Von Steffen Müller
Chris Mohr ist in Deutschland einer unter vielen: Ein talentierter Hobby-Handballer, der es zwar in die Hessenauswahl geschafft hat, sich den Traum vom Profisportler aber nicht erfüllen konnte. Für den Offenbacher Club TSG Bürgel spielte er in Bezirksoberliga. Bei den Olympischen Sommerspielen ist er dennoch dabei - als Schlüsselspieler im Team des Gastgebers. Der Sohn einer schottischen Mutter folgte dem Casting-Aufruf des britischen Handballverbandes und bewarb sich um einen Platz in der britischen Nationalmannschaft.
In Großbritannien war Handball lange Zeit eine Randsportart unter den Randsportarten. Jahrelang nahm die britische Nationalmannschaft nicht einmal an Qualifikationen für Großturniere teil. Zwar gibt es nationale Ligen, diesen fehlt es aber an Qualität. Zudem mangelt es an Sporthallen, die den Maßen eines Handballfeldes entsprechen.
Als Gastgeber der Olympischen Spiele hat Großbritannien jedoch für jede Sportart einen Startplatz sicher. Als London 2005 den Zuschlag erhielt, war noch nicht einmal die Frage geklärt, ob das Nationale Olympische Komitee Großbritanniens überhaupt eine Mannschaft melden würde. Die Bedingung für die Teilnahme war, dass ein Team an den Start geht, das einigermaßen konkurrenzfähig ist und sich nicht blamiert.
Handball-Ausbildung in Dänemark
Nach zahlreichen Sichtungslehrgängen schaffte es Mohr 2006 als 16-Jähriger gemeinsam mit weiteren Auswahlspielern zur intensiven Förderung in ein Sportinternat im dänischen Aarhus. Für seinen Traum von Olympia brach er nach dem Realschulabschluss die Schule ab und schloss sich dem Club Odder Håndbold in der dritten dänischen Liga an. Seinen Lebensunterhalt verdiente er fortan als Bäcker.
Um bei den Olympischen Sommerspielen dabei sein zu können, hat Mohr sein gewohntes Leben aufgegeben. Bereut hat er diese Entscheidung nicht. "Bei Olympia sind die 10.500 besten Sportler der Welt dabei. Diese zu treffen und vielleicht mit Usain Bolt zusammen an einem Tisch zu essen ist einmalig," sagt Mohr.
Anfang Juli wurde der britische Kader benannt, Mohr stand auf der Liste der 14 Handballer. Eine Überraschung war das nicht, der heute 22-Jährige ist Leistungsträger im Team des serbischen Trainers Dragan Djukic. Mit 144 Toren in 44 Länderspielen ist er zweitbester Torschütze seiner Mannschaft. "In den letzten Testspielen stand ich 50 bis 60 Minuten auf dem Feld. Ich gehe davon aus, dass ich auch in London Stammspieler sein werde", sagt Mohr, der im Rückraum auf Halblinks oder in der Mitte eingesetzt wird.
Amateuren gegen Weltklasse-Profis
Obwohl keiner von Mohrs Teamkollegen in den europäischen Top-Ligen spielt, hat der britische Handballverband das Viertelfinale als Ziel ausgegeben. "Ich bin der Meinung, dass wir das erreichen können," sagt auch Mohr. Dafür muss das britische Team in der Vorrundengruppe A den vierten Platz erreichen. Hinter Titelverteidiger und Weltmeister Frankreich, Schweden und Island kämpft Großbritannien gegen Tunesien und Argentinien um den Einzug in die K.o.-Runde. "Diese beiden Mannschaften müssen wir schlagen", sagt Mohr.
Das Training und die Videostudien wurden extra auf die Spiele gegen Tunesien und Argentinien ausgelegt. In einem Vorbereitungsturnier im April in London verlor Großbritannien jedoch deutlich gegen die direkten Konkurrenten. Mohr ist von der Qualität der Mannschaft dennoch überzeugt. "Wir haben riesige Fortschritte gemacht. Außerdem haben im April wichtige Spieler gefehlt."
Im Auftaktspiel gegen Frankreich am Sonntag (20.30 Uhr) ist Großbritannien klarer Außenseiter. Gegen Weltklassespieler wie Nikola Karabatic und Daniel Narcisse geht es für Großbritannien nur darum, das Erlebnis Olympia zu genießen. "Es ist etwas ganz Besonderes, gegen diese Ausnahmesportler anzutreten", sagt Mohr. Eine neue Erfahrung ist es für ihn jedoch nicht.
Als der TuSEM Essen in der Rückrunde der Saison 2008/2009 die Spieler ausgingen, verpflichtete der insolvente Bundesligist Mohr und fünf Nationalmannschaftskollegen, um einen vollständigen Kader zu haben. Zu zwölf Einsätzen kam Mohr in dieser Zeit. "Jetzt bei Olympia mit dem Publikum im Rücken erneut auf diese Spieler zu treffen ist eine schöne Sache." Mittlerweile kommen bereits 1000 bis 1500 britische Fans zu den Spielen.
Nach den Olympischen Spielen wird Mohr wahrscheinlich zurück nach Dänemark zu seinem jetzigen Verein Odder gehen. Er könnte auch in die zweite dänische Liga wechseln, will sich aber auf die Ausbildung konzentrieren. Derzeit holt er per Fernschule sein Abitur nach. Der Traum vom Profihandball wird sich für Mohr nicht erfüllen - der von Olympia schon.
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