Olympia in Rio Deutsche Sportler empört über Bundesregierung

Merkel, de Maizière, von der Leyen - nicht ein deutscher Spitzenpolitiker ist nach Rio gereist. Sportler ärgern sich und wollen einen diplomatischen Empfang boykottieren.

Olympia-Eröffnungsfeier
REUTERS

Olympia-Eröffnungsfeier


Im deutschen Olympia-Team ist Kritik am Fernbleiben von Spitzenpolitikern laut geworden. "Dass keiner aus der Führungsriege den Weg nach Rio findet, worauf die Sportler vier Jahre lang als Ziel hart hingearbeitet haben, ist respektlos den Sportlern gegenüber", sagte Bob Hanning, Vizepräsident Leistungssport im Deutschen Handballbund (DHB).

Aus Protest habe er seine Teilnahme an einem Empfang beim deutschen Generalkonsul abgesagt, "um einfach auch da ein Zeichen zu setzen, dass wir damit nicht einverstanden sind".

Auch DOSB-Vizepräsident Ole Bischof hat von der Bundesregierung mehr Unterstützung für den deutschen Sport gefordert. "Wenn wir ins Stadion schauen und sehen zahlreiche Staatschefs und andere hohe Vertreter, dann bestätigt das sichtbar den Stellenwert des Sports in diesen Ländern", sagte der Judo-Olympiasieger von 2008 in Rio de Janeiro. "Gerne hätte ich unsere Kanzlerin gesehen. Unseren Athleten fällt das auf", sagte der Vizepräsident Leistungssport des Deutschen Olympischen Sportbundes.

"Emotionale Unterstützung von der Bundesregierung"

Zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele am Freitag war kein Mitglied der Bundesregierung angereist, insgesamt waren allerdings nur 18 Staats- und Regierungschefs dort. "Auf jeden Fall brauchen wir künftig mehr Unterstützung gerade auch vonseiten der Bundesregierung - nicht nur materiell, insbesondere emotional", forderte Bischof. "Denn wir müssen leider nennenswerte Defizite in allen Bereichen feststellen, vom Schulsport bis hin zum Spitzensport auf Weltniveau."

Bundespräsident Joachim Gauck hatte krankheitsbedingt abgesagt, der für den Sport zuständige Bundesinnenminister Thomas de Maizière verzichtete auf eine Reise nach Brasilien. "Die vielfältigen aktuellen Herausforderungen erfordern derzeit zu seinem Bedauern seine ganze Kraft und Anwesenheit im Inland", hatte das Ministerium mitgeteilt.

Hanning könne verstehen, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht nach Rio reise. Jedoch sehe er de Maizière oder auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen in der Pflicht. Beide Ministerien sind als Arbeitgeber wichtige Förderer des Sports. "Wir haben so viele tolle Sportler, die haben so große Ziele und dafür so viele Entbehrungen in Kauf genommen, damit sie hier sind, dass auch das Anrecht da ist auf eine Wertschätzung", sagte Hanning.

mka/dpa



insgesamt 70 Beiträge
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curiosus_ 10.08.2016
1. Wen interessieren ...
... schon die Kommerzspiele? (Fast) niemanden, deshalb lässt sich da für Politiker kein Wähler-Blumentopf gewinnen. Der Aufwand einer Stippvisite wäre für die Katz. Schließlich muss man auch als Politiker Prioritäten setzen, dann doch lieber in den (Privat-) Urlaub.
kumi-ori 10.08.2016
2.
Gute Sache! Wenn weniger Politiker kommen, dann werden weniger Hotelbetten gebraucht. Und wenn weniger Hotelbetten gebraucht werden, muss die Polizei weniger Einwohner mit dem Schlagstock aus ihren Wohnungen entfernen. Und Erythropoetin und Anabolika verkaufen sich auch ohne Bundeskanzler und Minister.
mcbarby 10.08.2016
3. Ich finde es gut...
dass die Politiker auf diese Weise Kritik an den Pharma-Spielen zeigen. Welche Möglichkeit außer dem Anwesenheits-Boykott bleibt ihnen denn? Ich zeige mich da ebenso solidarisch und schaue mir nicht eine Minute im TV an.
ivanogor 10.08.2016
4. Politiker haben besseres zu tun
Diese Arroganz, dass Sportler besondere Aufmerksamkeit verdient hätten. Kommt runter auf dem Teppisch, dass ihr ebenso nur Menschen wie jeder andere seit.
joerg.braenner 10.08.2016
5. Wen interessiert Olympia?
Das Verhalten der deutschen Politik finde ich mehr als nachvollziehbar. Es muss doch mittlerweile für den letzten Naiven klar geworden sein, dass die olympischen Spiele nichts anderes mehr sind als ein Doping-Wettkampf. Ich habe kein Interesse mehr daran, sportliche Wettkämpfe zu verfolgen, die nichts anderes sind als die mediale Inszenierung von nationalistischem Größenwahn. Wie auch schon bei Teilen der Fußball-WM geht es doch auch bei Olympia nicht mehr um fairen und edlen sportlichen Wettkampf, sondern nur noch um Profilierungssucht einzelner Staaten. Armselig und belanglos, am besten ignorieren.
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