+++ Finale Luftgewehrschießen +++ Niccolo Campriani holt Gold

Was machen die denn da? Bei Olympia kann man schräge Sportarten beobachten. Im Liveblog von SPIEGEL ONLINE erfahren Sie täglich alles Wichtige über einen Exoten-Wettbewerb. Jetzt: Das Finale im Luftgewehrschießen.


Wir verlassen an dieser Stelle das Olympic Shooting Centre und machen bei unserem Streifzug durch die Spiele morgen Halt im Whitewater Stadium, wo es um die Medaillen im Kanu-Slalom der Männer geht. Auch das wird mit Sicherheit spannend. Wenn Sie Lust darauf haben, mit uns ins Wildwasser einzutauchen, sind wir ab 16.30 Uhr wieder live für Sie zur Stelle. Die Rundum-Olympia-Berichterstattung zu allen Disziplinen geht hier natürlich weiter. Für heute bedanke ich mich für das Interesse und die Aufmerksamkeit und wünsche noch einen schönen Abend!
Ich hoffe, Sie hatten ein bisschen Spaß an unserem kleinen Einblick in die Welt des Sportschießens. Vielleicht schauen Sie ja einfach mal im örtlichen Schützenverein vorbei. Dort gibt es gegebenenfalls auch launige nicht-olympische Disziplinen wie "Gockel-Schießen", "Jahreszahlschießen", "Lotto-Schießen", "Ostereierschießen", "Schweinshax'n-Schießen" oder den "Geselligkeits-Pokal". Das alles bietet zum Beispiel der Schützenverein Egg e.V. im Schützengau Memmingen an.
Das war dann also die fünfte von insgesamt 15 Medaillenentscheidungen im Schießsport bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro. Noch heute geht es bei den Männern um die Trap-Medaillen. Morgen sind dann die Frauen wieder dran und greifen zur Pistole. Bis zum kommenden Sonntag wird im Olympic Shooting Centre scharf geschossen.
Von links: Serhiy Kulish, Niccolo Campriani und Vladimir Maslennikov - aber das wissen Sie inzwischen natürlich. (Foto: DPA)
 
Tja, so ist das nun mal mit Horoskopen: Sie treffen zwar oft zu, nur leider selten auf denjenigen, für den sie gerade gedacht sind. Niccolo Campriani ist tatsächlich am 6. November geboren und damit Skorpion. Die sind scheinbar aber auch recht treffsicher, wenn es drauf ankommt.
Eine Sache hatte ich vorhin ganz vergessen, soll aber nicht unter den Tisch fallen. Das Tageshoroskop für alle Schützen für den 8. August 2016 (laut Astroportal.com) trifft wohl auf niemanden so genau zu wie auf Niccolo Campriani: "Sie starten schon in der Früh sehr motiviert und geistig konzentriert in den Tag. Andere könnten dabei nur neidisch werden."
Da ist das Ding! Niccolo Campriani strahlt bei der Siegerehrung mit seiner Goldmedaille um die Wette. (Foto: AP)
 
Freuen darf sich übrigens auch eine Schweizerin: Gaby Bühlmann, selbst von 1988 bis 2004 bei fünf Olympischen Spielen als Schützin am Start, ist die Trainerin des Gold-Jungen Niccolo Campriani. Warum mir das gerade jetzt einfällt? 2008 hatte Bühlmann schon Abhinav Bindra zum Olympiasieg gecoacht.
Ganz Indien leidet mit Volksheld Abhinav Bindra, der seinen Gold-Triumph von 2008 nicht wiederholen konnte. Wussten Sie übrigens, dass Bindra damals die erste Einzel-Gold-Medaille aller Zeiten für sein Land holte? Zuvor hatten nur die indischen Hockey-Herren als Team Olympiasiege eingefahren ...
 
 
In der Weltrangliste steht er "nur" auf Rang fünf, heute reicht es für einen Platz auf dem Treppchen. Pozdravlyayu, Vladimir! (Foto: DPA)
 
Der Russe Vladimir Maslennikov wird sich über Bronze vielleicht ein bisschen ärgern, wenn er an seinen Erfolg beim World Cup Mitte April hier in Rio zurückdenkt. Dabei kam er im Finale auf stolze 207 Ringe, die heute klar für den Sieg gereicht hätte. Unabhängig davon ist die Olympische Medaille bei seinen ersten Spielen der bislang größte Erfolg in der Karriere des 22-Jährigen.
 
