Nach Ausschluss der Leichtathleten Gesamtes russisches Olympia-Team soll auf den Prüfstand

War der Ausschluss der russischen Leichtathleten von den Spielen in Rio erst der Anfang? Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE stehen beim Olympiagipfel in Lausanne noch weitergehende Maßnahmen zur Debatte.

Russisches Olympia-Team (2008 in Peking)
DPA

Russisches Olympia-Team (2008 in Peking)


Es wäre die nächste historische Entscheidung: Nach dem Ausschluss der russischen Leichtathleten von den Olympischen Sommerspielen in Rio könnte es noch weitere russische Sportverbände oder gar das gesamte russischen NOK treffen.

Bei einer Telefonkonferenz hat das Exekutivkomitee des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) am Sonnabend den Beschluss des Councils des Weltverbandes der Leichtathleten (IAAF) vollumfänglich begrüßt, die Sperre des dopingverseuchten russischen Verbandes aufrecht zu erhalten.

Wann geht es weiter?

  • Für den 21. Juni hat IOC-Präsident Thomas Bach zum so genannten Olympic Summit nach Lausanne geladen. Teilnehmer dieses Meetings erklärten SPIEGEL ONLINE, im Mittelpunkt des Olympiagipfels werde, so ihre Erwartung, die Frage stehen, ob das russische NOK komplett oder zumindest weitere Sportarten auszuschließen seien. Die Agenda legt allerdings der IOC-Präsident fest, der sich, davon gehen die hohen Sportfunktionäre aus, zuvor mit Russlands Präsident Wladimir Putin beraten wird. Bach und Putin sind sich geradezu freundschaftlich verbunden. Putin hat 2013 die Inthronisierung Bachs im IOC unterstützt und am Freitag den IAAF-Bann Russlands scharf kritisiert.

Welche Funktionäre verhandeln über weitere Maßnahmen?

  • Der Olympic Summit in Lausanne hat keinerlei Beschlussrecht und wird im IOC-Grundgesetz, der Olympischen Charta, nicht einmal erwähnt. Bach hat diese Treffen im Herbst 2013 nach seiner Amtsübernahme eingeführt und legt die bislang wechselnde Teilnehmerschaft selbst fest. Neben einigen Top-Vertretern des IOC, etwa die vier Vizepräsidenten sowie die Athletensprecherin Claudia Bokel (Deutschland), sind stets auch die Präsidenten der Vereinigungen aller Nationalen Olympischen Komitees (NOK) und der Dachorganisationen der olympischen Sportverbände dabei, also beispielsweise Bachs Wahlhelfer Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah aus Kuwait.
  • Stammgäste sind zudem die NOK-Präsidenten aus den USA (Larry Probst) und aus Russland (Alexander Schukow). Beide sind IOC-Mitglieder. Da die Mitwirkung des russischen NOK am staatlich orchestrierten Doping hinreichend belegt ist, steht Schukow, NOK-Präsident von Wladimir Putins Gnaden, besonders unter Druck. Das von Schukow geführte NOK brandmarkte russische Whistleblower wie das Ehepaar Stepanow, dem das wohl größte Verdienst bei der Aufklärung des Staatsdopingsystems zukommt , als Vaterlandsverräter. Schukow ist Präsidiumsmitglied in Putins Partei Vereinigtes Russland und stellvertretender Vorsitzender der Duma. Er wurde 2010 nach dem desaströsen Abschneiden Russlands bei den Winterspielen in Vancouver installiert - vier Jahre später belegte Russland Rang eins der Nationenwertung bei den Heimspielen in Sotschi.

Wie lauten die Vorwürfe?

  • Gemäß Aussagen des langjährigen Dopinglaborchefs Grigori Rodschenkow wurden 2014 in Sotschi unter Mitwirkung des Sportministeriums und des Geheimdienstes FSB zahlreiche Dopingproben ausgetauscht und manipuliert, darunter sollen sich fünfzehn gedopte russische Medaillengewinner befinden. Rodschenkow will auf Anordnung des Sportministeriums einst 1400 Dopingproben vernichtet haben. In einem jüngsten Berichts der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada werden zudem 736 verweigerte und anderweitig verhinderte Dopingtests bei russischen Sportlern allein zwischen Februar und Mai 2016 aufgeführt.

Wer ist mit den Ermittlungen befasst?

  • Die spektakulären Manipulationen, die weit über das Dopingsystem in der Leichtathletik hinausreichen und dem Kerngeschäft des IOC, den Olympischen Spielen, schweren Schaden zufügen, stehen im Mittelpunkt der Arbeit des kanadischen Jura-Professors und Anwaltes Richard McLaren aus London/Ontario. McLaren ermittelt im Auftrag der Wada, die selbst schwer unter Druck geraten ist, und will seinen Bericht am 15. Juli vorlegen. Auf Antrag der IAAF-Taskforce hat er vorab einige Informationen zur Verfügung gestellt und bestätigt, dass auf Anordnung des russischen Sportministeriums während der Leichtathletik-WM 2013 in Moskau Dopingproben manipuliert und positive Tests vernichtet wurden.

