Russland droht das Olympia-Aus Jetzt helfen nur noch Tricksereien

Die Olympischen Spiele finden ohne russische Leichtathleten statt. Noch härtere Sanktionen fordern 14 nationale Anti-Doping-Agenturen. Doch es sieht nach einem Kompromiss zwischen IOC und Russland aus.

Russische Auswahl bei den Europaspielen 2015 in Baku
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Russische Auswahl bei den Europaspielen 2015 in Baku


Der Internationale Sportgerichtshof Cas hat die Einsprüche von 68 russischen Leichtathleten und des russischen Nationalen Olympischen Komitees (ROK) gegen die vom Leichtathletik-Weltverband IAAF ausgesprochenen Olympiasperren zurückgewiesen. Die Cas-Kammer bestätigte das Vorgehen der IAAF auf ganzer Linie.

Der Cas hatte bereits im Januar die Klage des bulgarischen Gewichtheberverbands gegen seinen Ausschluss von den Spielen abgewiesen und die Entscheidungsbefugnis des Gewichtheber-Weltverbands IWF bestätigt. Beide Beschlüsse des Cas sind im Zusammenhang zu betrachten. Zumal die IWF seit Juni ebenfalls den russischen Verband suspendieren will, weil bei den Nachuntersuchungen der eingefrorenen Dopingproben der Olympischen Spiele 2008 in Peking und 2012 in London schon drei Russen als Doper enttarnt wurden. Das IOC verhindert aber bislang die Durchsetzung des IWF-Beschlusses.

Die olympischen Zulassungsregeln werden in Kapitel 5.II der Olympischen Charta festgehalten. Entscheidend ist in diesen Fällen der Artikel 40. Aber auch gemäß Artikel 43 könnte das Exekutivkomitee des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) das russische NOK problemlos suspendieren. Denn Russland wurde bereits im November 2015 von der Wada als nicht regelkonform zum Welt-Anti-Doping-Code Wadc eingestuft.

Regel 44 wäre ebenfalls leicht anzuwenden, in dieser Regel ist festgeschrieben, dass die Olympischen Spiele eine Einladungsveranstaltung sind. Das IOC kann diese Einladung jederzeit zurücknehmen oder Zulassungen entziehen und muss dabei, so steht es in der Charta, nicht einmal Gründe nennen. Es gibt keinen Rechtsanspruch auf die Olympiateilnahme, heißt es dort. Das IOC-Exekutivkomitee könnte sich auf weitere Artikel berufen und das ROK beispielsweise wegen politischer Einflussnahme durch die russische Regierung und Präsident Wladimir Putin oder wegen der Mitwirkung von ROK-Offiziellen am staatlich orchestrierten Dopingsystem sperren. Das alles ist hinreichend belegt.

14 Anti-Doping-Agenturen fordern "härtestmögliche Sanktionen"

Die Organisation der olympischen Wettkämpfe obliegt gemäß Charta ohnehin den jeweiligen Fachverbänden, in Rio de Janeiro sind das 28 Weltverbände. Der Cas unterstrich nun, dass das Vorgehen der IAAF in der Russland-Frage durch das olympische Grundgesetz gedeckt ist. Das ROK war wie 68 russische Leichtathleten ebenfalls gegen die IAAF vor das Sportgericht gezogen und erhielt eine deutliche Abfuhr. Das ROK habe kein Recht, russische Leichtathleten für die Sommerspiele zu nominieren, die gemäß IAAF-Regeln nicht zugelassen sind. Einzig die Nominierung von der in den USA trainierenden Weitspringerin Darja Klischina ist deshalb rechtens, weil die Weitspringerin als einzige Russin die IAAF-Zulassungsregeln erfüllt.

Eine Urteilsbegründung soll zeitnah nachgereicht werden, teilte der Cas mit. Die drei Richter - der Italiener Luigi Fumagalli, der Brite James Robert Reid und der US-Amerikaner Jeffrey G. Benz - gingen zunächst nur in einem Absatz auf die Rolle des IOC ein und unterstrichen letztlich dessen Entscheidungsbefugnis. Am Dienstag hatte das IOC-Exekutivkomitee eine Reihe von provisorischen Maßnahmen verabschiedet, ein endgültiges Urteil über die russische Olympiateilnahme aber verschoben. Damit wird frühestens am Wochenende gerechnet.

Inzwischen haben 14 nationale Anti-Doping-Agenturen von allen fünf Kontinenten, darunter die deutsche (Nada), in einem fünfseitigen Brief an IOC-Präsident Thomas Bach jene "härtestmöglichen Sanktionen" gefordert, die die olympische Charta vorsieht und die Bach mehrfach versprochen hat.

Die Agenturen fordern darin die sofortige Suspendierung des ROK und dessen Ausschluss von den Rio-Spielen. Provisorisch soll allen russischen Athleten die Teilnahme verweigert werden. Eine Taskforce soll, offenbar nach ähnlichen Kriterien wie die IAAF, die gerade vom Cas bestätigt wurden, über die mögliche Zulassung einzelner russischer Sportler unter neutraler Fahne entscheiden. Alles andere als diese drei Entscheidungen wären keine "härtestmöglichen Sanktionen", schreiben die Dopingfahnder. Das russische Staatsdopingprogramm und die Korrumpierung der Olympischen Spiele seien belegt. Weiter heißt es: "Wir fordern Sie und das IOC-Exekutivkomitee auf, diese Maßnahmen unverzüglich zu ergreifen."

