Frust nach Olympia: Wenn Gold nicht zu versilbern ist

Von Thorsten Eisenhofer

Deutsche Olympia-Helden: Medaille in London, und dann? Fotos
REUTERS

Vor einem Jahr kämpften die Besten der Welt bei Olympia in London um Edelmetall. Die Spiele haben den Gewinnern von Medaillen viel Aufmerksamkeit gebracht - kurzzeitig. Für manchen Athleten aus einer Randsportart blieb danach nicht viel mehr hängen als die Medaille um den Hals.

Ab und zu schaut sich Fechter Sebastian Bachmann das Video vom Gewinn der Bronzemedaille mit der Florett-Mannschaft bei den Olympischen Sommerspielen an. Er sieht dann, wie er im kleinen Finale gegen die USA von der Planche stürzt und sich dabei das Knie verdreht, er sieht dann, wie Ersatzmann André Weßels ran muss und Deutschland mit ihm souverän 45:27 gewinnt.

"Ich spüre trotz meiner damaligen Verletzung immer noch Freude, manchmal überkommt mich eine Gänsehaut, ich bin dann fast den Tränen nah", sagt der 26-Jährige: "Das Gefühl hält ein paar Stunden an. Dann verschwindet es wieder. Es verschwindet wieder, weil die Olympia-Medaille von außen einfach nicht so gewürdigt wird. Sie ist Vergangenheit, interessiert keinen mehr."

44-mal Edelmetall holten deutsche Athleten bei den Olympischen Spielen in London. Einige der Medaillengewinner, Leichtathlet Robert Harting etwa oder Fechterin Britta Heidemann, konnten ihren Marktwert dadurch nochmals steigern. Beide waren allerdings schon vor London Stars.

Im Deutschen Haus ein Auto versprochen

Auch allen anderen Medaillengewinnern bringt Olympia öffentliche Aufmerksamkeit - für ein paar Wochen. Ein Jahr nach den Spielen von London bleibt für manchen Athleten nicht viel mehr hängen als die Medaille um den Hals. Sie haben es bei der Suche nach Sponsoren, bei der Finanzierung von Trainingslagern, bei der Erwähnung in den Medien genauso schwer wie zuvor. "Man denkt, als Olympiasieger ist vieles möglich, aber in Randsportarten ist dies sehr, sehr schwer", sagt Tim Grohmann, Olympiasieger im Doppelvierer.

August 2012: Die Hoffnungen sind noch groß. Schließlich fühlen sich die meisten Medaillengewinner in den ersten Tagen und Wochen wie Stars. Fernsehauftritte, Ehrungen und Empfänge, viele Leute, die plötzlich Werbeverträge oder eine sonstige Unterstützung versprechen. "Wir haben schon am Abend nach dem Goldmedaillengewinn im Deutschen Haus viele Unterhaltungen geführt, unter anderem mit einem Chef von VW, der uns ein Auto versprach", sagt Grohmann.

Bekommen hat er bislang keines. Wie auch Karl Schulze nicht, mit Grohmann Olympiasieger im Doppelvierer. "Viele Leute verkörpern nach außen die Bereitschaft, zeigen und präsentieren sich gerne mit einem. Die Anerkennung für die Leistungen ist groß, die Bereitschaft für finanzielle Unterstützung ist es aber meistens nicht", sagt der 25-Jährige. "Finanzielle Vorteile haben mir die Olympischen Spiele keine gebracht. Mehr als ein paar vergütete Autogrammstunden gab es nicht."

Bundeswehr und Polizei als verbleibende Sponsoren

15.000 Euro bekommt ein Olympiasieger von der Deutschen Sporthilfe, 10.000 ein Silbermedaillengewinner, 7500 ein Bronzemedaillengewinner. Eine "Aufwandsentschädigung", befindet Schulze - und für manchen Medaillengewinner der einzige finanzielle Gewinn, den ihm die Olympischen Spiele bringen. "Ich dachte, dass sich vom Sponsoring her mehr machen lässt", sagt Helena Fromm, Dritte in London. Fromm ist ein aufgeschlossener Mensch, vom Typ her eigentlich ähnlich gut zu vermarkten wie die zurückgetretene Biathletin Magdalena Neuner. Fromms Probleme: Die 25-Jährige ist nicht Biathletin, sondern Taekwondo-Kämpferin. Und Taekwondo ist in Deutschland eine Rand-Randsportart.

Für viele Medaillengewinner bleiben somit Bundeswehr oder Bundespolizei, wo sie in der Sportfördergruppe sind, als einzig ernsthafte Geldgeber. "Etwa 80 Prozent meiner Einnahmen macht weiterhin mein Gehalt bei der Bundespolizei aus", sagt Schulze. Da bleibt nicht viel Geld für Altersvorsorge und ähnliches. Die Athleten verschleißen jahrelang ihren Körper und können froh sein, wenn sie nicht noch drauflegen müssen. "Geld kann ich nur zurücklegen, wenn ich auf andere Dinge verzichte", sagt Fechter Bachmann. Gerade ist er vom OFC Bonn zu seinem Heimatverein nach Tauberbischofsheim zurück gewechselt, weil er dort wenigstens eine geringe finanzielle Unterstützung erhält.

