Änderung der Olympia-Normen Reaktion auf Doping oder Angst vor Klagen?

Warum hat der DLV seine Olympianormen geändert? Will der Verband ein Signal gegen Doping in der Leichtathletik setzen? Oder gibt es andere Motive? Die wichtigsten Antworten.

Marathon-Zwillinge Hahner: Auf einmal innerhalb der Norm
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Marathon-Zwillinge Hahner: Auf einmal innerhalb der Norm


Was ist passiert?

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat 17 von 43 Einzelnormen angepasst, mit denen sich Athleten für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro qualifizieren können. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), der die Nominierungen für Rio absegnen muss, hat dieser Maßnahme zugestimmt.

Wie begründet der Verband diese Maßnahme?

Vor allem mit der Dopingkrise des Sports: "Wir haben uns vor dem Hintergrund der skrupellosen Verfehlungen in der internationalen Leichtathletik in der Verpflichtung gesehen, einen Ausgleich der Interessen und der Chancen für unsere ehrlichen Athleten vorzunehmen", sagt DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen. "Für uns zeigt sich immer mehr, dass das statistische Material, auf das wir zur Entwicklung der Normen zurückgegriffen haben, in hohem Maße belastet, also nicht manipulationsfrei war und ist, so Kurschilgen weiter.

Der Verband geht also davon aus, dass die eigenen Athleten "ehrlich" sind, und dass viele der Medaillenkandidaten anderer Verbände es nicht sind. Die Normen liegen nun in fast allen Disziplinen auf dem Niveau der Vorgaben des internationalen Verbands IAAF, mit Ausnahme der Straßenwettbewerbe Gehen und Marathon, in denen sie weiterhin schärfer bleiben (aber auch leicht angepasst wurden).

Warum gab es bisher so scharfe Normen im DLV?

In der Präambel der Nominierungsrichtlinien des Verbands wird "der hohe Leistungsanspruch, den der DLV für seine Nationalmannschaften formuliert hat" betont. Ziel des Auswahlverfahrens sei es, "diejenigen Athleten zu nominieren, die die bestmögliche Platzierung bei den internationalen Meisterschaften, Vergleichswettkämpfen und Länderkämpfen erwarten lassen".

Das passte zur Forderung von Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Der hatte im vergangenen Sommer gesagt: "Wir müssten eigentlich nach der Tradition in beiden deutschen Staaten und nach unserer Wirtschaftskraft, mit der wir den Spitzensport fördern, mindestens ein Drittel mehr Medaillen bekommen, vielleicht mehr." Deutschland gehöre "in die Spitzengruppe der Nationenwertung". Mehr Geld wollte der Bund für die Erreichung dieses Ziels allerdings nicht bereitstellen.

Welche Rolle spielten die Proteste von Athleten?

Möglicherweise eine größere als die Sorge um Doping im Weltsport. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" weist darauf hin, dass die beiden Marathonläufer Philipp Pflieger und Julian Flügel mit einer Klage gegen den Verband drohten. Beide hatten die IAAF-Normen für Olympia erfüllt, waren aber an den viel härteren DLV-Vorgaben gescheitert. Beide liegen durch die Änderungen auf einmal doch innerhalb der Olympianorm, bevor es zu einem Prozess kommen konnte.

Womöglich will der Verband einen zweiten Fall Charles Friedek verhindern. Der Dreispringer hatte den DOSB wegen seiner Nichtnominierung für die Olympischen Spiele 2008 auf Schadensersatz in sechsstelliger Höhe verklagt, und war damit in letzter Instanz vor dem Bundesgerichtshof erfolgreich gewesen. Die Affäre könnte den Verband letztlich mehr als 100.000 Euro kosten.

rae



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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
countrushmore 28.01.2016
1.
Jetzt müsste man die DLV-Normen erst mal mit anderen Ländern vergleichen. Haben die überhaupt eigene Normen oder betrachtet man es als selbstverständlich die eigenen Sportler zu nominieren, wenn diese sich qualifiziert haben?
gekreuzigt 28.01.2016
2. Wir habens doch.
Olympiatourismus. Die Teilnahme ist doch entscheidend. Gönnen wir den Kandidaten für Platz 20 und tiefer ruhig ein bisschen Urlaub auf Steuergeld.
ptb29 28.01.2016
3. Wenn man die Sportler nur zu Olympia lässt,
wenn sie sichere Medaillenkandidaten sind, zeigt das doch, dass die Verantwortlichen nicht begriffen haben, was Völkerverständigung und Sport sind. Der Deutsche ist Verlierer, wenn er 2. ist. Er wird mangels Förderung nicht vom Sport leben können. Trotzdem werden Spitzenleistungen verlangt. Dass die sich Normen an den Statistiken der Doper orientieren, zeigt wieder einmal, wie blauäugig die Funktionäre daherkommen.
lubitsch 28.01.2016
4. 36 nicht 17 Normen
Dieser Artikel ist ebenso wie derjenige der Faz noch von (absichtlichen?) Falschdarstellungen des DLV kontaminiert. November letzten Jahres hat die IAAF 17 Normen abgesenkt. Der DLV behauptet jetzt diesen Schritt wegen der Dopingproblematik nachvollzogen zu haben, so steht es noch am 25.1 auf leichtathletik.de. Allerdings hat der DLV wie sich nun zeigt zusätzlich zu den 17 Normen weitere 19 (!) Normen gesenkt, so dass de facto die schärferen Sondernormen des DLV komplett außer Kraft gesetzt sind mit Ausnahme der fünf Straßenwettbewerbe. Das hat mit Dopingungerechtigkeiten nichts zu tun, aber vermutlich sehr viel mit der Angst vor einer Klage durch Athleten.
jeremy_osborne 28.01.2016
5. Warum überhaupt verschärfte Normen?
Ich kenne mich nicht in allen Leichtathletik-Disziplinen aus, aber was beispielsweise den Marathonlauf angeht, ist es so, dass die Athleten mit Ausnahme von S. Mockenhaupt alle keine Sportsoldaten sind, soweit ich weiß. Die einzige Förderung durch den Verband besteht also eventuell in Zuschüssen für Trainingslager, alles andere kommt von privaten Sponsoren; zudem trainieren viele der Marathonis auch nicht beim Bundestrainer. Vor diesem Hintergrund ist es eine Frechheit, den Athleten den Traum Olympia durch verschärfte Normen künstlich zu verbauen. Der finanzielle Aufwand pro Sportler, der nach Rio mitkommt, dürfte wohl verschwindend gering sein (oder kostet das Zimmer im olympischen Dorf mehrere 100 Euro pro Nacht?) und die Funktionäre - die vermutlich in ordentlichen Hotels wohnen - fliegen vermutlich ohnehin nach Brasilien. Für den interessierten Fan ist gerade im Laufen ein 12ter oder 15ter Platz u. U. als hervorragende Leistung einzuordnen; da von Olympiatourismus zu sprechen ist einfach unangebracht. Und zum innenministerlichen Gerede von "Tradition" und "Wirtschaftskraft": Solange der Fokus der Öffentlichkeit und damit die Finanzströme im deutschen Sport auf Fußball, Fußball und Fußball gerichtet sind, ist es doch klar, dass hoffnungsvolle, nicht kickende Nachwuchssportler den Sport meist nur als (aufwändiges) Hobby betreiben können und parallel immer die Karriere danach im Blick haben müssen. Dass man da mit den USA und China konkurrieren will, wo Spitzensportförderung einen ganz anderen Stellenwert hat, ist schlicht illusorisch.
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