Olympische Spiele in Rio Segeln im Dreck

Die olympischen Segler müssen in Rio in einer stark verschmutzten Bucht antreten: Fäkalien, Gift, Müll und Schwermetalle belasten das Wasser. Die Athleten fürchten um ihre Gesundheit.

Aus Rio de Janeiro und Kiel berichten , und (Video)


Ein Reiher landet sanft auf einem grünen Fischerboot, und für einen Moment wirkt die Guanabara-Bucht bei Rio de Janeiro fast idyllisch.

Wenn das Boot nicht in bakteriell verseuchtem Wasser dümpelte. Wenn der Boden nicht voller Schwermetalle wäre, am Ufer keine Fackeln einer Raffinerie brennen würden. Und wenn etwas weiter südlich kein Gift von einer stillgelegten Mülldeponie in den Boden sickern würde.

Den "Molotow-Cocktail der Guanabara-Bucht" nennt der Umweltaktivist Sérgio Ricardo dieses Gemisch. Die Bugwellen seines Bootes rollen träge über das Wasser dieser Bucht, für die er seit Jahren kämpft.

Hier sollen ab dem 5. August die Segler bei den Olympischen Spielen ihre Wettbewerbe austragen. Sie werden nahe des Zentrums von Rio de Janeiro segeln, wo heller Sandstrand das Ufer säumt und das Elend auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist.

Nicht so auf der Insel Ilha do Governador, wo Sérgio Ricardo lebt, und wo sich Müll am Ufer häuft, angeschwemmte Plastikflaschen, alte Fernseher, Benzinkanister. In einem anderen Teil der Bucht schwamm im Februar ein abgetrennter Arm.

Es ist eine hochgiftige Mischung. Zehn Millionen Menschen und 12.000 Industrieanlagen leiten ihre Abwässer in die Bucht und in die dort mündenden Flüsse ein, rechnet die Heinrich-Böll-Stiftung vor. Jede Sekunde muss die Guanabara-Bucht demnach 18.000 Liter unbehandelter Abwässer aufnehmen. Zudem gelangen laut Umweltschützer Ricardo bis zu 100 Tonnen Müll täglich in die Bucht.

Viele Segler, die in dieser Brühe Hochleistungen erbringen und Medaillen gewinnen wollen, bringt das in Rage.

Einige konnten sich bereits einen Eindruck von dem Revier machen, in dem sowohl die Olympia- als auch die Paralympics-Teilnehmer an den Start gehen werden. "Als wir im Februar da waren, gab es extrem viel Müll und es hat schlecht gerochen. So sollte es nicht sein", sagt der paralympische Goldmedaillengewinner von 2000, Heiko Kröger.

Video: Heiko Kröger beschreibt seine Eindrücke

Krögers Familiengeschichte ist mit Rio de Janeiro verbunden: Sein Großvater wanderte 1920 an den Zuckerhut aus.

Die Metropole begeisterte den Mann so sehr, dass er einen Brief an seine Verlobte schrieb: "Komm rüber, das ist die schönste Stadt der Welt." Fünf Jahre später kehrte Großvater Kröger nach Deutschland zurück. Er litt an Gelbfieber. Kröger will nicht krank werden bei seinem Aufenthalt in Rio, er ist wütend. "Es ist eigentlich ein wunderschönes Segelrevier, eine tolle Umgebung. Aber wenn man das so sieht, verliert man den Glauben an das Olympische Komitee."

Die Olympischen Spiele ließen die Fischer und Umweltschützer einst hoffen. Die Säuberung der Bucht sollte eine der großen Errungenschaften werden. Bei der Bewerbung hatte der Bundesstaat Rio de Janeiro versprochen, 80 Prozent der Guanabara-Bucht zu reinigen. Doch heute muss Bürgermeister Eduardo Paes eingestehen, dass das Ziel nicht erreicht wurde.

