Angedrohter Olympia-Boykott der Eishockeyliga Russlands Druckmittel

Die russische Eishockeynationalmannschaft ist großer Olympia-Favorit, Wladimir Putin hat diese Goldmedaille fest eingeplant. Doch das Team könnte wegen Staatsdopings ausgeschlossen werden - die Russen reagieren knallhart.

REUTERS/ USA Today Sports

Die Frage, die die olympische Sportwelt derzeit wohl am meisten beschäftigt, ist die nach dem Umgang mit Russland. Die gehäuften Dopingfälle bei russischen Athleten in den vergangenen Jahren und die nachgewiesene Manipulation und Korruption bei Olympia 2014 in Sotschi hat viele Anti-Doping-Kämpfer dazu veranlasst, den Ausschluss des Landes für die Spiele in Südkorea (9. bis 25. Februar) zu fordern.

Laut einem Bericht der "New York Times" sind auch ein Verbot der russischen Hymne bei den Winterspielen in Pyeongchang denkbar oder ein Ausschluss der russischen Athleten von der Eröffnungsfeier.

Auf ihrer Exekutivsitzung vom 5. bis 7. Dezember will die Spitze des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) eine übergreifende Strafe gegen die Russen verhängen. Zuletzt wurden die Rufe nach einer umfassenden Bestrafung der Nation wieder lauter, als in der vergangenen Woche die Skilangläufer Alexander Legkow und Jewgeni Below vom IOC gesperrt worden waren. Auch sie sollen vom staatlich gelenkten Dopingprogramm 2014 in Sotschi profitiert haben.

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Russisches Eishockey: Der Traum von goldenen Zeiten

Die Reaktion aus Moskau kam schnell, und sie hat tatsächlich sportliche Sprengkraft: Es ist die Drohung der kontinentalen Eishockeyliga KHL, keine Spieler für die Olympischen Winterspiele abzustellen, sollte Russland ausgeschlossen werden oder die Athleten nur unter neutraler Flagge starten dürfen. "Das IOC ruiniert die existierende Weltordnung im Sport", begründet Ligachef Dmitrij Tschernitschenko die Überlegung.

Es wäre für das IOC tatsächlich ein schwerer Schlag. Das Eishockeyturnier, eigentlich ein Höhepunkt im Programm mit dem Finale als Schlusspunkt der Spiele, wäre damit endgültig sportlich wertlos. Denn bereits im April hatte die NHL beschlossen, ihre Saison zum ersten Mal seit 1998 nicht für Olympia zu unterbrechen. Für die USA gehen in Südkorea Collegespieler und Profis aus anderen Ligen an den Start. Die Stars bleiben weg.

Nach der NHL ist die KHL die zweitbeste Eishockeyliga der Welt, dort treten neben russischen Teams auch Mannschaften aus China, Finnland, Kasachstan, Lettland, der Slowakei und Weißrussland an. Ein Boykott würde auch andere Top-Nationen wie Kanada, Schweden oder Finnland vor Probleme stellen, die wegen der Absage der NHL vermehrt auf Spieler aus der KHL setzen.

Die Entscheidung der NHL hatte in der Eishockeywelt Unverständnis und Wut ausgelöst, lediglich in Russland waren die Reaktionen zurückhaltender. Zwar muss auch die Sbornaja auf Superstars wie Alexander Owetschkin (spielt in Washington) oder Jewgeni Malkin (Pittsburgh) verzichten, andere Hochbegabte wie Ilja Kowaltschuk oder Nikita Gusew (beide St. Petersburg) sind aber dabei. Russland, als einziges Top-Team halbwegs prominent besetzt, gilt als Favorit auf die Goldmedaille.

Die "Rote Maschine" dominiert schon lange nicht mehr

Nach der giert vor allem Wladimir Putin. Der Staatspräsident inszeniert sich seit einigen Jahren als eishockeyverrückt, geht bei Benefizspielen selbst aufs Eis, umgibt sich mit den Größen der Branche und jubelt auf der Tribüne mit. Und wie es der Zufall so will, steigt das Olympia-Finale drei Wochen vor der Präsidentschaftswahl. Was wäre eine bessere Wahlwerbung als schöne Bilder vom vermeintlich größten Eishockeyfan des Landes im Kreise seiner Goldjungs?

Den Olympiasieg hatte Putin bereits 2014 als nationale Aufgabe definiert. Doch die heimischen Spiele in Sotschi wurden zur Farce, statt als Team präsentierte sich die Sbornaja als ein Haufen Egoisten - und schied im Viertelfinale gegen Finnland aus. Kein Einzelfall: Die Zeiten, in denen die "Rote Maschine" das internationale Eishockey dominierte, sind lange vorbei. 22 WM- und acht Olympia-Titel holten die Sowjets seit 1956. Doch das bislang letzte Olympiagold gab es 1992 - als "Gemeinschaft unabhängiger Staaten", als eigenständiger Staat hat Russland noch nie gewonnen. Das soll sich im Februar eigentlich ändern, und Putin will der Präsident sein, der Russlands Eishockey-Seele ihren Stolz zurückgibt.

