Lesbisches Hockeypaar Verheiratet mit der Spielführerin - na und?

Helen und Kate Richardson-Walsh sind das erste homosexuelle, verheiratete Paar in der olympischen Geschichte. Im Hockey wollen sie Gold holen - ausgerechnet in Rio, wo es regelmäßig zu Gewalt gegen Schwule, Lesben und Transgender kommt.

Kate Richardson-Walsh (l.) feiert mit ihrem Team
AFP

Kate Richardson-Walsh (l.) feiert mit ihrem Team

Aus Rio de Janeiro berichtet


Kate Richardson-Walsh ist auf dem Hockeyfeld nicht zu übersehen. Lautstark gibt die Spielführerin der britischen Mannschaft Anweisungen. Als Verteidigerin hat sie einen guten Überblick auf das Geschehen vor ihr. Und was die 36-jährige Rekordnationalspielerin sagt, hat Gewicht.

Eine der 15 Teamkolleginnen ist Helen Richardson. Die Angreiferin mit der Rückennummer acht ist Kates Ehefrau. Vor drei Jahren gaben sich die beiden, die sich seit Teenagertagen kennen, das Jawort und sind nun das erste homosexuelle, verheiratete Paar in der Geschichte der Olympischen Spiele.

"Wir wollen nicht in die Welt hinausschreien, dass wir ein verheiratetes Paar sind, sondern schlichtweg zeigen, dass es etwas ganz Normales ist", sagt Kate. Helen nennt es "eine bewusste Entscheidung". Sie habe die Erfahrung gemacht, dass die Leute anders reagieren, wenn sie offen mit ihrer Homosexualität umgeht. Dann heiße es oft: "Warum macht man da überhaupt ein solch großes Ding draus?"

Wenn man hingegen versuchen würde, die sexuellen Präferenzen für dasselbe Geschlecht zu verschweigen, könne dies als eine Art des Verheimlichens angesehen werden. "Es freut uns, wenn sich Menschen bei uns melden und sagen, dass unsere offene Art ihnen geholfen hat, sich mit ihrer eigenen Homosexualität zu befassen oder gegenüber ihren Eltern zu öffnen. Das ist gewaltig", so die 34-Jährige.

Kate Richardson-Walsh, links
Getty Images

Kate Richardson-Walsh, links

2000 traten beide in Sydney erstmals für Großbritannien bei Olympischen Spielen an - als Kate Walsh und Helen Richardson. Kate war einst mit Brett Garrard verlobt, dem ehemaligen Spielführer der britischen Männermannschaft. 2008 trennten sie sich, und seitdem ist Helen auch privat an ihrer Seite. Vor vier Jahren gewannen sie bei den Heimspielen in London zusammen Bronze, bei der Hochzeit 2013 war die gesamte Nationalmannschaft dabei.

Auf dem Platz spielt ihre Ehe keine Rolle

"Wir haben Spielerinnen mit verschiedenen Werdegängen, aus allen möglichen Regionen des Landes. Die einen mögen dies, die anderen das. Und genauso ist es auch mit der sexuellen Orientierung. Es zeigt einfach, dass Vielfältigkeit normal ist", betont Helen. Und auf dem Hockeyfeld sei das Privatleben ohnehin zweitrangig. Dort sind sie nicht Ehefrau und Ehefrau, sondern schlichtweg Kate und Helen - und wollen in Rio Gold gewinnen. Ein Sieg fehlt noch zum Endspieleinzug. Der Gegner im Halbfinale (22 Uhr MESZ, Liveticker SPIEGEL ONLINE) heißt Neuseeland.

Viele ihrer Teamkolleginnen sind mit Hockey-Männern oder anderen Athleten zusammen. Da sie sehr auf ihre Ernährung sowie genügend Schlaf und Zeit zur Regeneration achten müsse, helfe es, das die Ehepartnerin ebenfalls eine professionelle Sportlerin ist, sagt Kate. Sie und Helen sind zwei von mindestens 44 homosexuellen Athleten in Rio, darunter auch die deutschen Leichtathletinnen Nadine Müller und Martina Strutz. Die Zahl ist fast doppelt so hoch wie noch vor vier Jahren in London. Sie starten in einem Land, das zwar in São Paulo die weltweit größte Homosexuellenparade abhält und in dem die gleichgeschlechtliche Ehe seit 2013 gesetzlich verankert ist. Dennoch gibt es jede Menge Gewalt gegen Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender, kurz LGBT.

Rio ist ein gefährlicher Ort für Homosexuelle

In Rio, sagt Erico Santos, der Vorsitzende des brasilianischen LGBT-Verbandes, seien im Vorjahr rund 400 Menschen mit anderen sexuellen Präferenzen ermordet worden. 300 davon waren Transsexuelle. "Warum kann die Stadt nichts für sie tun, ihnen einen Platz anbieten?", fragt er erbost. Viele Menschen würden denken, Rio sei eine tolle Stadt, aber für LGBTs ist es ein gefährlicher Ort. Es herrsche starke Homophobie, sagt Santos SPIEGEL ONLINE.

Zusammen mit Jeferson Sousa leitet der 34-Jährige das Pride House, die Anlaufstelle für LGBTs bei diesen Sommerspielen. Seit Vancouver 2010 gibt es bei Olympia derartige Treffpunkte. In Rio ist es ein Haus im Stadtzentrum, in dem für gewöhnlich rund 20 Transsexuelle wohnen. Mit einem kleinen Budget von 7000 Dollar haben Santos und Sousa hier mit privaten Mitteln Großes geschaffen. Es gibt zahlreiche Angebote, von Konferenzen, über Sport bis hin zum Relaxen. "LGBT's haben generell Angst, auch davor, Sport zu treiben oder nach Rio zu kommen. Wir wollen ihnen sagen: Ihr seid nicht allein. Kommt zu uns, teilt eure Erfahrungen", sagt Sousa.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat vor einigen Jahren eine Anti-Diskriminierungs-Klausel in den Vertrag für Gastgeberstädte von Sommer- und Winterspielen aufgenommen. Sie basiert auf Grundsatz sechs der olympischen Charta, der jegliche Diskriminierung verbietet. Das klingt gut. Doch als Santos und Sousa sich an das IOC wandten, um einen Ort für ihre Anlaufstelle zu finden, bekamen sie keine Antwort. Auch nicht von der Stadt oder dem Staat.



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