Nur 60 Prozent seien gesäubert worden, sagt er und weist schnell darauf hin, dass der dafür zuständige Bundesstaat versagt habe. Regierungsebenen, die sich nicht abstimmen und außerdem wenig Elan haben, gegen die mächtige Industrie vorzugehen - das scheint ein großes Problem für die Bucht zu sein. Für die Olympischen Spiele aber sei das alles kein Hindernis, sagt Paes, weil die "Wettbewerbe am Eingang der Bucht stattfinden und es zu der Zeit wenig regnet".

Bei Regenfällen wird aus den angrenzenden Favelas nämlich noch mehr Unrat in das Wasser geschwemmt. "Klar schmeißen die dort den Müll aus den Fenstern - wo soll er auch sonst hin?", fragt sich Paralympics-Teilnehmer Kröger, der den Bewohnern gar keinen Vorwurf machen will: "Es gibt keine funktionierende Müllabfuhr und die Leute können sich auch keinen Urlaub nehmen, nur um zur nächsten Mülltonne zu laufen."

Kröger sieht die Versäumnisse eher bei den höhergelagerten Stellen: "Die Bucht war schon verdreckt, als die Spiele nach Rio vergeben worden sind. Man hätte früher reingrätschen müssen. Doch da ist wenig passiert", sagt er: "Da sind alle in der Versenkung verschwunden."

Video: "Das riecht ein bisschen nach Klärwerk"

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In der Vergangenheit hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) härter durchgegriffen. Die Bewerbung Rios für die Spiele 2004 hatte das Komitee wegen der Verschmutzung gar nicht erst zugelassen. Dass das Olympische Dorf damals mitten in die Bucht gebaut werden sollte, war wohl zu viel für die Herren der Ringe.

Es gab Anstrengungen zur Reinigung der Bucht, doch sie blieben weitgehend erfolglos. Ein großes Säuberungsprogramm startete erstmals 1994. Allein in den ersten zwölf Jahren wurde rund eine Milliarde Euro ausgegeben, der größte Teil des Geldes ging in den Bau von Kläranlagen. Doch heute ist ein Teil der Anlagen halb verrottet und nicht mehr funktionstüchtig, sagt Dawid Bartelt von der Heinrich Böll Stiftung. In Betrieb genommen wurden sie nie - denn es fehlen die Zuleitungen. Die zuständigen Kommunen und der Bundesstaat Rio de Janeiro haben kein entsprechendes Kanalisationsnetz geschaffen.

"Die Regierung hat uns nie zugehört", sagt Umweltschützer Sérgio Ricardo. Er klingt dabei nicht verbittert. Er glaubt noch immer, dass alles besser werden kann in dieser Bucht, trotz Müll und Gift.

Seinen Traum trägt er auf der Brust: Bunte Delphine und Vögel tummeln sich auf seinem T-Shirt, daneben steht "Baía Viva", lebendige Bucht. Er wagt zu hoffen, trotz der düsteren Aussichten.

Der Erdölkonzern Petrobras betreibt eine Raffinerie hier, und auf vielen Inseln gibt es schwimmende Terminals. Die mächtige Firma wird nicht weichen wegen ein paar Umweltschützern. Zudem entsteht im Norden eine neue Großraffinerie. Gäbe es nicht Menschen wie Sérgio Ricardo und all die verzweifelten, engagierten Fischer, vielleicht wäre die Bucht dann schon längst verloren für Menschen und Tiere.

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Wenn Ricardo mit einem Boot über das Wasser fährt, dann spricht er über das "Wunder der Guanabara-Bucht", dass trotz der totalen Verschmutzung noch Mangrovenwälder das Ufer säumen, Fische und Schildkröten sich im Wasser tummeln und Reiher durch den Sumpf staksen. Delfine hat Ricardo zum letzten Mal vor fünf Jahren gesehen, als er mit seiner Familie rausfuhr. Tausende schwammen hier früher. Viele reiche Brasilianer ließen sich Sommerhäuser an der Bucht bauen. Ein Paradies, lange her. Jetzt leben hier laut einer Beobachtungsstelle der Universität von Rio noch 34 Delfine. Vielleicht ist das Wunder der Guanabara-Bucht auch, dass noch immer Menschen auf Besserung hoffen.

