Tennis bei Olympia Bis beide heulen

Ein Tennismatch mit Fußball-Atmosphäre: Juan Martín del Potro hat den Weltranglistenersten Novak Djokovic aus dem olympischen Turnier geworfen. Doch die eigentliche Sensation spielte sich auf den Rängen ab.

Novak Djokovic (links) und Juan Martin del Potro
REUTERS

Novak Djokovic (links) und Juan Martin del Potro

Aus Rio de Janeiro berichten und


Als alles vorbei war, ließen beide Sportler ihren Gefühlen freien Lauf. Zwei Stunden und 27 Minuten hatten sich der Tennis-Weltranglistenerste Novak Djokovic und der Argentinier Juan Martín del Potro auf dem Centercourt in Rio de Janeiro gefordert, hatten sich von von einer Ecke des Platzes in die andere gescheucht, teilweise grandiose Ballwechsel gespielt - doch es konnte eben nur einen Sieger geben. Und der hieß am Ende Juan Martín del Potro.

6:7 (4:7), 6:7 (2:7) endete die Partie aus Sicht von Djokovic - und das Ergebnis zeigt, wie eng und mitreißend die Partie gewesen war. "Es war einer meiner größten Siege. Ich habe versucht, meine Vorhand so hart wie möglich zu schlagen. Es war eine großartige Nacht, ich bin einfach nur glücklich", sagte del Potro nach der Partie vor 10.000 begeisterten Fans. Der 27-Jährige ist für Djokovic so etwas wie ein Olympia-Schreck: Vor vier Jahren in London standen sich beide im Duell um Bronze gegenüber, auch damals gewann der Argentinier.

So richtig viele Vorwürfe konnte sich Djokovic in Rio gar nicht machen. Ihm unterliefen etwas mehr Fehler als man es von ihm gewohnt ist, vor allem aber stand auf der anderen Seite des Netzes jemand, der meist die richtige Antwort und an diesem Abend tatsächlich die besseren Schläge parat hatte. "Der Turm von Tandil", wie der 1,98 Meter große Argentinier genannt wird, zeigte über die gesamte Match-Dauer, dass er eigentlich in die allerobersten Ränge der Weltrangliste gehört und nicht auf Platz 145, wo er derzeit steht.

Ohne Hektik im ungeheuren Winkel

Seine höchste Platzierung auf Rang vier im Jahr 2010 spiegelt schon eher sein Potenzial wider. Doch Del Potro war in der Vergangenheit immer wieder von Verletzungen geplagt, alleine mit seinen Handgelenken hatte er schon dreimal zu kämpfen. Sein 97 Kilogramm schwerer Körper scheint nicht gemacht für das moderne Tennis, das bestimmt wird von Leichtgewichten wie Djokovic.

Aber diesmal dominierte del Potro, vor allem mit seiner Vorhand. Wo andere Spieler ihren ganzen Körper in die Schläge legen, um Kraft zu generieren, wirkt del Potro manchmal, als schlage er in Zeitlupe. Ohne Hektik zieht der Argentinier durch und beschleunigt den Ball mit seinen ungeheuren Winkeln so, dass selbst der beste Defensivspieler der Welt sich nicht zu verteidigen wusste.

Djokovic wagte sich für seine Verhältnisse ungewöhnlich oft ans Netz, doch wenn del Potro dies überrascht haben sollte, ließ er es sich nicht anmerken. Mit viel Finesse konterte er die Angriffe des Serben. Djokovic gingen im Verlauf des Matches die Ideen aus, zudem fielen mehrere knappe Entscheidungen gegen ihn aus. Immer wieder blickte er ratlos zu seinem Trainer Boris Becker, der ihm aber auch nicht helfen konnte. Als Djokovic dann im zweiten Satz doch mal eine Challenge gewann, nachdem er zuvor mehrmals nur Millimeter danebengelegen hatte, riss er die Arme in die Höhe. Galgenhumor ist, wenn man trotzdem lacht.

