Olympia-Bewerbung "Rechte Tasche, linke Tasche"

Die deutsche Olympia-Kampagne steht unter keinem guten Stern. Nach Leipzig droht nun auch Rostock im Sumpf von Filz und Vetternwirtschaft zu versinken.


Bürgerbewegung in Leipzig: "Jede andere Diskussion wäre jetzt Harakiri"
DDP

Bürgerbewegung in Leipzig: "Jede andere Diskussion wäre jetzt Harakiri"

Rostock - Wann immer er in diesen Tagen zu den Korruptionsvorwürfen im Zusammenhang mit der Leipziger Olympiabewerbung gefragt wird, zeigt sich Rostocks Oberbürgermeister solidarisch. "Natürlich geht das nicht spurlos an mit vorbei", klagte Arno Pöker (SPD) vor wenigen Tagen einem Radio-Reporter. Von Alternativen zur "Heldenstadt" der Wende will er jedoch nichts wissen: "Ich habe nie darüber nachgedacht, was gewesen wäre, wenn die Entscheidung im April anders ausgegangen wäre. Jede andere Diskussion wäre jetzt Harakiri."

In der Tat - aber nicht nur, weil im Hinblick auf die Krisensitzung des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) am Mittwoch in Frankfurt am Main Geschlossenheit angesagt ist, sondern auch, weil Pöker selbst im Verdacht steht, im Zusammenhang mit der Olympia-Bewerbung nicht immer sauber gearbeitet zu haben. Ein Umstand, der im Windschatten der Leipziger Skandale bislang nahezu unbemerkt blieb. Noch Anfang der Woche lobte NOK-Präsident Klaus Steinbach die Rostocker für ihre angeblich schnelle Regelung der Stasi-Affäre um den Vorsitzenden des "Olymp-Clubs" Harald Lochotzke. Doch die Verbindungen der Hansestadt-Olympioniken zu dem Projektentwickler und Stasi-Spitzel "Kay Birkhoff" waren und sind vielschichtiger als der OB glauben machen will.

Am vergangenen Montag enthüllte der SPIEGEL, wie der ehemalige Lochotzke-Unternehmenssprecher Marcus Scheffler zu einem mit 13.000 Euro monatlich dotierten Auftrag als Marketing-Beauftragter des städtischen Olympiabüros kam. Dessen Dienste standen, nachdem das örtliche Rechnungsprüfungsamt die Vergabe moniert hatte, der Stadt angeblich "kostenlos zur Verfügung" - weil die "Rostocker Wirtschaft" die Bewerbung "massiv unterstützt", wie Pöker angab. Eine gewagte Behauptung. Denn als Sponsor sprang ein Unternehmen ein, das zu 74,9 Prozent der Stadt und zu 25,1 Prozent dem Land Mecklenburg-Vorpommern gehört: die Hafen-Entwicklungsgesellschaft Rostock (HERO). Vorsitzender des Aufsichtsrats: Arno Pöker.

Arno Pöker: Rostocker Stadtchef in Bedrängnis
DDP

Arno Pöker: Rostocker Stadtchef in Bedrängnis

Rechte Tasche, linke Tasche - das war offenbar auch das Motto für die Anmietung der Räumlichkeiten, in denen das städtische Olympiabüro untergebracht ist. Die kosten stattliche 5000 Euro Miete, inklusive Nebenkosten und Mehrwertsteuer. Alleiniger Sponsor der teuren Amtsstuben in der Grubenstraße 27 ist die HERO, räumte der Pressesprecher der Hansestadt, Ulrich Kunze, ein, nachdem er mit Recherchen von SPIEGEL ONLINE konfrontiert worden war.

Ein Deal, den Pöker bislang nach Kräften zu verschleiern versucht hatte. Eine Kleine Anfrage der Bürgerschaftsabgeordneten Sybille Bachmann (Rostocker Bund), die wissen wollte, in welcher Höhe die HERO Mietzahlungen für das Olympia Büro unterstütze, beantwortete der OB Ende August mit der nebulösen Formulierung, Sponsorentätigkeiten stünden "in einem unmittelbaren wirtschaftlichen Zusammenhang mit den Interessen des Unternehmens" und seien "Teil der Firmenpolitik". Die "Entscheidung darüber" obliege "dem Geschäftsführer". Als Bachmann nachhakte und Pöker im Stadtparlament, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des HERO-Aufsichtsrates, "persönlich" fragte, "in welcher Form" ein "Sponsoring der HERO für das Olympia-Büro" erfolge, konterte der OB barsch: "Auf persönliche Fragen antworte ich nicht."