Im Januar 2000 brach eine Petrobras-Pipeline, und 1,3 Millionen Liter Öl liefen aus. In Wellen schwemmte das Öl in die Mangroven, an die Strände und die Inseln. Tiere starben qualvoll, viele Fischarten wurden ausgelöscht. Heute verlaufen noch immer 15 Zuleitungsrohre zu den Raffinerien knapp unter der Wasseroberfläche. Seit den Sechzigerjahren und bis heute gehören die Industrieanlagen zu den großen Verschmutzern der Bucht.

Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein hat eine 2014 genommene Wasserprobe aus dem Segelrevier analysiert und kommt zu erschreckenden Erkenntnissen: Die untersuchten Proben seien alle getrübt gewesen, in dem Bericht ist von "grünlicher Farbe" und "faulig-jauchigem Geruch" die Rede. Eine erhöhte Anzahl an Enterokokken (Bakterien, die Infektionen auslösen können) wurde festgestellt, sowie deutlich erhöhte Werte für Ammonium, Phosphat und Chlorid. Auch jüngere Tests liefern verheerende Ergebnisse.

Solche Zustände machen Menschen krank. Die Geschichte des deutschen Seglers Erik Heil ging um die Welt: Der Olympiafahrer kehrte im vergangenen Jahr mit Entzündungen an Beinen und Hüfte von einer Regatta aus Rio zurück. Verursacht wurden diese durch multiresistente Keime, die sich der 26-Jährige in der Bucht eingefangen hatte. Damals sagte Heil in Richtung Verantwortliche: "Sie sollten alles in ihrer Macht Stehende für eine Säuberung der Gewässer unternehmen."

Video: Erik Heil über seine Erkrankung

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Heute mag Heil nicht mehr so gerne über das Thema sprechen, Angst vor Krankheiten habe er nicht, auch ein Boykott kommt für ihn nicht in Frage: "Ich halte davon nichts. Wir haben uns die vergangenen vier Jahre auf diesen Wettkampf vorbereitet. Ich setze mich da auch gerne dem Risiko aus, dass ich mir noch ein zweites oder drittes Mal ein Bakterium einfange, wenn ich dafür an meinem sportlichen Höhepunkt teilnehmen kann."

Die Segler bereiten sich auf die Gefahr vor: "Wir spülen uns häufiger mit Wasser ab, damit nichts an kaputte Hautstellen gerät", sagt Heil und Kröger ergänzt: "Die medizinische Versorgung im Vorfeld ist sehr umfassend. Wir haben alles an Impfungen bekommen, was man machen kann. Vor Ort werden wir darauf aufpassen, kein Wasser ins Gesicht oder in den Mund zu bekommen." Sein Anzug sei wasserdicht, sagt Kröger, aber das Gesicht natürlich immer ungeschützt.

Auch andere Nationen bereiten sich vor: Das US-Ruderteam etwa tritt in speziell angefertigten nahtlosen Anzügen an, die aus antimikrobiellen Material gefertigt sind. Doch so durchdacht die Vorsichtsmaßnahmen auch sind - gegen einige Gefahren helfen auch keine Impfungen und als Segler schluckt man zwangsläufig Wasser, ob nun mit schützendem Anzug oder ohne.