Gold wäre schön gewesen, aber Silber ist besser als nichts ... Serhiy Kulish bedankt sich beim Publikum. Schön zu sehen: Die ritterrüstungsähnliche Schießkleidung, die dazu dient, den Körper zu stabilisieren und auf Spannung zu halten. (Foto: DPA)
 
Aber natürlich wollen wir nicht nur den Olympiasieger feiern, sondern auch die anderen Medaillengewinner loben und preisen, wie es sich gehört. Für Serhiy Kulish aus der Ukraine ist Silber in Rio der mit Abstand größte Erfolg der Karriere. 2012 in London reichte es für ihn mit dem Luftgewehr nur zum 18. Platz. Vielleicht ist das ja ein gutes Omen für Julian Justus, der heute auf Rang 18 landete, im Hinblick auf Tokio 2020 ...
Und noch ein "Fun Fact" zum Doppel-Olympiasieger aus Italien: Da es im Schießen in erster Linie um Konzentration und den Kampf gegen die eigene Nervosität geht, arbeiten viele Leistungsschützen mit Sportpsychologen zusammen. Im Fall von Campriani übernimmt diesen Job einer, der aus erster Hand weiß, wie man nicht über Ziel hinaus schießt: Der Amerikaner Edward Frederick "Ed" Etzel Jr. gewann 1984 in Los Angeles Gold im Kleinkaliber Dreistellungskampf und betreut nun Niccolo Campriani.
Dass er sein Handwerk sehr offensichtlich beherrscht, stellte Campriani in der Vergangenheit auch schon in Deutschland unter Beweis. 2010 gewann er mit dem Luftgewehr das World Cup Schießen in München.
Für Niccolo Campriani ist es die zweite Olympische Goldmedaille. 2012 in London hatte er schon den Kleinkaliber Dreistellungskampf 50 Meter gewonnen. In dieser Disziplin will er seinen Titel am kommenden Sonntag übrigens verteidigen. Mit dem Luftgewehr aus zehn Metern reichte es 2012 "nur" zu Silber.
Niccolo Campriani macht es deutlich besser und erschießt sich mit starken 21,3 Ringen zum Schluss mit Olympischem Finalrekord die Goldmedaille! Herzlichen Glückwunsch beziehungsweise Complimenti!
Im Kampf um Gold und Silber stehen sich der Italiener Niccolo Campriani und Serhiy Kulish aus der Ukraine gegenüber. Kulish kommt mit seinen letzten beiden Schüssen nur auf 20,2 Ringe. Das reicht für Silber ...
Bronze geht an Vladimir Maslennikov! In der Vorbereitung hatte der Russe noch das World Cup Schießen hier in Rio gewonnen. Jetzt muss er sich mit dem dritten Platz begnügen. Wie man in Russland sagt: Wohl nicht genug Zielwasser getrunken ...
"Ui, vorbei!" Anhinav Bindra sah schon mal glücklicher aus. (Foto: DPA)
 
Pech für Abhinav Bindra! Der Inder scheidet mit 163,8 Ringen als Vierter aus und muss sich mit Blech zufriedengeben. Damit reicht es für Bindra also nicht zum zweiten Gold nach Peking 2008.
Nur noch vier Schützen stehen bereit. Wer mitdenkt, merkt schnell: Jetzt geht es um die Medaillen.
Der Weltrekordhalter ist ausgeschieden: Peter Sidi aus Ungarn hat für heute zum letzten Mal nachgeladen. Insgesamt 142,7 Ringe nach 14 Schüssen bringen ihm den fünften Platz.
Noch mal kurz zurück zum Thema Doping: Der Deutsche Schützenbund hat Beta-Blocker mittlerweile unter bestimmten Bedingungen zugelassen. Schützinnen und Schützen im Alter von über 40 Jahren werden nicht automatisch als Dopingsünder eingestuft, wenn sie ein ärztliches Attest vorweisen, dass sie die Medikation benötigen. Die Volkskrankheit Bluthochdruck macht es möglich.
Inzwischen hat es auch den Weißrussen Illia Charheika erwischt. 121,6 Ringe nach zwölf Schüssen reichen nur zum sechsten Platz. "Da pabatshennya!" sagt man wohl auf weißrussisch. Auf Wiedersehen!
Auf Rang zwei liegt mit Vladimir Maslennikov ein Russe. Die International Shooting Sport Federation (ISSF) hat ihn also offensichtlich gründlich durchleuchtet und als sauberen Athleten eingestuft. Selbstverständlich ist das nicht, denn auch im Schießsport wird gedopt. Den prominentesten Dopingfall der vergangenen Jahre gab es bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking, als der Nordkoreaner Jong-Su Kim seine Silber- und Bronzemedaille (Luftpistole und Freie Pistole) zurückgeben musste, weil ihm blutdrucksenkende Beta-Blocker nachgewiesen worden waren.
Für Petar Gorsa gilt: Nach zehn Schuss ist Schluss! Der Kroate kommt auf insgesamt 101,0 Ringe und darf sein Gewehr deswegen beiseite stellen. 
Den besten Eindruck macht bislang Tsarkovs Landsmann Serhiy Kulish, der die Konkurrenz anführt. Niccolo Campriani kann bisher nicht an seine starke Leistung aus der Qualifikation anknüpfen und liegt in der Zwischenwertung auf dem vierten Platz.
Zuerst erwischt es den Ukrainer Oleh Tsarkov, der als Fünfter ins Finale eingezogen war, jetzt aber mit 79,7 Ringen aus acht Schüssen ausscheidet.
Der Kampf um die Medaillen gebinnt. Der Modus ist ein gnadenloser Verdrängungskampf. Nach den ersten acht Finalschüssen scheidet der Schlechteste aus, danach muss nach jeweils zwei weiteren Schüssen immer derjenige gehen, der die niedrigste Ringzahl erzielt, bis der beste Luftgewehrschütze ermittelt ist.
Das Aus von Julian Justus hat sich bis Malaysia rumgesprochen ...
 