Prüfauftrag der Bürgerschaft läuft

Ob dies mit der Tatsache zusammenhängt, dass die Immobilie der "Harald Lochotzke Projektentwicklung GmbH" gehört, steht dahin. Sicher ist: Im frisch renovierten Rathaus-Anbau standen und stehen Räume leer. Doch Pöker beharrte auf Lochotzke als Vermieter - weil "städtische Räumlichkeiten in vergleichbar repräsentativer Qualität nicht vorhanden" seien. Dabei blieb er auch, nachdem der Firmenpatron als Stasi-IM enttarnt war. Allerdings fand er fortan den Preis zu hoch und verlangte ein "markt- und ortsübliches Mietangebot". Lochotzke offerierte Olympia-symbolische 2012 Euro. Dennoch läuft, wie Pöker-Sprecher Kunze am Dienstag gegenüber SPIEGEL ONLINE erklärte, "ein Prüfauftrag der Bürgerschaft zur Unterbringung des Olympiabüros in Räumen der Stadt".

Dass die Verantwortlichen diesmal fündig werden, gilt in Rostock als ausgemacht. Schließlich haben NOK und Bundesregierung, in Gestalt von Innenminister Otto Schily, klar gestellt, dass zukünftig nicht ein einziger Schatten auf der Bewerbung lasten dürfe. Deshalb soll auch der Förderverein "Olymp-Club" aus dem Lochotzke-Bau ausziehen. Den gefallenen "Herr der Ringe" ("Bild"-Zeitung) mag dies schmerzen, doch viele in Rostock werden den Verdacht nicht los, dass sich sein Olympia-Engagement auch anderweitig bezahlt gemacht hat.

Filet-Grundstück mit Ostseeblick

Der Grund: Erst vor wenigen Wochen erhielt Lochotzke den Zuschlag für ein Filet-Grundstück mit Ostseeblick in Rostock-Warnemünde. Das war bereits im März 2002 öffentlich ausgeschrieben worden - mit der Auflage, die Nutzung des 1000-Quadratmeter-Areals "an die bestehende Bebauung im Strandweg" anzupassen, die weitgehend von dreigeschossigen Villen geprägt ist. Elf Bieter beteiligten sich. Ende Mai 2002 erhielten zehn eine Absage. Dann war Ruhe, neun Monate lang. Am 28. Februar 2003 schrieb das Rostocker Liegenschaftsamt die Interessenten erneut an und teilte mit, "aufgrund planerischer Änderungen" ziehe die Stadt "ihre öffentliche Ausschreibung zurück, das bedeutet, es wird für keinen Bieter ein Zuschlag erteilt". In "einer beschränkten Ausschreibung" solle nun allen bisherigen Bietern "Gelegenheit gegeben werden, unter Berücksichtigung der neuen Prämissen ein erneutes Angebot abzugeben".

Eine detaillierte Beschreibung der veränderten Bedingungen lag bei. Die im "Erbbaurecht für 99 Jahre" zu vergebende Grundstücksfläche war auf 2550 Quadratmeter erweitert worden und auch die Bauvorgaben hatten sich geändert. Von einer Orientierung an den Villen in der Nachbarschaft war nun keine Rede mehr, stattdessen wurde eine Firsthöhe von 21 Metern gewünscht. "Mit dem Gebot", schrieb Amtsleiterin Sabine Kahle den Interessenten, "ist das Nutzungs- Finanzierungs- und Planungskonzept schlüssig darzulegen. Eine zeichnerische Darstellung des zu errichtenden Gebäudes wird erwartet" - binnen drei Wochen. Für die meisten der Angeschriebenen eine Frist, die kaum einzuhalten war - schließlich hatten sie ihre Konzepte an einer dreigeschossigen Villenbebauung orientiert. Darüber hinaus war ihnen neun Monate zuvor definitiv abgesagt worden.

"Weitaus größere wirtschaftliche Bedeutung"

Lochotzke hatte Pläne für eine fünfgeschossige Luxusresidenz aus Glas und Stahl zur Hand, die den neuen Vorgaben entsprachen. Damit, so sagt er, sei er schon bei der ersten Auschreibung angetreten. Den Verdacht, der zweite Durchgang sei von der Stadt - als eine Art Dank für sein Olympia-Engagement - genau auf sein Vorhaben hingedreht worden, weist er zurück. Als Meistbietender, argumentiert Lochotzke, hätte er theoretisch schon nach der ersten Bieterrunde bauen können, wenn er den Zuschlag erhalten hätte. Wirtschaftliche Vorteile, ein größeres Bauvolumen etwa, seien mit der zweiten Auschreibung nicht verbunden gewesen.

So argumentieren auch die Stadtoberen. In einer Stellungnahme für die Bürgerschaft heißt es, "die Bedingungen" hätten sich "nicht wesentlich verändert". Dumm nur, dass die Leiterin des Liegenschaftsamts in ihrem Brief an die Bieter genau das Gegenteil als Grund für die zweite Runde angeführt hat. Dort heißt es: "Aufgrund der zulässigen höheren baulichen Ausnutzung bekommt das Grundstück eine weitaus größere wirtschaftliche Bedeutung."



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.