Olympia-Bewerber Boston Günstig, aber gut

Die US-Stadt Boston will die Olympischen Sommerspiele 2024. Der Gegner von Hamburg oder Berlin setzt auf ein ähnliches Konzept - zu einem kleinen Preis. Experten zweifeln an der Summe, trotzdem hat die Bewerbung wohl gute Chancen.

Von , Boston


Ein Motto für Bostons Bewerbung um die Olympischen Sommerspiele 2024 gibt es noch nicht. "Provinziell statt pompös", würde passen, sollte das veranschlagte Budget von 4,5 Milliarden Dollar tatsächlich ausreichen. Schließlich wurden in der Vergangenheit in Peking (40 Milliarden) oder Sotschi (50 Milliarden) ganz andere Summen verschlungen. "Warum und zu welchem Preis", könnte wiederum der Einwand der nicht zu überhörenden Olympia-Gegner sein.

Von den US-Kandidaten Los Angeles, San Francisco, Washington und Boston war die Hauptstadt von Massachusetts der einzige, der bereits im Vorfeld seine eigene Protestbewegung hatte. Dass sich das nationale Olympische Komitee USOC dennoch für Boston entschieden hat, zeugt entweder von Naivität oder aber nahezu grenzenlosem Optimismus. "Das Konzept war sehr fesselnd. Es steht im Einklang mit der langfristigen Vision der Stadt, stellt die Athleten in den Mittelpunkt und ist kosteneffektiv", sagte USOC-Präsident Larry Probst.

Die Bewerbung wurde von "Boston2024" vorangetrieben, einer Ansammlung namhafter lokaler Geschäftsleute. An der Spitze steht John Fish, ein Bau-Magnat. Fish hat die Region aufgefordert, "größer und mutiger zu denken". Eine Umfrage des "Boston Globe" hatte im Sommer jedoch ergeben, dass 47 Prozent der Bevölkerung für und 43 Prozent gegen Sommerspiele sind.

Experten rechnen mit weit höheren Kosten

Bürgermeister Marty Walsh hat versprochen, keine Steuergelder für den Sportstätten-Bau auszugegeben. Er weiß, dass seine "Bostonians" viele Fragen haben, vor allem, ob die anvisierten Kosten von 4,5 Milliarden Dollar auch eingehalten werden. Schließlich hält der anerkannte Wirtschafts-Professor Andrew Zimbalist vom Smith College die Summe für "albern." London habe zu Beginn vier Mrd. Dollar angegeben, hätte letztlich aber zwischen 15 und 20 Mrd. Dollar zahlen müssen. Diese Kosten seien normal, so Zimbalist. Ähnlich argumentiert "No Boston Olympics", deren größte Befürchtung ist, dass die Steuerzahler für mögliche Schulden aufkommen müssen. Walsh konterte und versprach, dass Boston nicht auf einer riesigen Rechnung sitzenbleiben werde.

Er verweist auf die bereits gebilligten 13 Milliarden Dollar für Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr. Dies seien zwar Steuergelder, aber Boston müsse unabhängig von den Spielen ohnehin sein Transport-System verbessern. "Unser Plan ist es, dies bis 2030 zu schaffen. Wenn wir die Spiele haben, werden wir bis 2024 fertig sein", so Walsh. Er kündigte einen "sehr offenen und transparenten Prozess" an, und betonte, dass man in die Stadtviertel gehen und jede Frage beantworten werde.

Fachleute räumen einer US-Bewerbung gute Chancen ein. Schließlich lägen die letzten amerikanischen Sommerspiele 2024 schon 28 Jahre zurück. Und der Fernsehsender NBC zahle dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) nicht Milliarden Dollar für die Übertragungsrechte, um ständig aus Asien oder Europa zu senden. Das IOC hat neue Richtlinien für künftige Olympia-Bewerbungen aufgestellt. "Agenda 2020" heißt die Formel. Anstelle Gigantismus zu fordern, will man die Nutzung vorhandener Sportstätten fördern, so Kosten senken und die Spiele machbarer gestalten.

Ein Olympiastadion fehlt noch

Boston wirbt mit "Kompaktheit und Nachhaltigkeit", kann bereits zahlreiche Stadien und Hallen vorweisen und profitiert dabei von den rund 100 Universitäten in der Metropolregion. "All diese Colleges haben einen Großteil der Anlagen, die wir brauchen. Und wenn sie sie nicht haben oder sie nicht mehr zeitgemäß sind, dann planen sie heute für die Zukunft, und nehmen Verbesserungen vor", sagt Fish.