Der Blick auf die besten Acht der Quali zeigt: Die beiden deutschen Starter Julian Justus (Rang 18 mit 622,8 Ringen) und der Deutsche Rekordhalter Michael Janker (Platz 29 mit 620,8 Ringen) haben das Finale leider verpasst. Kleiner Trost für Justus und Janker: Wenn sie beim Kampf um die Medaille gleich zuschauen, sind sie dabei in bester Gesellschaft. Aus der Top 10 der Weltrangliste haben mit dem Russen Vladimir Maslennikov und Serhiy Kulish aus der Ukraine nur zwei den Sprung ins Finale geschafft. Ausgeschieden sind dagegen unter anderem die favorisierten Chinesen Yifei Cao (Platz 9 / 625,5 Ringe) und Haoran Yang (Platz 31 / 620,5 Ringe).
 
Den aktuellen Weltrekord hält der Ungar Peter Sidi, der im Mai 2014 beim World Cup in München 633,5 Ringe schoss. In der heutigen Qualifikation kam Sidi auf 625,9 Ringe und zog damit als Sechster ins Finale ein. Die besten acht Schützen kämpfen gleich um die Medaillen.
Ganz so genau zielte der Italiener Niccolo Campriani nicht, trotzdem durfte er sich mit 630,2 Ringen über einen neuen Olympischen Rekord freuen. Natürlich reichte dieser Wert auch, um die Qualifikation zu gewinnen. Dementsprechend geht Campriani nachher als Favorit ins Finale. (Foto: AFP)
 
In der Olympischen Disziplin feuern die Schützen Projektile (sogenannte Diabolos) von 4,5 mm Größe über eine Distanz von zehn Metern auf eine Scheibe mit zehn Ringen. Der Ringabstand beträgt jeweils 2,5 mm, die 10 in der Mitte hat einen Durchmesser von gerade mal 0,5 mm. Die Messung ist mittlerweile so genau, dass jeder Ring noch mal in Zehntel unterteilt ist. Der ideale Schuss genau in die Mitte bringt 10,9 Ringe. Schießen ist also eine der wenigen Olympischen Sportarten, in der eine objektive und absolute Bestmarke möglich wäre. Bei den insgesamt 60 Schüssen in der Qualifikation wären bei 60 Volltreffern maximal 654,0 Ringe drin gewesen.
Gewicht (5,5 kg) und Größe des Arbeitsgeräts sind natürlich vom Weltverband ISSF reguliert. Insgesamt sind siebzehn Maße vorgegeben, die man hier nachlesen kann (Quelle: ISSF).
 
Von Vorteil beim Luftgewehrschießen: Eine brauchbare Waffe und eine ruhige Hand. (Quelle: AP)
 
Aber um Schießpulver soll es heute nicht gehen. Denn das Luftgewehr, mit dem wir uns in den kommenden zwei Stunden beschäftigen, zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass es beim Schuss nicht zum Verbrennen einer Treibladung kommt. Stattdessen wird das Projektil mit Druckluft beziehungsweise Gas in Richtung Ziel befördert.
Am beliebtesten ist der Schießsport in Bayern, wo 465.524 Schützinnen und Schützen in 4.624 der insgesamt 14.456 bundesweit eingetragenen Vereine organisiert zu Gewehr und Pistole greifen (Quelle: DSB / Stand: 2015). Wer es gerne selbst mal versuchen und Schießpulver schnuppern möchte, findet hier mit ziemlicher Sicherheit einen Verein ganz in der Nähe.
Beginnen möchte ich gleich mit einer Richtigstellung: Den Schießsport in Deutschland als "exotisch" zu bezeichnen, geht deutlich am Ziel vorbei. Denn tatsächlich ist der Deutsche Schützenbund (DSB) mit 1.356.900 Mitgliedern der viertgrößte Verband innerhalb des DOSB - nach dem DFB (6,89 Millionen), dem Deutschen Turnerbund (4,97 Millionen) und dem Deutschen Tennisbund (1,41 Millionen). Schießen ist also ein absoluter Breitensport (Stand: 2015).
Hallo und herzlich Willkommen zu einem Bonus-Angebot der SPON-Live-Berichterstattung von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. Zusätzlich zum umfassenden Liveticker, in dem alle Disziplinen und Entscheidungen abgedeckt werden, beschäftigen wir uns in den kommenden zwei Wochen etwas genauer mit Sportarten, die sonst - vollkommen zu Unrecht - knapp unterhalb des Radars der öffentlichen Wahrnehmung laufen. An zehn Tagen, jeweils von Montag bis Freitag, stellen wir einen dieser "Exoten-Wettbewerbe" vor, die eigentlich gar nicht so exotisch sind. Den Auftakt macht heute das Luftgewehrschießen. Ab 17 Uhr fällt im Olympic Shooting Centre die Entscheidung über Gold, Silber und Bronze. Viel Spaß und ein dreifaches GUT SCHUSS - GUT SCHUSS - GUT SCHUSS!


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