"Zwei, drei Monate nach Olympia interessiert sich keiner mehr für dich", sagt Bachmann. Ende Juni diesen Jahres wurde er mit dem Florett-Team in Zagreb Europameister. Ein Titelgewinn, der medial kaum stattfand. "Da kam gar nichts", sagt Bachmann.

Ähnliche Erfahrungen machte auch Taekwondo-Kämpferin Fromm. "Wenn ein deutscher Taekwondo-Kämpfer bei einer Europameisterschaft eine Medaille holt, dann wird das ja nicht mal im Videotext vermeldet. Bei einer anderen Sportart wird schon der Deutsche Meister erwähnt."

Fromm, Grohmann, Schulze und Bachmann haben nach Olympia erst mal bis zu einem halben Jahr pausiert, um den Körper zu regenerieren und den Geist zu erfrischen. Sie haben in dieser Auszeit gemerkt, wie schnell der Starruhm vergeht. Schulze sagt: "Mir ist die Erkenntnis geblieben, dass man seinen Olympiasieg zum größten Teil für sich selbst gewinnt."

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insgesamt 69 Beiträge
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1. ....
kastenmeier 31.07.2013
Zitat von sysopVor einem Jahr kämpften die Besten der Welt bei Olympia in London um Edelmetall. Die Spiele haben den Gewinnern von Medaillen viel Aufmerksamkeit gebracht - kurzzeitig. Für manchen Athleten aus einer Randsportart blieb danach nicht viel mehr hängen als die Medaille um den Hals. Olympia: Frust bei deutschen Medaillengewinnern von London 2012 - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/olympia-frust-bei-deutschen-medaillengewinnern-von-london-2012-a-913510.html)
Ist doch sehr schön, das man in Deutschland sich seiner Sportart, die nicht vermarktbar ist, widmen kann und einen der Mantel der Bundeswehr oder Polizei warmhält und für Training und Wettkämpfe freistellt. Ansonsten müsste ich mir samstags um 15.30 h statt unterhalsamem Sport tierisch langweilige Ruderwettkämpfe oder sowas reinziehen, damit die Athleten satt werden - vielen Dank an die Deutsche Sporthilfe.
2.
waldschrat80 31.07.2013
Mir ist ein Rätsel warum es überhaupt (öffentliche) Förderung von Leistungssport gibt. Was bitte hat Deutschland davon, wenn jemand die Goldmedaille gewinnt? Wer Leistungssport betreiben möchte, dann bitte in der Freizeit (zumindest nicht gefördert von Polizei / BW) und auf eigene Kosten. Dann lieber das Geld in den Breitensport investieren.
3.
Politikum 31.07.2013
So ist das in Randsportarten eben. Dafür ist die Erfolgschance eben auch höher. In Massensportarten wie Fußball muss man auch erstmal gegen die Horden an Konkurrenten ankommen, die allesamt millionenschwere Sportler werden wollen. Fechten und Co. interessiert eben auch fast keinen. Selbst ein Olympiagewinn ist da halt kein Garant für rollenden Rubel. Allerdings ist es etwas fragwürdig, was unsere Sportler mittlerweile mit einer Medaille zu verbinden scheinen. Eigentlich dachte ich, man macht das wegen des Wrfolgs an sich und nicht wegen der Brieftaschenfüllung ...
4.
mcmercy 31.07.2013
Nun es ist ja wie überall, Abgebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Wenn keiner diese Sportarten sehen will, dann gibts auch kein Geld. Andererseits hängt es von den Leuten selber ab, heutzutage kann man mit jedem Quark ins Fernsehen kommen, jeder C-Promi tritt in irgendwelchen dämlichen Shows auf und kassiert ab, man darf sich nur nicht zu schade dafür sein. Viele Sportler sind aber auch einfach mediale Nieten, die sind vor der Kamera und in Talkshows zum Gähnen langweilig, die lädt dann auch keiner mehr ein. Interessante Typen verdienen immer ihr Geld.
5. Der falsche Massstab
m-berger 31.07.2013
Irgendwie ist es schon unfair, dass die Sportler einen reich und berühmt werden und die anderen nicht. Doch - ist der Rummel und das Geld bei den Hauptsportarten derart übertrieben, dass sie schwerlich Vorbild sein können. Hier zerstört das Geld den Sport. - ist die Leistungsdichte bei den Hauptsportarten viel grösser und es ist ungleich schwieriger sich durchzusetzen. - gibt es halt Sportarten, welche spannender anzuschauen sind als andere. - ist die ganze Sache freiwillig.
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