Olympiasieger in Rio Er war Jung und brauchte das Gold

Lange musste Deutschland auf die erste Goldmedaille in Rio warten. Dann kam Vielseitigkeitsreiter Michael Jung und ritt mit Sam allen davon - obwohl dem Wallach das Gras in Rio nicht schmeckt.

REUTERS

Von , Rio de Janeiro


Als Michael Jung aus dem Pressezelt neben dem olympischen Reitstadion ins Freie trat, strahlte er schon wieder diese Aura eines tief in sich ruhenden Mannes aus. Der Vielseitigkeitsreiter aus dem schwäbischen Horb ist derart im Reinen mit sich und der Welt, dass er zwischen Mannschaftsentscheidung und Einzel-Finale ausführlich über die eigene Gemütslage und die seines Pferdes sprechen konnte - als sei der Wettbewerb mit der frisch ergatterten Silbermedaille beendet. Dabei stand das eigentliche Highlight für ihn noch bevor, nur zwei Stunden später.

Den Einzelwettbewerb hatte er vor vier Jahren in London schon gewonnen. Nun gelang ihm in Rio de Janeiro mit seinem Wallach Sam die Titelverteidigung. Mit geballter linker Faust feierte er seine zweite Medaille an diesem Tag.

Mit einem fehlerfreien Ritt im abschließenden Springen hatte Jung den Franzosen Astier Nicolas und den Amerikaner Phillip Dutton abgehängt. "Man darf ruhig das Wort 'historisch' benutzen. Für ihn gehen die Superlative aus", jubelte Sportchef Dennis Peiler. Gefasster kommentierte der Chef de Mission Michael Vesper Deutschlands Auftakt im Medaillenspiegel: "Die Reiter haben wieder mal geliefert. Wie vor vier Jahren schon."

Motivationsschub für alle

"Unser Land ist jetzt sicher sehr glücklich", sagte Jung. Es klang ein wenig unbeteiligt. Viel lieber als über nationale Befindlichkeiten redet er über seine Pferde. Mit Sam, seinem 16 Jahre alten Wallach, der nur als zweite Wahl mit nach Brasilien gekommen war, hatte er einen zähen Start in den Wettbewerb, zu Beginn leistete er sich in der Dressurprüfung einen ungewohnten Fehler. Der Ritt durch das Gelände war dann grandios.

Schon nach dem Team-Wettbewerb lobte Jung Sams "Kraft und Energie", entsprechend zuversichtlich ging er in die zweite Runde am Nachmittag. Die konzentrierte Gelassenheit von Reiter und Pferd beeindruckte auch die internationalen Beobachter. Dass Sam die Hitze und die anfängliche Nervosität so souverän überwunden hatte, müsse doch etwas mit der Persönlichkeit des Reiters zu tun haben, mutmaßte einer - und brachte Jung damit offenbar in Verlegenheit. Leicht verunsichert sagte er: "Das ist die einzige Art, wie es mit ihm geht. Er ist sehr empfindlich mit dem Publikum. Deshalb musst du ihm ein gutes Gefühl geben und keinen Druck machen."

Der unverhoffte Sprung mit dem Team von dem vierten auf den zweiten Platz hinter Frankreich gab auch den anderen deutschen Reitern einen erkennbaren Motivationsschub. Sandra Auffarth mit Opgun Louvo und Ingrid Klimke mit Hale Bob blieben ebenfalls fehlerfrei.

Am Donnerstag geht es nun zurück in die Heimat. Die Pferde steigen morgens in den Flieger, die Vielseitigkeitsreiter abends. Und Olympiasieger Jung weiß auch schon, wie er seinen Wallach glücklich machen kann: "Sam darf jetzt erst mal auf seine Koppel im Schwarzwald. Denn wie es aussieht, schmeckt ihm das Gras hier nicht so gut."



insgesamt 10 Beiträge
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Ursprung 10.08.2016
1. Team mit Manieren
Offenbar sieht der Reiter das ebenso: nicht "Deutschland" hat eine Medaille bekommen, sondern ein Tier/Mensch-Team. Der Reiter war nur hoeflich zu den Geldgebern der Flugtickets, hat neben einer Sportbegabung also auch Umgangsmanieren. Waeren man nur alle so, die mit dem gleichen Pass unterwegs sind....
odapiel 10.08.2016
2. Unglaublich schlechte Berichterstattung
Die TV-Berichterstattung zum Reiten ist, mit Verlaub, noch miserabler als zuvor aus London. Man bekommt nur noch nationalistisch angehauchte Fetzen der Wettkämpfe zu sehen. Davon einen gesamten Wettkampf konsekutiv verfolgen zu können, kann keine Rede mehr sein. Wird heute bei der Dressur genauso werden. Wozu also sollte man überhaupt noch zusehen, wenn alles was man zu sehen bekommt eine Bouillabaisse aus zig Sportarten, mit kurzen grade mal Sekunden langen Schnipseln des einen oder anderen deutschen Sportlers ist? Was soll das? Warum kann man die einzelnen Sportarten nicht an einzelne Sender vergeben, wo man dann wenigstens von den Vorprüfungen bis zu den Finals alle Sportler aller Länder zu sehen bekommt? Aber nein, stattdessen werden die Rechte an ein oder zwei Sender weitergereicht, die einem dann eine völlig unzulängliche Schnipselsosse servieren. Bäh, da vergeht mir der Appetit. Und wenns keiner wirklich guckt, hats dann überhaupt stattgefunden...?
desertmole 10.08.2016
3. Auf dem Siegertreppchen fehlten im die Worte,
oder wollte er einfach nicht mitsingen bei der Nationalhymne? Gute Manieren sollten dort nicht aufhören, wo viele es erwartet haben. Es war also kein Gold für Deutschland, sondern eher für den eigenen Ego.
micromiller 10.08.2016
4. Sehr sympathisch diese beiden
Medaillengewinner und ein großer Gewinn für die Freunde der Tiere, die als Gefährten mit uns leben.
darren1895 10.08.2016
5. @odapiel
auf der ZDF Homepage gibt es Livestreams bei denen man zwischen einzelnen Disziplinen wählen kann.
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