Walsh spricht von "regionalen Spielen" - 28 der 33 Sportstätten sollen in einem zehn Kilometer-Radius vom Athleten-Dorf liegen. Dieses ist im Süden der Stadt geplant, in der Nähe der Universität von Massachusetts, Boston. Die 4200 Wohnungen könnten später den Studenten zur Verfügung gestellt werden, heißt es.

Was Boston fehlt, ist ein Olympia-Stadion. Fish regt eine "vorrübergehende, kosteneffiziente, einfache Arena" mit 60.000 Plätzen an. Nach den Spielen soll das Stadion abgerissen und an anderen Orten genutzt werden. Das etwa 80 Hektar große Areal, so Fish, sei dann jedoch "bedeutend aufgebessert" für weitere Planungen und erlaube es, einen Blick zu bekommen, wie Boston dort 2030 oder 2040 aussehen werde.

Fish schwärmt davon, dass man eine "phänomenale Geschichte" zu erzählen habe. Boston gilt als begeisterte Sportstadt, genießt global aber auch einen hervorragenden Ruf als Zentrum der Bildung, des Gesundheitswesens sowie der Technologie und Forschung. Die Welt, so Fish, schicke ihre Jugend nach Boston, um sie bilden zu lassen, ihre Kranken, damit sie geheilt werden. Die Welt entsende zudem ihre großen Köpfe nach Boston, um Neuerungen durchzuführen und Geschäftsleute, um zu investieren. "Warum schicken wir nicht auch die besten Athleten der Welt nach Boston, damit sie hier gegeneinander antreten können?"

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
billhall 10.01.2015
1.
Können wir hier in D. nicht einfach auf diesen korrupten Popanz mit dem Namen "Olympische Siele" komplett verzichten? Sollen doch anderen dem IOC das Geld nachwerfen, Ruinen bauen die nur für ein par Tage in Betrieb sind und sich im vermeintlichen Glanz der Spiele sonnen.
icke44 10.01.2015
2. @billhall
Nette Idee, nur profitieren zu viele Beteiligte von Olympia. Da die einzelnen Disziplinen ja eh ihre Weltmeister küren, würde der Leistungsvergleich der wirksamsten und unauffälligsten Präparate doch erhalten bleiben.
großwolke 10.01.2015
3.
Ich fänds ja gut, wenn die Olympischen Sommerspiele vom IOC selbst ausgerichtet werden würden. Die könnten sich irgendwo auf der Welt eine feste Sportstätte aussuchen (wieso eigentlich nicht in Olympia?) und die teilnehmenden Nationen zahlen Antrittsgelder für ihre Athleten. So hat der Ausrichter einen Anreiz, realistisch zu kalkulieren, die Teilnehmer haben relativ konstante, kalkulierbare Kosten und es tun sich nicht ständig Milliardenlöcher in den Budgets der Ausrichter-Städte und -Länder auf. Und abseits von Olympischen Spielen können die Sportstätten auch mal für Trainingslager, für verschiedene Weltmeisterschaften und dergleichen vermietet werden.
j2011 10.01.2015
4. Beautyful Boston
ich wäre dafür. Es ist eine sehr schöne Stadt, weltoffen und ganz anders als die überlaufenen Touristenattraktionen New York, SF und LA. Sie birgt bestimmt gute Möglichkeiten für die verschiedensten Sportarten. Nach meiner eigenen Heimatstadt hier in D liebe ich Boston am meisten und bin so oft dort wie möglich.
Andreas-Schindler 10.01.2015
5. Sollen die ruhig in den USA den Sport treiben
Ich kann auf den Sicherheitsblödsinn verzichten. Die Olympiade kann man eh besser im Fernsehen beobachten. Als 2006 bei der WM die US-Fußballer in Hamburg Untergebracht wurden war das ein Hotel direkt in der Hamburger Innenstadt an einer Einkaufsstraße. Da die Amis ja so gefährdet sind, wurde alles drum herum Abgeriegelt. Das US-Konsulat in Hamburg ist seit 2001 Abgeriegelt und die Hauptstraße davor zu einer Sackgasse verkommen. Wen die Amis solche Angst haben in anderen Ländern, sollen Sie zu Hause bleiben oder solche Veranstaltungen in die USA verlegen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.