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Vorläufiges Regelwerk für Olympia-Vergabe: 508 Seiten Prinzipien

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IOC-Präsident Bach: 1,7 Milliarden garantiert

IOC-Präsident Thomas Bach hat neben den Olympia-Kandidaten auch eine Version des neuen, in der Vergangenheit umstrittenen Ausrichtervertrags präsentiert. Das Regelwerk ist zwar deutlich geschrumpft - doch die Tücken liegen im Detail.

Das Olympia-Rennen ist gestartet: "Ab heute sind Budapest, Hamburg, Los Angeles, Paris und Rom Kandidatenstädte und befinden sich im Wettbewerb", sagte IOC-Präsident Thomas Bach auf einer Telefonkonferenz mit einer Hundertschaft Journalisten.

Nicht dabei ist Aserbaidschans Hauptstadt Baku, mit der das IOC ernsthafte Gespräche geführt hat und wo im Juni die ersten Europaspiele ausgetragen wurden. Baku bewarb sich bereits zweimal vergeblich um Olympia, wird nun pausieren und frühestens 2028 wieder antreten.

Parallel zu der Verkündung wurde auch das in den vergangenen Wochen unter Hochdruck in der IOC-Konzernzentrale in Lausanne ausgearbeitete neue Regelwerk für die Spiele 2024 vorgestellt. Die wichtigsten Dokumente liegen nun erstmals zu Beginn der Bewerbung vor, allen voran der stets umstrittene Ausrichtervertrag ("Host City Contract"), der aber nicht der endgültige sein wird, denn das IOC hat das Dokument bewusst mit "Prinzipien des Ausrichtervertrages" überschrieben.

1,7 Milliarden garantiert

Auf die Frage nach den aus seiner Sicht wichtigsten Änderungen fiel Bach zunächst nicht viel ein. Er sagte lediglich, dass der Olympiastadt 2024 jetzt bereits 1,7 Milliarden Dollar aus den weltweiten Vermarktungserlösen des IOC garantiert werden. Bevor IOC-Parteigänger in Jubelstürme ausbrechen: Das ist keine signifikante Steigerung gegenüber jenen 1,5 Milliarden, die das IOC für die kommenden Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro beisteuert.

Für die Bewerbung um die Winterspiele 2022, die Ende Juli an Peking vergeben wurden, hatte das IOC noch Forderungskataloge mit mehr als 7000 Seiten vorgelegt. Und das waren nur Winterspiele mit sieben Sportarten - gegenüber den 28 Sportarten und neuerdings zusätzlichen Disziplinen im Sommer. Dieses gewaltige Konvolut wurde nun auf "350 Seiten runtergebrochen", sagte Bach.

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Olympia-Bewerbung: Hamburgs Befürworter, Gegner und Konkurrenten
Die Tücken liegen im Detail, und darüber wird ab jetzt ausführlich debattiert werden in den Bewerberstädten und vor allem in Hamburg, wo Ende November das Referendum ansteht. Tatsächlich hat das IOC nicht nur 350, sondern 508 Seiten in vier neuen Dokumenten vorgelegt: die Prinzipien des Ausrichtervertrages (44 Seiten), den Fragebogen an Bewerber (137), die technischen Anforderungen (275) und den neuen Ablauf (52) des Prozesses bis zur Entscheidung auf der IOC-Session im September 2017 in Lima.

Komplexität lässt sich nicht auf 500 Seiten reduzieren

Ein fünftes Dokument, das vor zweieinhalb Monaten dazu auf der IOC-Webseite veröffentlicht wurde, ist längst überholt: Darin ist noch vom alten Fahrplan mit der Vorauswahl durch das IOC-Exekutivkomitee die Rede. Doch dieser Cut, aus den Anwärtern einige Finalisten auszusortieren, wurde gestrichen. Die Neuerungen teilte man Anfang August auf der Session in Kuala Lumpur mit.

Der krasse Außenseiter Hamburg wird also wie der große Favorit Paris, wie Geheimfavorit Rom, wie Außenseiter Los Angeles und wie das chancenlose Budapest zwei Jahre im Wettbewerb sein, sollten sich die Hamburger Bürger beim Referendum nicht dagegen aussprechen.

Doch ob nun 508 oder 7000 Seiten - die Größe der Pflichtenhefte hat doch eher etwas Symbolisches. Denn natürlich werden zwischen IOC und Bewerbern für jeden Punkt Millionen Details diskutiert. Eine derartige Komplexität lässt sich nicht auf 500 Seiten reduzieren.

Im IOC-Völkchen war bis vor Kurzem noch nicht flächendeckend bekannt, dass sich Hamburg bewirbt. So erzählte ein Mitglied kürzlich noch, es habe geglaubt, Hamburg bewerbe sich für Winterspiele. Mit derlei Missverständnissen haben die Weltmetropolen Paris, Rom und Los Angeles nicht zu kämpfen.

Doppel-Event aus Olympia und EM hat es noch nicht gegeben

IOC-Präsident Bach behauptete zudem erneut, Deutschland könne sowohl die Fußball-Europameisterschaft im Juni 2024 als auch einige Wochen später die Olympischen Sommerspiele austragen. "Niemand hat Zweifel daran, dass die Deutschen dazu in der Lage wären", sagte er.

Ein derartiges Doppel hat es aber noch nie gegeben. Olympia und Fußball-WM wurden im Abstand von zwei Jahren in Mexiko (1968, 1970), in Deutschland (1972, 1974) und in den USA (1994, 1996) ausgetragen. Brasilien richtet nach der WM 2014 im kommenden Jahr die Sommerspiele aus. Russland hatte 2014 die Winterspiele in Sotschi und bereitet sich jetzt auf die Fußball-WM 2018 vor.

Als sich vor einigen Jahren die Türkei um die Euro 2020 und die Sommerspiele 2020 bewerben wollte, haben sich sowohl der damalige IOC-Boss Jacques Rogge als auch Uefa-Präsident Michel Platini dagegengestemmt. Die Türken blieben bei der Olympiabewerbung und unterlagen gegen Madrid und Tokio.

Platini bastelte in seiner Not eine historisch einmalige paneuropäische EM-Endrunde in dreizehn Nationen mit dem Finale in London und auch einigen Spielen in München. Die Türkei wollte für 2024 wieder antreten. Man darf davon ausgehen, dass Thomas Bach mit Platini und DFB-Präsident Wolfgang Niersbach das Thema gründlicher bespricht, als er es in der Öffentlichkeit verkauft.

Denn diese Bewerbungen sind untrennbar mit den Entwicklungen in der Fifa verbunden. Platini will am 26. Februar 2016 Fifa-Präsident werden, mit Unterstützung von Niersbach, der dann Favorit auf den Posten des Uefa-Präsidenten wäre. Bach und Niersbach koalieren ebenfalls und haben schon einige Schlachten geschlagen. Transparenz wäre hier angebracht.

Von Transparenz sprach Bach am Mittwochmorgen oft, umschiffte allerdings lässig derlei pikante Details. Die Ethikregeln bei dieser Bewerbung seien übrigens sei streng, sagte er. Erstmals soll es ein Register für Berater und Lobbyisten geben. Statt bisher neun oder mehr teurer Präsentationen in aller Welt werden die Bewerber nur bei drei wichtigen IOC-Anlässen auftreten. Doch diese Shows vor dem Wahlvölkchen sind ohnehin nicht entscheidend.

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