Kritik an Ranglisten Warum Medaillenspiegel fragwürdig sind

Was sagen Rankings über den Erfolg bei Olympischen Spielen? Nicht viel. Vier Kritikpunkte und Ideen für einen alternativen Medaillenspiegel.

Beachvolleyballer Julius Brink und Jonas Reckermann (2012)
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Beachvolleyballer Julius Brink und Jonas Reckermann (2012)

Ein Gastbeitrag von


Zum Autor
  • Danyel Reiche ist Professor für vergleichende Politikwissenschaft an der Amerikanischen Universität Beirut (AUB) im Libanon, Gast-Wissenschaftler an der Harvard Universität und Autor des Buches "Success and Failure of Countries at the Olympic Games".

Wann ist man bei den Olympischen Spielen erfolgreich? Die Antwort auf diese Frage sollen seit langer Zeit Medaillenrankings geben, dabei zeigt sich die ganze Absurdität dieses Ansatzes allein schon beim Vergleich zwischen den USA und China. Obwohl beide Nationen unterschiedlich viele (Gold-) Medaillen gewonnen hatten, riefen sie sich nach den Sommerspielen in Peking 2008 jeweils zum Sieger aus. Das könnte sich in Rio gut wiederholen. Warum?

Wichtigste Kennziffer in US-Medien ist, welches Land die meisten Medaillen gewonnen hat. Dies waren 2008 die USA (110 im Vergleich zu 100 von China). Im Rest der Welt (auch in deutschen Medien) ist die Anzahl der Goldmedaillen entscheidend. Die Chinesen holten 2008 deutlich mehr goldene als die USA (51 statt 36). Silber und Bronze wird nach dieser Zählweise nur herangezogen, wenn zwei Länder die gleiche Anzahl an Goldmedaillen gewonnen haben.

Auch für Deutschland haben die unterschiedlichen Medaillenrankings Auswirkungen. So belegte die Bundesrepublik in London 2012 mit 44 gewonnenen Medaillen in US-Medien den fünften Platz in der Gesamtwertung, lag im Rest der Welt aber hinter Südkorea auf Platz sechs. Die Südkoreaner hatten nur 28 Medaillen gewonnen, aber zwei Goldmedaillen mehr als Deutschland (13 statt elf). Die „"New York Times"“ hat einen Kompromissvorschlag unterbreitet, in dem Medaillen eine unterschiedliche Anzahl an Punkten gegeben wird (vier Punkte für Gold, zwei für Silber, einen für Bronze).

Ein komplett anderes Bild ergäbe sich bei alternativen Rankings, die beispielsweise die Zahl gewonnener Goldmedaillen in Relation zur Bevölkerung und zum Bruttosozialprodukt setzen. Hier heißen die führenden olympischen Nationen nicht China, USA, oder Russland, sondern Grenada, Jamaika und Bahamas (Gold pro Einwohner) beziehungsweise Grenada, Jamaika und Nordkorea (Gold nach Wirtschaftsleistung).

Erfolg ist also vor allem eine Frage der Zählweise. Unabhängig davon, welche Methode als Bezugspunkt dient, haben alle Rankings aber eine große Gemeinsamkeit: Sie sind fragwürdig.

Vier Kritikpunkte seien hier genannt:

