kaum einer. Kanuten werden nur selten gesponsert, die meisten Spitzenkräfte verdienen ihren Lebensunterhalt in einem Zivilberuf. Ähnlich wird Tischtennis zu Gunsten von Tennis ignoriert. Dabei ist Tischtennis viel spannender und unterhaltender und vor allem quasi verletzungsfrei. Ich begann mit 16 zu paddeln, gewann ein paar lokale Rennen und paddle heute mit 75 immer noch, ebenso spiele ich noch passabel Tischtennis.
janfred 21.08.2016
4. muito bom !
Über Medailien, die nicht "eingeplant" waren freut man sich doch doppelt. Bravo! Und im Medailienspiegel unter den Top 5 sieht doch auch ganz erfreulich aus. Zumal bei dem Medailienspiegel in den nächsten 12 Monaten oder so noch einige Veränderungen kommen werden. Die absolute Topform der Britten ist ja auch schon so einigen Leuten aufgefallen, die mehr Ahnung als ich haben. Auf das sich an unseren erhaltenen Medaillien nichts mehr ändern wird weil ja unsere Athleten alle clean waren.
Werder 21.08.2016
5.
Zitat von Ontologix IIDie deutschen Kanuten sind seit Jahrzehnten die zuverlässigsten Medaillenlieferanten. Trotzdem wird dieser gesunde und volksnahe Breiten- und erfolgreiche Spitzensport von den Medien zwischen den Olympiaden praktisch totgeschwiegen. Fußballer, Tennisspieler, Reiter und Ruderer sieht man im Fernsehen zuhauf, einen Kanuten praktisch nie, und wenn, dann bestenfalls in einer Sekundensequenz. Die erfolgreichste deutsche Olympionikin, Birgit Fischer (acht Gold- und vier Silbermedaillen), kennt kaum einer. Kanuten werden nur selten gesponsert, die meisten Spitzenkräfte verdienen ihren Lebensunterhalt in einem Zivilberuf. Ähnlich wird Tischtennis zu Gunsten von Tennis ignoriert. Dabei ist Tischtennis viel spannender und unterhaltender und vor allem quasi verletzungsfrei. Ich begann mit 16 zu paddeln, gewann ein paar lokale Rennen und paddle heute mit 75 immer noch, ebenso spiele ich noch passabel Tischtennis.
Da muss ich Ihnen leider vollkommen Recht geben. Ich bin ebenfalls seit vielen Jahren begeisterter -Amateur- Paddler und finde es ausgesprochen, traurig, dass ein so schöner Sport so wenig Interesse findet (wie man ja auch schon an den müden paar Beiträgen wieder einmal sehen kann) Offenbar gehört zum "Sport" heute auch Glamour (ein paar Skandale nützen offenbar ebenfalls ....), ein Leben der Sportler, das sich auch öffentlich abspielt und für bestimmte Postillen etwas hergibt. All das hat Kanufahren nicht zu bieten. Dafür allerdings - abgesehen von Wettkämpfen) den Aufenthalt in frischer Luft, das Kennenlernen unendlich vieler, verschiedener Flüsse und Landschaften- auch und vor allem solche, die nicht sofort ins Auge fallen - etc. etc. Ist aber offenbar etwas, dass in unserer heutigen Gesellschaft keinen großen Stellenwert mehr besitzt; nicht spektakulär genug.... Schaden, viele Menschen wissen gar nicht, was ihnen entgeht.
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