Dafür legt die KHL einen ganzen Monat Pause ein, zudem wurden abwanderungswillige Top-Spieler mit Millionenverträgen in der Liga gehalten, andere kamen aus Nordamerika zurück. Finanziert wird das über Staatsbetriebe oder Putin-treue Großindustrielle.

Putin und die Eishockey-Stars

Sein Engagement danken ihm die Stars der Szene. Vergangene Woche hat Alexander Owetschkin, der bereits die Annexion der Krim öffentlich bejubelte, per Instagram das "Putin-Team" gegründet, eine Art Wahlkampftruppe der Sportpromis. Dort zeigt er sich gern mit Putin, auch sein Profilbild zeigt ihn mit dem Präsidenten. "Sport und Politik sind in Russland untrennbar miteinander verbunden", schrieb der in den USA lebende russische Journalist Slava Malamud dazu und nannte Owetschkin einen "Kämpfer" in Putins "Informationskrieg".

In dem spielt auch KHL-Chef Tschernitschenko eine Rolle. Bevor das IOC im Dezember darüber entscheiden will, ob und unter welcher Flagge russische Athleten in Südkorea starten dürfen, baut er Druck auf. Er verstehe nicht, "warum das IOC auf Whistleblower und Kommissionen hört und Athleten sperrt, ohne Fakten darüber zu haben, dass Anti-Doping-Regeln gebrochen wurden." Also droht er mit dem Komplettboykott. Für den Weltverband IIHF, der Russland seit jeher nahesteht, wäre das eine Katastrophe. IIHF-Präsident René Fasel nannte Olympia ohne Russland auf insidethegames.biz eine "albtraumhafte" Aussicht, er "verstehe die Haltung von Präsident Putin".

Lachende Dritte könnten allerdings sonstige Außenseiter wie die Schweiz oder gar Deutschland sein. Ohne die Stars aus KHL und NHL haben die Mannschaften, die vor allem auf Spieler aus ihren eigenen Ligen setzen, plötzlich sogar Medaillenchancen.



insgesamt 42 Beiträge
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mghi 07.11.2017
1. Spiele der Jugend?
oder des Geldes, da muss das IOC mal eine Entscheidung treffen. Evtl. auch Spiele der Betrüger und des Geldes. Seit Sotschi habe ich mir im Fernsehen nichts mehr angeschaut, was mit Olympia zu tun hat. Mach ich halt Rückengymnastik!
claus7447 07.11.2017
2. ob dies ein Schlag ins Kontor ist?
Vielleicht bei einigen Einschaltquoten in diversen Ländern wie USA und Canada. Canada wird dabei sein - vor Ort - ich habe einige Jahre in S-Korea gearbeitet - mir ist nicht im Gedächtnis geblieben dass Eishockey ein Nationalsport ist. Aber wenn Olympia ehrlicher werden will und echten Sportlern (keinen Chemie-Sportlern wieder eine Chance geben will dann muss eben mal mit weniger Geld gehen. Ob das aber das IOC will (wie auch die FIFA) kann ich nicht glauben. Auch wenn ein Herr Bach dem vorsitzt. ich schau mir das auch nicht mehr an ... in der Zeitung kann ich es am nächsten Tag auch nachlesen.
schlüsselkind 07.11.2017
3.
Ich habe eine Weile gebraucht, um die Zusammenhänge zu verstehen - und bin immer noch nicht sicher, ob es mir gelungen ist. Warum "die Russen" -wie die Einleitung suggeriert- damit drohen können, aus der gesamten Kontinentalliga keine Spieler abzustellen, obwohl es sich ja offenbar nicht um die russische Liga, sondern eine Liga gleich mehrerer Staaten handelt, deren Interessen doch vermutlich nicht zwangsläufig mit denen der Russen im Einklang sind (welches Interesse soll Finnland haben, Russland zu unterstützen??), erschließt sich einfach nicht. Journalistisch finde ich das Thema daher hier denkbar schlecht aufgemacht. Die Zusammenhänge werden einfach sehr undeutlich und verworren zusammengeworfen, und der Leser im Regen stehen gelassen. Irgendwie macht man sich am Ende seinen Reim, dass Russland aufgrund der Macht seiner Funktionäre in der Kontinentalliga diese Liga offenbar praktisch allein kontrolliert. Aber erklärt wird das durch den Autoren leider nicht.
morkvamork 07.11.2017
4. Na und,
sollen die Russen doch aussteigen. Wenn die Nordamerikaner dann vor einem Problem stehen kann man diesen Sport (und andere gleich mit) ganz aus dem olympischen Wettbewerb nehmen.
frame 07.11.2017
5.
Olympia ist doch sowieso nur noch eine Show des Geldes! Guckt sie Euch doch an die Funktionäre, die die Bedingungen diktieren, unter denen die Spiele in den Ländern stattfinden „dürfen“! Es sind doch fast nur noch totalitäre Staaten, die sich produzieren wollen. Und die armen Athleten - die hecheln hinterher und werden von den Funktionären gepeitscht!
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