Video: Kröger erklärt, wie sich die deutschen Segler schützen

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Für die Athleten geht es nur um ein paar Tage, doch viele der 20.000 Fischer, die noch hier leben, müssen ihr ganzes Leben lang hier verbringen. Sie berichten von Hautkrankheiten, Durchfall und Pilzen. Und es droht noch eine weitere Gefahr: Jene Fischer, die sich wehren gegen die Verschmutzung und die Omnipräsenz der Erdölindustrie, werden bedroht. Seit 2009 wurden mehrere engagierte Fischer ermordet, einer von ihnen wurde vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder erschossen. Der Sprecher ihrer Vereinigung Ahomar überlebte mehrere Anschläge und musste in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden.

Die Guanabara-Bucht ist längst nicht mehr die Idylle, die sie einmal war.



insgesamt 51 Beiträge
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hummel1 01.08.2016
1. Müssen müssen sie nicht!
War mir neu, dass man zur Teilnahme gezwungen wird! Sie MÜSSEN nicht in der Klärgrube antreten. Wäre ja auch noch schöner!
allessuper 01.08.2016
2. und so schließt sich der Kreis..
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-39834834.html In einem Enthüllungsbuch beschreibt John Perkins seine Arbeit als „ökonomischer Auftragsmörder“ der USA: Er sollte .. Dritte-Welt-Staaten ruinieren und so politisch gefügig machen... Seine Aufgabe sei es gewesen, ausgewählten Ländern völlig überzogene Milliardenkredite für neue Infrastruktur zu vermitteln, die aber finanziell gar nicht zu verkraften waren: "Wasserkraftwerke in Ecuador, Elektrifizierungsprojekte in Indonesien, Flughäfen in Mittelamerika". Hier darf sich der Spiegel selbst zitieren. Tun Sie es ruhig!
pfalzkapelle 01.08.2016
3. Ein normaler Mensch
freut sich, dass er an den Olmpischen Spielen teilnehmen darf - und bleibt selbstverständlich zu Hause. Mögen doch die Funktionäre die Suppe auslöffeln, die sie sich eingebrockt haben. Die Sicherheit der Sportler ist nicht gewährleistet das Feuerwehr und Polizei im Vorfeld streiken, die Gesundheit ist durch schmutziges Wasser und tolle Insekten gefährdet. Olympische Siegen unter diesen Bedingungen sind nichts wert. Unter diesen Bedingungen ist die olmpische Bewegung nur eines: tot!
zinobln 01.08.2016
4. die
die nach rio fahren oder schon dort sind. sorry, aber wie blöd ist das denn? sie segeln in einer dreckbrühe um auf den olymp zu kommen...und nehmen dafür in kauf sich mit gefährlichen keimen zu infizieren. wieder in dt, müssen diese deppen aufwendig med. behandelt werden. diese behandlungen sollten von den sportlern selbst bezahlt werden und nicht über die allgemeinheit abgerechnet werden. dummheit und erfolgsgeilheit muss irgendwie bestraft werden. kein wunder das sich solche ganoven wie bach an der ioc-spitze behaupten und halten können. auf der einen seite stehen die durch und durch korrupten weltsportverbände...angeführt vom ioc und auf der anderen seite stehen die sportler die nicht begreifen das genau sie die dinge in den händen halten. aber sie lassen sich lieber von einer mafiosen bande alter männer, für ein taschengeld, vorführen. stellt euch vor es ist olympia und kein sportler geht hin und dann stellt euch noch vor wie diese korrupte sportfunktionärsbande in rio alleine auf der tribüne sitzt. bach neben putin...
iphonno 01.08.2016
5. Olympia geht den Bach runter...
Unter dem Vorsitz eines deutschen versagt das IOC wieder einmal auf ganzer Linie. Egal ob Doping, Menschenrechte oder Umweltschutz- die positive Kraft und Macht, die eine friedliche und nachhaltige Olympia-Sportveranstaltung haben könnte, wird erneut opportunistischen, persönlichen und wirtschaftlichen Zielen geopfert. Ich schäme mich dafür. Können nicht wenigstens die Sponsoren Druck machen? Herr Bach- sind Geld und Macht wirklich der einzige Werte, denen Sie folgen?
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