Die Verzögerungs- und Verschleierungstaktik der IOC-Führung um Präsident Bach wird durch weitere intransparente Prozesse deutlich: So sind die Disziplinarmaßnahmen zu den positiven Dopingproben der olympischen Nachtests von Peking (2008) und London (2012) immer noch nicht abgeschlossen. Im Mai hatte das IOC 31 Fälle in sechs Sportarten und zwölf Nationen für Peking sowie 23 Fälle in fünf Sportarten und sechs Nationen für London gemeldet - Russland liegt auch hier an der Spitze der Statistik.

IOC-Funktionäre verlangen Informationen

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE soll den Weltverbänden inzwischen eine weit größere Zahl positiver Proben dieser Nachtests mitgeteilt worden sein. Allein in einer dieser Sportarten geht es um zwei Dutzend Fälle, sodass die Gesamtzahl im dreistelligen Bereich liegen könnte. Namen wurden bislang nicht bekannt.

Öffentliche Erklärungen vermeidet das IOC. Möglicherweise auch, um die historische Krisensituation nicht noch mehr zu belasten. Ein weiteres Problem: Über die versprochenen Nachtests der 2014 bei den Winterspielen in Sotschi eingefrorenen Dopingproben ist nichts bekannt. Verbandspräsidenten und IOC-Funktionäre verlangen verzweifelt nach Informationen, werden aber hingehalten.

In Lausanne treffen sich am Donnerstag die 28 Sommersportverbände zu einem Krisengipfel. Einige Föderationen (Tischtennis, Turnen, Judo, Schwimmen, Ringen) haben angekündigt, russische Athleten zulassen zu wollen. Im jüngsten Wada-Bericht des Chefermittlers Richard McLaren ist die Vernichtung von 643 positiven Dopingtests und weiteren mehr als 8.000 Proben in Russland dokumentiert - alles nur Mindestangaben aus den vergangenen vier Jahren. Doch sogar betroffene Weltverbände wie die Ringer halten dennoch zu den Russen.

Vieles deutet weiter darauf hin, dass keinesfalls die "härtestmöglichen Sanktionen" ergriffen werden, sondern zwischen IOC-Präsident Bach, Russlands Präsident Putin und zahlreichen Weltverbänden, die Russland nahestehen, ein fauler Kompromiss geschlossen wird: Das russische NOK wird nicht gesperrt, aber es nehmen auch nicht die bislang knapp 400 gemeldeten Sportler teil, sondern ein um die Leichtathleten und wenige andere Sportarten (eventuell Gewichtheben) dezimiertes Team.

Was das für die Atmosphäre unter den Sportlern bei den Spielen in Rio bedeuten würde, ist kaum auszudenken.

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whitewisent 21.07.2016
1.
Warum wird man da das Gefühl nicht los, daß dies alles politisch motiviert ist, und nicht wirklich um den Sport oder Fairness geht? Es gab staatlich unterstütztes Doping in Russland, das ist bewiesen. Aber ab warum ist nur solches Doping verpönt? Das Problem ist doch, das des Doping überführte Sportler grundsätzlich zu sperren sind. Wenn man aber die Teilnehmerliste von Wettbewerben anschaut, so sind viele Sportler nach 2 Jahren wieder dabei. Geht also keinesfalls um so erhebliche Verstöße. Das Problem ist hier doch, daß selbst eindeutig dopingfreie überprüfte Sportler von den Spielen ausgeschlossen werden sollen, obwohl sie alle Vorgaben erfüllt haben. Das ist eine Sanktion, die niemand ohne eigenes Verschulden verdient. Ansonsten ist die Listen schier endlos: USA, China, Jamaika, Bahamas, Kenia, Äthiopien, Weißrussland, Frankreich, Italien - kein Land hat einen wirklich sauberen Sport. Und wie der Fall Pechstein zeigt, sollte sich auch Deutschland aktuell nicht so aus dem Fenster beugen, da muss man gar nicht über Baumanns Zahnpasta nachdenken, und wer damals hier verantwortlich war.
mulli3105 21.07.2016
2. Wenn
Es denn diesen "faulen Kompromiss" geben sollte, kann man die Olympiade auch gleich absagen - ein ziemlich großer Teil der Zuschauer werden sich mit Grausen abwenden. Und was eine auch nur teilweise Zulassung von russ. Sportlern für die übrigen anwesenden Athleten bedeuten würde, kann man sich an fünf Fingern abzählen.
ralph.lobenstein 21.07.2016
3. Olympia?
Ehrlich gesagt: wen interessiert die Olympiade denn überhaupt noch? Das Thema ist doch schon vor 10 Jahren gestorben. Ob nun irgendein (vermutlich gedopter Jamaikaner) beim 100 m Lauf statt 9.89 vielleicht 9.88 Sek läuft oder nicht ist komplett uninteressant. Die menschlichen Leistungsgrenzen sind mittlerweile in fast jeder Sportart erreicht.
CommonSense2006 21.07.2016
4.
Darf ich hier zum Boykott aufrufen? Falls nicht, kann ich aber sagen, dass ich,wenn das IOC nicht entsprechen reagiert, die Spiele sowohl im Fernshen als auch in der Presse komplett verweisgern werde, allenfalls sehe ich noch mal, welche Sponsoren dabei sind, damit ich deren Produkte dann auch nicht mehr kaufe.
dosmundos 21.07.2016
5. Traurig, traurig...
Dass tatsächlich ein deutscher Sportfunktionär der endgültige Henker der olympischen Idee werden würde.
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