Gold für deutsche Ruderer Vier gewinnt

Der deutsche Doppelvierer hatte Probleme, schaffte es nur knapp ins Finale - und holte doch den Olympiasieg. Dabei stand Schlagmann Hans Gruhne kurz vor dem Burn-out.

DPA

Aus Rio de Janeiro berichtet


Als die Ruderer des deutschen Doppelvierers im Ziel angekommen waren, durchlebten sie Augenblicke der Ungewissheit. Sie hatten den Finallauf auf der Lagoa Rodrigo de Freitas in Rio de Janeiro von Beginn an dominiert wie es ihr Plan gewesen war. Sie wussten ja, dass sie das sprintstärkste Team im entscheidenden Lauf waren. Doch je näher sie dem Ziel gekommen waren, desto kleiner wurde ihr Vorsprung auf die Konkurrenz. Das australische Boot näherte sich in hohem Tempo, beim Einlauf ins Ziel sah es fast so aus, als würden Deutschland und Australien gleichauf liegen. Wer hatte also gewonnen?

"Wir wussten nicht, ob wir auf Platz eins oder Platz zwei waren und mussten erst mal auf die Anzeigetafel gucken", sagte Schlagmann Hans Gruhne, als er nach dem Rennen mit seinen Kollegen Philipp Wende, Lauritz Schoof und Karl Schulze den langen Marsch durch die Interviewzone absolvierte. Sie waren bester Laune, immer wieder schoben sich Gratulanten ins Bild, immer wieder Abklatschten, Schulterklopfen, Umarmungen. Um den Hals trugen die Ruderer die Goldmedaille. Sie hatten den Vorsprung tatsächlich ins Ziel gebracht, mit etwas mehr als einer Sekunde, sie hatten tatsächlich gewonnen.

Damit verteidigte der deutsche Doppelvierer seinen Olympiasieg von 2012 - damals noch in leicht anderer Besetzung - erfolgreich. Eine Selbstverständlichkeit war der Triumph von Rio allerdings nicht. "Dass es so gut läuft, konnte man nicht ahnen. Wir sind davon ausgegangen, dass die Australier das Ding machen", gestand Schlagmann Gruhne. "Eine Medaille war realistisch, Gold ein Traum", sagte Wende.

"Wir sind ein unglaubliches Rennen gefahren"

Der Weg zum Olympiasieg war holprig für den Doppelvierer. Im Vorlauf war das Team auf dem dritten Platz gelandet und hatte den direkten Finaleinzug überraschend verpasst. Erst über die Hoffnungsrunde erlangte das deutsche Boot die Zulassung für den entscheidenden Lauf. Gruhne und seine Kollegen fanden also gerade rechtzeitig zur Top-Form. "Wir sind ein unglaubliches Rennen gefahren", sagte der deutsche Schlagmann. Er hatte Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden, um den Triumph einzuordnen. Immer wieder stockte er. Zu überrascht war er offenkundig vom Erfolg seines Teams.

Dass der 28 Jahre alte Gruhne vom Ruder-Club Potsdam bei den Spielen in Rio überhaupt dabei ist als Schlagmann des Doppelvierers, dass er sogar Gold holt, ist das glückliche Ende einer Geschichte, die vom Hinfallen und Wiederaufstehen handelt. Beim Olympiasieg in London war er noch nicht an Bord. Bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr auf dem Lac d'Aiguebelette im französischen Savoyen verhalf er dem deutschen Doppelvierer als Schlagmann zum Titel.

Doch bald danach ging nichts mehr für Gruhne. Er stand vor dem Burn-out, übertrainiert, wie er sagte. "Da hat alles mit reingespielt. Ich habe mich nicht gut gefühlt, vom Körper her und vom Kopf", berichtete er später einmal. Es sah aus, als würde der Doppelvierer in Rio de Janeiro ohne ihn starten und stattdessen wieder mit Tim Grohmann, dem Schlagmann vom Olympiasieg in London.

Panik beim deutschen Ruderverband

Doch es lief nicht gut zu Beginn des Jahres für das deutsche Boot. Bei der Heim-EM reichte es nur zum vierten Platz, beim Weltcup in Luzern wurde das Team Fünfter. Im Deutschen Ruderverband machte sich Panik breit mit Blick auf die Spiele in Rio. Zur gleichen Zeit kämpfte sich Gruhne zurück, näherte sich wieder seiner Bestform.

Im Juni, beim Weltcup-Finale im polnischen Posen, tauschte Trainer Alexander Schmidt den Schlagmann aus. Grohmann raus, Gruhne wieder rein. Für die bessere Chemie im Team, so die Begründung. Einige Vertreter der Ruderszene hatten eher den Eindruck, als habe der Verband dringend nach einem Sündenbock für das Leistungstief gesucht. Viel vorzuwerfen hatte sich Grohmann nicht.

Doch im Sport ist der Gewinner im Recht. In Rio machte sich die Entscheidung für Gruhne bezahlt. "Dieses Jahr war ein unglaubliches Auf und Ab, für dieses Boot und für mich", sagte Gruhne.

Ein Auf und Ab mit dem unerwarteten Olympiasieg als Höhepunkt.



insgesamt 3 Beiträge
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koelsch_jrundjesetz 11.08.2016
1. Bank!
Auf die Ruderinnen und Ruderer kann man sich wenigstens noch verlassen. Starke Typen und ganz starker Sport!
dachristoph 11.08.2016
2. Gott sei Dank
Herzlichen Glückwunsch an die Doppelvierer. Nach dem enttäuschenden Abschneiden der Kanuten, haben wenigtens die Ruderer Leistung gebracht. Das hätte heute DER Tag für die deutsche Olympiamannschaft werden können. So ist es immer noch ein hervorragender Tag.
nikolasvegas 11.08.2016
3. an alle Analphabeten und Nicht-Ruderer
Deutsch ist eine schöne Sprache, die man nicht verhunzen sollte (siehe Kommentar n°2). Rudern ist ein wunderbarer Sport, extrem trainingsintensiv, nicht zu vergleichen mit irgendeinem anderen Sport, außer Triathlon (drei Sportarten, eine Disziplin). Kanuten fahren idR noch nicht einmal auf der richtigen Flußseite. Ein gut trainierter Kanut ist, technisch bedingt, noch nicht einmal halb so schnell wie ein Ruderer. Und gedopt wird auch nicht. Die Leistung des M-Doppelvierers heute weiß wohl kaum Jemand zu schätzen. Auf zum Bogenschießen also...
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