Warum sollte das bei den vielen anderen Weltmeisterschaften der vergangenen Jahre in Russland anders gewesen sein? Russland hat seit 2010, seit dem Amtsantritt des NOK-Präsidenten Schukow nicht nur die Winterspiele, die Paralympics und die Weltstudentenspiele (Universiade) ausgetragen, sondern 18 Weltmeisterschaften in vierzehn olympischen Sportarten, darunter Schwimmen und Leichtathletik. Alles steht unter akutem Manipulationsverdacht. Wada-Sonderermittler McLaren wird auf diese Sportarten und die Rolle der nationalen und internationalen Verbände eingehen müssen.

IOC-Präsident Bach weiß um die Gefahren des McLaren-Berichts. Der Kanadier legt sein Papier zunächst dem schwer in Erklärungsnot geratenen Wada-Präsidenten und IOC-Vize Craig Reedie vor. Ob der Brite, der gemäß eines enthüllten Email-Austausches mit dem russischen Sportministerium kollaborierte, es wagt, in dieser einzigartigen Situation den McLaren-Report zu schönen? Ob McLaren eine Manipulation hinnehmen würde?

Mit Rodschenkow hat McLaren bereits im vergangenen Jahr viele Stunden gesprochen und von dem Russen vorgebrachte Belege studiert. McLaren gehörte damals neben seinem Landsmann und IOC-Doyen Richard Pound und dem deutschen Kriminalisten Gunter Younger der Wada-Taskforce an, deren erschütternder Bericht das Staatsdoping belegte und im November 2015 zur Sperre des russischen Leichtathletikverbandes führte. "Dieser Bericht", sagte McLaren damals, "wird den Sport grundlegend verändern." Er sagte aber auch: Die Leichtathletik ist nicht die einzige Sportart, "die das Problem des orchestrierten Dopings hat" - und Russland nicht das einzige Land. Derzeit äußert sich McLaren nicht.

Müssen auch andere Länder zittern?

  • Auf dem Olympic Summit in Lausanne wird es nicht nur um Russland gehen. Neben Russland hat die Wada derzeit Spanien, Mexiko und Kenia für "non-compliant" erklärt, also nicht konform mit dem Welt-Anti-Doping-Regelwerk. Polen steht auf der Watch-List unter besonderer Beobachtung, weitere neun Nationen waren in letzter Zeit non-compliant, wurden aber von der Wada inzwischen wieder akzeptiert: Belgien, Griechenland, Olympiagastgeber Brasilien, Frankreich, Israel, Argentinien, die Ukraine, Andorra und Bolivien.

Gemäß Olympischer Charta wäre das IOC in der Lage, all jene NOK nicht zu Olympischen Spielen zuzulassen, die gegen den Wada-Code verstoßen. Auch den olympischen Sportverbänden, in Rio stehen 28 im Programm, kann das IOC die Zulassung entziehen. Mit einem Dutzend dieser 28 Föderationen, die teilweise keine Dopingkontrollsysteme etabliert hatten und denen andere schwere Mängel bescheinigt wurden, hat die Wada in den vergangenen Monaten bilateral verhandelt.

Bislang wurde nur eines dieser Verhandlungsprotokolle öffentlich, das mit dem Boxverband AIBA. Betroffen sein sollen aber auch Taekwondo, Ringen, Judo und die neben der Leichtathletik zweite große olympische Kernsportart: Schwimmen.

Neue Enthüllungen darüber sind garantiert.

insgesamt 305 Beiträge
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Seite 1
ungebetener_gast 18.06.2016
1. Es sollten noch viel mehr Verbände rausfliegen
Und ARD und ZDF schnellstens die Übertragungsrechte zurückgeben als dem korrupten IOC Geld in den Hintern zu blasen.
rkinfo 18.06.2016
2. Olympia auf 2017 verschieben
Kurz vor Beginn der Spiele nun eine Sportart einer Nation oder Mehrere zu sperren ist kritisch für Glaubwürdigkeit. Bei überzogen Sperren wird der ganze olympische Gedanke angegriffen.
jkrose 18.06.2016
3. Wozu das Getue ?
Wozu die Aufregung und das Getue ? Alle Sportnationen, alle Sportfunktionäre, alle Sportler neigen der Manipulation zu. Sie alle tun verbotene Dinge so lang sie sich sicher vor Entdeckung glauben. Lasst sie in ihrem Sumpf doch weiter spielen, sich aufspielen und wichtig fühlen. Kein real denkender Mensch glaubt mehr an ehrlich erbrachte Leistungen. Nur Narren tun das noch.
Sprühregen 18.06.2016
4. kritisch für die Glaubwürdigkeit ist vor allem
daß der Russe an sich dopt und der Rest der Welt ungedopt sportelt... Zwiedenk ist inzwischen scheinbar Staatsräson. Selbstverständlich besteht keinerlei Zusammenhang zum kriegslüsternen Nato-Kurs gegen Rußland, der orwellsch verkauft wird. Fragt sich, welcher Nato-Staat zuerst ein Friedensministerium einrichtet.
bissig 18.06.2016
5.
Lassen wir den FSB mal aussen vor. Mich würde mal interessieren, wieviele Dopingtests bei den anderen Nationen nicht zustande kamen. Mehr als 700 in 4 Monaten hört sich viel an - aber bei wieviel Sportlern. Man sollte bei einem verweigerten Dopingtest eine lebenslange Sperre vorsehen. Ganz einfach. Dumm nur, wenn dann keiner mehr bei den olympischen Spielen teilnehmen darf.
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