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Olympia-Glosse: Schnaps für den Trinker

Von Matthias Matussek, London

Die Vergabe der olympischen Spiele nach London ist eine Katastrophe, die den Weltfrieden bedrohen kann. Jeder, der in Zukunft eine Entscheidung gegen London treffen wird, muss mit einer Nation rechnen, die das Verlieren endgültig verlernt hat.

Ein Brite feiert Olympia-Entscheidung: Das falsche Signal
AFP

Ein Brite feiert Olympia-Entscheidung: Das falsche Signal

Man darf schon jetzt davon ausgehen, dass eine zweifelhafte Entscheidung gegen das britische Basketballteam zu Massenverhaftungen führen wird. Verlieren, das ist nicht mehr drin auf der Insel. Schon lange nicht.

Vor gerade mal zwei Wochen feierten die Briten den Sieg über die Franzosen, vor einer winkenden Queen, mit 150 Schiffen bei Trafalgar. Nachts projizieren sie derzeit Bilder von Churchill und der königlichen Familie und den siegreichen RAF-Bombern auf die Fassade des Buckingham Palace, um den Sieg im Zweiten Weltkrieg zu begehen. Restaurants? 15 der 50 besten auf der Welt sind britisch. Fußball? Liverpool holte gerade den Champions-League-Pott auf die Insel. Charity? Am Wochenende besiegte Bob Geldof mit Pink Floyd im Hyde Park die Armut auf der Welt. Ich war dabei, ich kann es bestätigen, wohin man auch schaute, nirgends Armut. Es gelingt ihnen alles.

Was hindert die Briten jetzt eigentlich daran, Schleswig-Holstein anzugreifen? Nicht, dass es schade wäre um Schleswig-Holstein, aber hier geht es ums Prinzip.

Diese Olympia-Vergabe ist das falsche Signal. Sie ist die zusätzliche Pulle Schnaps für den Trinker, der eigentlich trockengelegt werden sollte. Sie peitscht die Nerven einer selbstverzückten Nation, statt sie in begütigenden therapeutischen Gesprächen zu beruhigen. Alle anderen wären dran gewesen. Selbst Leipzig. Denn alle anderen sind seit Jahren nur Verlierer. Und jetzt geht die Sause wieder an den, der die reichsten Eltern hat und den keiner leiden kann. Wieder an den, der bereits alles hat: Wirtschaftswachstum, Pink Floyd, Rachel Weisz.

Es dürfte auch dem letzten klar sein, dass diese kleine Insel in der Nordsee, von der man vor knapp 30 Jahren annehmen durfte, dass sie an einen Schrott-Händler aus New Jersey verkauft werden würde, denkt, sie sei wieder das Empire und Nabel der Welt.

Das tut sie ständig und tut sie schrill.

Großbritannien ist das Land der neureichen Slobs. Es ist laut, fährt dicke Autos und trinkt zuviel. Es ist das Land, das die meisten Pillen schluckt. Rosa Trainingsanzüge werden hier für Mode gehalten. Doch die Zeitungsartikel schwärmen von der Mode-Hauptstadt der Welt.

Olympia? Dabei sein ist alles? Lachhaft. Das Mantra dieser neureichen Brutalo-Gesellschaft könnte unolympischer nicht sein: Nur der Reichste, der Größte, der Rücksichtsloseste zählt. Eventuell noch der mit dem Adelstitel. London ist ein einziger Verstoß gegen die olympische Idee. Die Engländer mögen niemanden. Sie mögen noch nicht mal sich selber. Um das zu kompensieren, müssen sie sich dauernd anhören, wie gut und weltoffen sie sind. Und jetzt haben sie es noch einmal in Singapur gehört. Im Sport wird so was Eigendoping genannt. Auch das ein Verstoß gegen die olympische Idee.

Sie glauben an ihre eigenen Lügen. Beispiele dieser Verzerrungen in der Selbstwahrnehmung? Die Sache mit den Restaurants ist das wohl lachhafteste. Jeder weiß, dass Engländer an grauenhaft zerkochte Eintöpfe gewöhnt sind. Nun tauchte diese ominöse Welt-Besten-Liste auf, mit der sich die Insel wochenlang in ihren Leitartikeln selber feierten: "Wir sind endlich Kulturnation wie die Franzosen" Die triste Wahrheit: Die Liste war nicht etwa das Ergebnis eines Fachgremiums, sondern wurde von zwei gelangweilten Guardian-Redakteuren in einer Fish-and-Chips-Bude zusammengestellt und von ernsthaften Restaurant-Kritikern vom Kontinent kurz darauf in der Luft zerfetzt.

Lauter Wahrnehmungsfehler. Und Glück. Und Chuzpe. Beispiel Fußball: Jeder hat gesehen, dass AC Mailand spielerisch besser war als Liverpool. Und darüber hinaus sahen die Spieler Mailands besser aus, und das gleiche galt für ihre Frauen. Aber wer gewann? Eben. Beispiel Saddam Hussein: Natürlich gab es nie die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen. Es gab nur den Wunsch Tony Blairs, die Welt zu retten. Jeder auf der Insel weiß, dass sich Blair nachmittags, wenn Cherie arbeiten ist, vor dem Spiegel als Supermann verkleidet und dann heimlich mit Georg Bush telefoniert und über Krypton-Waffen fachsimpelt.

