Fechterin Muhammad Die Vorzeige-Muslimin

Sie ist als erste Amerikanerin mit einem Kopftuch bei Olympischen Spielen gestartet: Fechterin Ibtihaj Muhammad ist im Achtelfinale ausgeschieden - und hat trotzdem gewonnen.

Ibtihaj Muhammad
AP

Ibtihaj Muhammad

Aus Rio de Janeiro berichtet


Der Auftritt von Ibtihaj Muhammad bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro war kurz, die Säbelfechterin bestritt nur zwei Kämpfe, dann war es für sie auch schon wieder vorbei. Doch das reichte, um Geschichte zu schreiben. Muhammad, 30, ist die erste Amerikanerin, die mit einem Kopftuch, dem Hidschab, bei Olympia angetreten ist.

Ihre Story war im Vorfeld der Sommerspiele in den USA omnipräsent in den Medien. Muhammad trat mit First Lady Michelle Obama auf, wurde zu Talkshows eingeladen, vom "Time Magazine" unter die 100 einflussreichsten Persönlichkeiten gewählt.

Er und seine Frau hätten "mindestens 15 Interviews gegeben", sagt Vater Eugene Shamsiddin Muhammad. Reporter aller großen TV-Sender seien zu ihnen nach Hause gekommen. Die Nachbarn hätten so manches Mal besorgt rübergeschaut, ob etwas Schlimmes passiert sei.

Drei Generationen reisen mit nach Rio

Dass er einmal Fragen von einem Dutzend Journalisten in einer olympischen Sporthalle beantworten würde, nein, sagt Muhammad, das habe er sich nie vorstellen können. Er erzählt von einem "langen Weg", den die gesamte Familie gegangen sei. Fechten sei nichts für Afroamerikaner und erst recht nichts für Muslime, hatte sich Ibtihaj Muhammad immer wieder anhören müssen.

Jetzt sieht der Vater seine Tochter erstmals bei einem großen Wettkampf live. Zu acht ist die Familie vor drei Tagen angekommen. Die Eltern, vier Geschwister und sogar ein Enkelkind. Nur die älteste Tochter ist daheimgeblieben, da sie gerade ein Baby zur Welt gebracht hat.

Fotostrecke

22  Bilder
Die besten Bilder aus Rio: Suchbild mit Siegerin

Als Ibtihaj Muhammad auf der blauen der insgesamt vier Bahnen vorgestellt wird, wippt sie seitlich hin und her. Das Duell mit Olena Kravatska aus der Ukraine ist das ausgeglichenste von vier gleichzeitig ausgetragenen Duellen in der Runde der letzten 32. Schräg gegenüber, auf der grünen Planche, hat eine Russin ihre mexikanische Gegnerin bereits 15:7 besiegt, als es bei Muhammad gegen Kravatska erst 8:9 steht.

Bruder Qareeb macht beim Zuschauen eine emotionale Achterbahnfahrt durch. Mal stampft er mit dem rechten Fuß wild auf den Boden, dann formt er die Hände zum Sprachrohr und brüllt laut "USA, USA". Am Ende kann er jubeln, Ibtihaj gewinnt 15:13 und klatscht beim Gang in die Katakomben mit Familie und Fans ab.

Eigene Modekollektion

Eine Stunde später verlässt sie weinend die Halle. Beim Stand von 12:14 gegen die Französin Cécilia Berder ist sie mit dem linken Fuß über das Ende der Piste hinausgerutscht. Es ist der entscheidende Punkt für ihre Gegnerin. "Ich fühle mich trotz der Niederlage stolz, die USA repräsentiert zu haben. Es war eine wunderbare Erfahrung für mich", sagt Muhammad, als sie schließlich in die Mixed-Zone kommt.

Sie trägt ein dunkelblaues Kopftuch, das farblich zum etwas helleren US-Trainingsanzug passt. Die 30-Jährige hat eine eigene Modekollektion entworfen, benannt nach ihrer Großmutter Louella. Damit wolle sie das Bild muslimischer Frauen verändern, sagt sie.

Rund eine halbe Stunde lang spricht sie über Kindheitstage, die Toleranz ihrer Eltern, Fechtanfänge, ihren Weg, ihre Ziele und die Hoffnungen, die sie mit ihrem Olympiaauftritt verbindet. Muhammad sieht sich als eine Art Frontfrau, Vorreiterin, Vorzeige-Muslima. Als jemand, der Vorurteile bekämpfen will.

Immer wieder, sagt sie, hätten Leute die Vorstellung, dass sie gezwungen werde, ein Kopftuch zu tragen, keine eigene Meinung habe, sondern ihr eine aufgezwungen werde. "Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich mir nicht den Mund verbieten lasse. Ich habe kein Problem damit, meine Meinung zu sagen."

Diese Offenheit habe sie den Eltern zu verdanken, sagt sie. Nie habe sie zu hören bekommen, dass sie gewisse Sachen nicht machen dürfe, weil sie ein Mädchen sei. Im Gegenteil. Ihre Eltern hätten sie und die Schwestern immer herausgefordert, ihren Bruder zu besiegen. Und so sei selten ein Tag im Hause Muhammad vergangen, an dem nicht um die Wette gelaufen, gesprungen oder geklettert wurde. Ihre wichtigste Botschaft hat deshalb nichts mit Religion zu tun. "Sport hat mein Leben verändert", sagt sie. "Ich hoffe, ich kann wenigstens ein einziges muslimisches Mädchen inspirieren, mit dem Fechten zu beginnen. Nicht alle. Nur eins."



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.