  • Medaillenrankings bevorzugen Einzel- gegenüber Mannschaftssportarten. Allein der US-amerikanische Schwimmer Michael Phelps hat 22 Medaillen bei den drei vergangenen Sommerspielen für sein Land gewonnen. Im gleichen Zeitraum konnten insgesamt 54 Frauen, die in Athen 2004, Peking 2008 und London 2012 bei den olympischen Fußballturnieren erfolgreich für die USA spielten, nur drei Goldmedaillen gewinnen.
  • Medaillenrankings berücksichtigen nie die Popularität eines Sports. So dürfte es den meisten Mexikanern wenig ausmachen, dass ihr Land in London 2012 nur auf Platz 48 im Goldmedaillen-Ranking lag - das Land hatte im Nationalsport Fußball die Goldmedaille im Endspiel gegen Brasilien gewonnen. Auch in Deutschland dürfte man sich über Handball- oder Fußball-Gold mehr freuen als über die hierzulande obligatorischen Medaillen in der Nischensportart Kanu. Das Pendant zu Kanu in Deutschland ist in China Frauen-Gewichtheben, das komplett vom bevölkerungsreichsten Land der Erde dominiert wird, ohne dass es sich dort um einen Massensport handelt.
  • Medaillenrankings diskriminieren all jene Staaten, die gar keine Medaillen gewinnen. Und dabei handelt es sich um die Mehrzahl aller teilnehmenden Nationen, in London 120 (von insgesamt 204). Dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Libanon, der in London 2012 im Sport Taekwondo mit einer Athletin ins Viertelfinale vorstieß, und Bolivien, dessen Athleten allesamt in der ersten Runde ausschieden, spiegelt sich in Medaillenrankings nicht wider. Staaten ohne Medaillen gelten allesamt als gescheitert, ohne Differenzierung.
  • Und schließlich haben Medaillenrankings nur den Output (Gold, Silber, und Bronze) im Blick, aber nicht den Prozess, der zum entsprechenden Ergebnis führte. So führt Russland noch immer das Medaillenranking von Sotschi 2014 an. Dabei bezweifelt niemand (außer den Russen selbst), dass dieses Ranking bei den Winterspielen nur deshalb zustande kam, weil in dem Land flächendeckend gedopt wurde.

Manche mögen geneigt sein, die Veröffentlichung von Medaillenrankings auch aus diesen Gründen grundsätzlich abzulehnen. Interessant wäre es, auch einen neuen Ansatz zu entwickeln. Einen, der nicht alleine auf Medaillen beruht, sondern etwa die besten Acht berücksichtigt. Mannschafts- müssten höher gewichtet werden als Individualsportarten, und die weltweite Popularität der Sportart sollte ebenso eine Rolle spielen wie Strafpunkte. Im Fall von Doping könnten Abzüge in der Medaillenwertung mehr Wirkung als die umstrittenen Sanktionen des IOC gegenüber Russland haben.



insgesamt 90 Beiträge
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ak-73 05.08.2016
1. Karl Marx wäre erfreut
Wenn Medallienspiegel nationalisitisch sind, dann sind ihre Ideen marxistisch. Heute schon die Internationale angestimmt?
NaljiaSkal 05.08.2016
2.
Schöne Idee, wird leider nie passieren. Autokratische Regime wie in Russland oder China werden sich den Sport als nationale Stärke-Demonstration niemand nehmen lassen. Und ich bin nicht mal sicher obs dafür im Westen eine Mehrheit gibt.
Räuber Hotzenplotz 05.08.2016
3. Medaillenspiegel gewichten!
Geiwchten kann man nach Einwohnerzahl und/oder Wirtschaftskraft, also eine Art Handicap wie beim Golf
BSC 05.08.2016
4. Medaillenspiegel
Man muss nicht gleich die Länderwertung abschaffen und die Nationen dazu, man kann ganz einfach sagen, egal auf welchem Platz wir stehen im Ranking, unsere Sportler haben jahrelang dafür trainiert und gute Leistung gebracht. Wenn ein Deutscher z. B. im 100 Meter Lauf der Männer ins Finale käme (Reus), dann wäre das eine Sensation, egal, ob er dann im Finale nur Achter wird. Leider sind es doch meist die Journalisten, bzw. Medien a la Bild, die jeden Tag Medaillen zählen und dann bewerten, ob wir gut oder schlecht waren.
M62 05.08.2016
5. Als nächstes...
schaffen wir dann auch die FußballNATIONALmannschaft ab, oder was?
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