Sprechchöre und tiefe Verbeugungen

Überhaupt, die Stimmung: Die war bei der Abendpartie auf der Anlage des Olympiageländes in Barra beeindruckend. Tausende Argentinier unterstützten ihren Helden mit Sprechchören und Anfeuerungsrufen. Mit vornehmer Tennis-Etikette hielten sich die Südamerikaner nicht lange auf, das Spektakel auf den Rängen glich eher der Stimmung bei den Australian Open - inklusive Hohn und Spott: Immer wieder war auch das von der Fußball-WM bekannte "Brasil, decime qué se siente" ("Brasilien, sag' mir, wie es sich anfühlt") zu hören, mit dem die Argentinier ihren Nachbarn verhöhnen.

Die Brasilianer hatten an diesem Abend ihrerseits beschlossen, sich auf die Seite des Weltranglistenersten zu stellen. Der Geräuschpegel steigerte sich im Laufe der Partie und fand seinen Höhepunkt, als Djokovic sich kurz vor dem Ende noch einmal aufbäumen konnte, einen Matchball abwehrte und immerhin den Tiebreak erzwang. Für den Serben, der die Herzen der Zuschauer in den vergangenen Jahren nur mühsam erobern konnte, sicherlich eine angenehme Erfahrung.

Novak Djokovic
Getty Images

Novak Djokovic

"Er war der bessere Spieler"

Es fühlte sich an, wie in einer Fußballarena: Wenn einer der teilweise spektakulär verlaufenen Ballwechsel einen Sieger fand, brandete Jubel auf, der bei Djokovic trotz des "Heimvorteils" nur geringfügig lauter war. Beide Spieler genossen die Atmosphäre sichtlich, mehrfach animierten sie das Publikum oder bedankten sich. Als die "Djoker"-Fans sich nach einem grandiosen Winner des Serbens vor ihm verbeugten, wartete der Argentinier geduldig. Und als die "del Potro"-Sprechchöre einmal besonders laut wurden, applaudierte Djokovic sogar mit.

Emotional wurde es auch am Ende: Djokovic und del Potro umarmten sich lange am Netz, danach mussten beide heulen. Doch während del Potro einige Zeit auf dem Platz blieb, und sich bei den Fans mit Tennisbällen bedankte, die er trotz der kräftezehrenden Partie immer noch mit erstaunlicher Energie bis in die Oberränge prügelte, verschwand Djokovic mit bitteren Tränen im Gesicht rasch in den Katakomben.

"Das war eine der bittersten Niederlagen meiner Karriere. Ich bin traurig und enttäuscht, denn Olympische Spiele sind immer etwas Besonderes", sagte Djokovic, der in diesem Jahr auch schon beim Grand-Slam-Turnier in Wimbledon früh gescheitert war, nach der Partie. Für seinen Kontrahenten hatte er indes nur lobende Worte: "Er war der bessere Spieler." Auch, wenn das so wahrscheinlich nur die Hälfte des Publikums sah.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
jackohnereacher 08.08.2016
1. Es wird Zeit für
Herrn Djokovic den Trainer zu wechseln.
voroe 08.08.2016
2. Den...
...Trainer wechseln? Das ist doch rechter Käse. Becker hat keinen unerheblichen Anteil daran ,dass Djokovic in der Weltrangliste auf Platz eins steht...
der-stratege 08.08.2016
3. Mit Becker hatte er die beste Saison 2015
und dieses Jahr den French-Open-Titel. Am Trainer liegts bestimmt nicht, die Regenerationszeiten werden einfach länger, er war schon in Rom+London kraftlos und hätte vielleicht toronto auslassen sollen.
zack34 08.08.2016
4. @ 2
Zitat von voroe...Trainer wechseln? Das ist doch rechter Käse. Becker hat keinen unerheblichen Anteil daran ,dass Djokovic in der Weltrangliste auf Platz eins steht...
Sie meinen wohl, dass er noch auf Platz eins steht... Denn dort war er auch vor BB-Engagement.
ntown67 08.08.2016
5.
Toller Sieg von del Potro. Hoffentlich bleibt er jetzt einmal eine längere Zeit gesund!
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