Nein, die traurige Wahrheit dieser olympischen Entscheidung ist, dass niemand in Singapur an ihr interessiert war. Alle glaubten Blairs Augenaufschlägen und Beteuerungen, dass es "große Spiele" werden würden, "diesmal wirklich, kein Scheiß, und vielleicht finden wir auch Massenvernichtungswaffen".

Dabei weiß jeder, der schon mal in London war, dass diese Spiele nur scheitern können. Wie sollen die Sportler pünktlich sein bei U-Bahnen, die ständig in Tunneln steckenbleiben? Wie sollen sie ihr inneres Gleichgewicht finden, wenn sie umgeben sind von gepiercten übergewichtigen betrunkenen Teenagern, die String-Tangas über ihren Beckenfettwülsten tragen, und von ihren Freunden, die sich mit ihren Fotohandys filmen, während sie jemanden vermöbeln?

Wo sollen die Athleten und ihre Betreuer und ihre Familien wohnen, wenn die Londoner Übernachtungs- und Restaurantpreise sämtliche Entschuldungsprogramme der armen Drittwelt-Länder zur Makulatur werden lassen? Wie sollen sie mit der abgrundtiefen Gemeinheit und Gehässigkeit des englischen Publikums und seiner Presse umgehen, für die Siegesfeiern nur dann schön sind, wenn der Unterlegene auch wirklich gedemütigt und in den Dreck getreten wurde?

Fair play? Darüber hat man sich schon im letzten Jahrhundert schief gelacht, wenn der Treter Nobby Stiles dem deutschen Helden Karl-Heinz Schnellinger unter dem Johlen der Ränge die Beine weggesichelt hat. Nun also veranstalten die von sich selbst betrunkenen Engländer die olympischen Spiele. Das ist so gespenstisch wie ein englischer Premier, der behauptet, er wolle Europa retten.

Armes Schleswig-Holstein.

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Forum - Olympia 2012 - Ist London eine gute Wahl?
insgesamt 109 Beiträge
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1.
ocs1411 06.07.2005
---Zitat von sysop--- Die Jury hat entschieden, London jubelt: Die Olympischen Spiele 2012 finden an der Themse statt. Von Mal zu Mal sind die Anforderungen an Sicherheit und organisatorischem Einsatz für den Ausrichter der Spiele gewachsen. Wie finden Sie die Entscheidung des IOC? ---Zitatende--- Ungerecht. Paris wäre dran gewesen, außerdem ist London nun schon zum dritten Mal Ausrichter. ---Zitat von sysop--- Wird London die Aufgabe meistern? ---Zitatende--- Natürlich. Und dazu wird den Londonern eine Sonderkonjunktur geschenkt, denn der organisatorische Aufwand ist extrem teuer. Wenn ich nur an die Planungen denke, die vorgestellt wurden. ---Zitat von sysop--- Hat ein deutscher Bewerber 2016 wieder eine Chance? ---Zitatende--- Nein. Eine Bewerbung wäre unsinnig. Europa wird mit Sicherheit nicht wieder dran sein. Amerika, vielleicht sogar Afrika. Oder Dubai?
2.
FaripiY, 06.07.2005
Ob London eine gute Wahl ist vermag ich nicht zu beurteilen. Frankreich (Paris) hat aber verdient verloren. Europa ablehnen, aber gleichzeitig einen (so die Theorie) völkerverbindenden Wettbewerb auszutragen wollen....
3. London - Na Klar
Iris, 06.07.2005
Als Wahl Londonerin bin ich natuerlich sehr froh ueber den Ausgang dieser Wahl. Aber Paris hatte eindeutig das bessere Programm. Fuer Londons Eastend ist es jetzt eine riesen Chance. Mein Haus ist nur ungefaehr anderhalb Kilometer entfernt vom zukuenftigen olympischen Dorf. Aufregende Zeiten.
4.
tigre, 06.07.2005
die entscheidung kann ich nur bedingt nachvollziehen, sicher haben die ihre gründe, aber die präsentation der franzosen war eindeutig besser und london wird halt noch teurer werden... natürlich packt das die insel, keine frage.. 2016 sieht es nicht nur für deutsche städte schlecht aus. meiner meinung nach wäre jetzt mal afrika an der reihe, oder südamerika. das (politische und wirtschaftliche) ausmaß solch einer veranstaltung darf man ja nie unterschätzen. gerade für die afrikanischen staaten..
5.
Andreas Hoberg, 06.07.2005
was soll ich dazu sagen, da ich in London lebe... was gibt es mit Sicherheit - ein Riesenorganisationchaos. - ein totales Verkehrschaos. - steigende Hauspreise. - unglaublichen Enthusiasmus. - wegen der Internationalitaet der Bevoelkerung Londons werden es sehr internationale Spiele werden. aber wie gesagt, es werden keine "well organized games" sein.
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